Neulich hat sich Dieter Burmester dann doch ein wenig gewundert. Burmester stand in einer Villa in Shenzhen, Boomtown im chinesischen Perlflussdelta. Sein Gastgeber, ein Unternehmer, der mit dem Verkauf traditioneller Heilmittel zu Wohlstand gelangt ist, führte ihn durch das Anwesen. Burmester registrierte barocke Pracht, viel Gold, Marmorböden mit Intarsien und in mehreren Zimmern jene edlen Klanggeräte, die seinen Namen tragen. „Der hatte jede unserer vier Referenzanlagen in den Zimmern stehen. Das hat ihn gut und gerne 600.000 Euro gekostet“, sagt Burmester. Ein weiteres Mal in seinem Leben durfte er sich bestätigt fühlen. Die edlen, handgefertigten Highend-Artefakte seiner Berliner Firma sind weltweit gefragt.

Dieter Burmester, so scheint es, ist mit seinem Unternehmen ein Gegenentwurf zum gängigen Modell der globalen und vernetzten Ökonomie. Seine edlen Highend-Komponenten – Lautsprecher, Verstärker und CD-Spieler – lässt er ausschließlich in Berlin-Schöneberg von 35 Mitarbeitern zusammensetzen. Jeder Widerstand, jeder Chip wird von Hand verlötet, Gehäuse aus Metall und Holz höchstselbst verarbeitet, angepasst und oberflächenveredelt. Vorgefertigte Komponenten verschmäht der 63-Jährige. Dafür reicht der Preis seiner handgefertigten Anlagen an den gehobener Mittelklasseautos heran. „Es gibt weltweit viele Menschen, denen der normale Anspruch nicht genügt“, sagt Burmester. Und Geld sei auf dem Globus genug vorhanden.

175 Milliarden Euro Umsatz

Gut 175 Milliarden Euro werden Jahr für Jahr auf dem globalen Marktplatz für Luxusprodukte umgesetzt. Gehandelt werden dort teure Autos à la Bugatti und Bentley, edles Seidentuch von Hermès, Uhren aus Glashütte und Schweizer Tälern. Aber auch zahlreiche Produkte kleiner deutscher Unternehmen zählen dazu. Sie fertigen mit viel Handarbeit sowie besten Bauteilen und Rohstoffen Kleinserien zu stolzen Preisen. Deutsche Manufakturen wollen nun unter einem einheitlichen Gütesiegel auftreten. Seit Dienstag gibt es nicht mehr nur „Made in Germany“, sondern auch „Handmade in Germany“. Unter diesem Siegel wollen sie auf sich aufmerksam machen, als Lobby auftreten und deutschen Luxus weiter in der Welt verbreiten.

Sieben deutsche Unternehmen gehören zu den Gründern der „Initiative Deutsche Manufakturen“. Neben Burmester sind dies der Küchenhersteller Poggenpohl aus Herford, der Sattelproduzent Stübben aus Krefeld, der Orgelbauer Klais aus Bonn, der Schreibfedern-Fertiger Bock aus Heidelberg, die Schuhmanufaktur Kay Gundlack aus Parchim und die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) aus Berlin. Zunächst einmal steht aber Pionierarbeit an. Und geleistet wird sie zum ersten Mal in einem Saal auf dem Gelände der KPM in Tiergarten.

Mit dem freien Bekenntnis zu Luxus sei das so eine Sache, führt Frank Müller aus. Müller berät Unternehmen, die mit edlen Gütern reüssieren wollen, und war früher Geschäftsführer des Uhrenherstellers Glashütte Original. Aus dieser Zeit erzählt er eine Anekdote. Vor ein paar Jahren richtete Müller mit Glashütte einen Empfang in der deutschen Vertretung in Paris aus. Müller bat den deutschen Botschafter, „nur für diesen Abend“ eine Glashütte-Uhr um das Handgelenk zu binden. Der Botschafter weigerte sich strikt. Die anwesenden Franzosen lächelten fein und nestelten demonstrativ an ihren Hermès-Krawatten. „Luxusprodukte gelten in der nivellierten deutschen Kultur als politisch nicht korrekt“, sagt Müller.

Doch gilt das wirklich? Es gibt wahrscheinlich kaum eine Unternehmensgattung, der in Deutschland ähnlich viel Sympathie entgegenschlägt. Kleinhersteller, Manufakturen fertigen in aller Regel ausschließlich in Deutschland. Ihre Inhaber verachten Massenproduktion als gesichtslos und setzen stattdessen auf wiedererkennbare, edle und langlebige Produkte. Diese Unternehmer reden ungern von Bilanz-Kennzahlen, sondern schwärmen für das, was sie fertigen. Sie sind für viele Menschen Zulieferer für das Bedürfnis nach Distinktion.

Ganz unbestreitbar gibt es in Deutschland eine Sehnsucht nach Produkten, die unverwechselbar sind, die aus der Masse herausragen und die – gern für einen hohen Preis – Beständigkeit versprechen. Frank Müller drückt es so aus: „Die Renaissance der Manufakturen stiftet Identität in einer komplexen Welt, in der sich viele Menschen leider verlieren.“ Manufakturen konservierten edle bürgerliche Traditionen.

Reisen mit der Kanzlerin?

Der neue Interessenverband will nun das tun, was Großunternehmen des Exportlandes Deutschland schon lange machen. Die Manufakturen wollen sich für Auslandsmessen verbünden. Man will gemeinsam werben. Und vielleicht gelingt es den Mittelständlern des Luxus auch einmal, zur Unternehmer-Entourage bei Auslandsreisen der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu gehören, so wie heute Bayer, Siemens und Co.

Zwar verkaufen Firmen wie der Küchenhersteller Poggenpohl und der Highend-Spezialist Burmester ihre Waren schon längst in aller Welt, doch so zielgerichtet wie Franzosen und Italiener werden Nobelunternehmen hierzulande noch nicht vermarktet. Das gilt auch für KPM. Der Berliner Bankier Jörg Woltmann hat das Unternehmen vor mehr als vier Jahren erworben. Damals lag es am Boden. Woltmann machte sich erfolgreich an die Sanierung.

Er registriert einen „deutlichen Aufwind hoher Handwerkskunst“. Sein Unternehmen verspricht Gedecke für ein ganzes Leben – und darüber hinaus. „Wem ein Teller eines alten Services kaputtgeht, kann nachbestellen“, sagt Woltmann. Solche Beständigkeit suchten immer mehr Leute in Deutschland und der ganzen Welt. Seine Kunden goutierten zudem, dass KPM nicht ständig das Rad neu erfinde. Seit mehr als 200 Jahren gibt es die Manufaktur. Neue Formensprache entwickelt sich mit Epochen und nicht im Jahreswechsel.

Doch was will er machen, wenn die „Initiative Deutscher Manufakturen“ eine solche Nachfrage auslöst, die die Kapazität eines handwerklich arbeitenden Betriebs bei Weitem übersteigt? „Es wäre sicherlich das Schlimmste, wenn die ganze Welt KPM-Geschirr wollte“, sagt Wortmann. Das gilt für alle: Eines wollen sie mit ihren Manufakturen auf keinen Fall produzieren: austauschbare Massenware für jedermann.