Warnstreik

Kunden in Geiselhaft der Lokführergewerkschaft

| Lesedauer: 2 Minuten
Nikolaus Doll

Reisende werden in den kommenden Wochen wohl häufiger auf Züge warten, die nicht kommen. Denn der GDL fehlt ein zentraler Verhandlungspartner.

Man braucht wenig Fantasie, um sich auszurechnen, welches Ergebnis die Lokführergewerkschaft kommenden Montag nach Auszählung der Urabstimmung bekannt geben wird: 90 Prozent und mehr der in der GDL organisierten Lokomotivführer werden für „richtige“ Streiks stimmen. Für einen Arbeitskampf also, der nicht mehr nur ein paar Stunden andauert, sondern zur Not unbegrenzt ausgetragen werden kann. Das allein ist schon eine Hiobsbotschaft für die Fahrgäste.

Zentraler Verhandlungspartner fehlt

Doch damit nicht genug. Was an diesem Punkt der Tarifauseinandersetzung wirklich Anlass zur Sorge gibt, ist die Auflösung der Privatbahnen als einheitliches Arbeitgeberlager. Damit droht diese Tarifrunde zu einem unübersichtlichen Kräftemessen zu werden, bei dem nicht mehr absehbar ist, wann und ob überhaupt eine Einigung erzielt werden kann. Denn nun müsste die GDL mit jedem einzelnen Bahnunternehmen Haustarifverträge abschließen. Das ist höchst komplex. Und es dauert, denn unter dem Dach der sechs Privatbahnen sind 25 Schienenunternehmen aktiv.

Ob die GDL dazu bereit ist, scheint fraglich. Schließlich will die Gewerkschaft einen Flächentarifvertrag – also gleiche Bedingungen in puncto Löhne und Arbeitszeiten für ihre Mitglieder bei allen Bahnunternehmen. So etwas schließt man in der Regel mit einem zentral organisierten Verhandlungspartner ab. Dieser fehlt nun. Die Kunden haben also Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen. Sie werden in den kommenden Wochen wohl öfter mal auf zugigen Bahnsteigen stehen und auf Züge warten, die nicht kommen. Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten. So verliert man selbst eingefleischte Bahnfahrer als Kunden. Deshalb sollten streitbaren Lokführer den Tarifkonflikt schleunigst beilegen. Nicht-Eisenbahner ist er inzwischen ohnehin völlig unverständlich.

Seit Jahren wird kaum etwas unversucht gelassen, die Menschen in diesem Land zum Umsteigen vom Auto in die Bahnen zu bewegen. Aber wer sich endlos mit kaputten ICE-Achsen, ausgefallenen Klimaanlagen im Sommer und ganzen Zugflotten beim ersten Schnee rumärgern muss, wird es sich irgendwann zwei Mal überlegen, das Auto stehen zu lassen. Und wenn dann noch Streiks jene Züge bremsen, die überhaupt noch fahren, werden viele endgültig von der Schiene die Nase voll haben. Die Lokführer, die seit 2008 rund 15 Prozent mehr Gehalt erstritten haben, sollten das bedenken, wenn sie nun überlegen, einen härteren Konfliktkurs zu steuern. Denn wenn die Menschen die Bahn zunehmend meiden, gehen dort Arbeitsplätze verloren.