Lokführer-Streiks

Bahnkunden leiden unter verhärteten Fronten

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Nikolaus Doll

Foto: dpa

Im Zugverkehr eskaliert der Arbeitskampf. Privatbahnen wollen nicht mehr mit Lokführern verhandeln, die Kunden bleiben auf der Strecke.

Der Bahnverkehr in Deutschland bleibt weiter unberechenbar: Nach dem dritten Warnstreik innerhalb von knapp zwei Wochen haben sich die Fronten im Tarifstreit verhärtet. Während Hunderttausende Reisende unter Verspätungen und Ausfällen von rund 75 Prozent der Personenzüge litten, warfen Arbeitgeber und Lokführergewerkschaft GDL einander Provokation und Falschinformation vor. Die sechs bestreikten Privatbahnen sind nicht länger bereit, über einen branchenübergreifenden Rahmentarifvertrag mit der GDL zu verhandeln.

Dadurch befürchten die Lokführer eine weitere Verschärfung der Lage: „Wir müssen jetzt mit jedem einzelnen Unternehmen getrennt verhandeln, zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. Das ist aufwendig, das muss koordiniert werden. Und unsere Kapazitäten sind beschränkt. Aber es ist doch wohl klar, wer hier stärker unter Druck ist: die Arbeitgeberseite“, sagte Frank Nachtigall, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft GDL in Berlin, Brandenburg und Sachsen der "Morgenpost Online“.

Für die Urabstimmung sagt er eine große Mehrheit für weitere Arbeitskämpfe voraus. „Ich erwarte, dass die Zustimmung, für die Durchsetzung unserer Forderungen zu streiken, bei weit über 90 Prozent liegen wird“, sagt Nachtigall. Bestreikt wurden am Freitag von 8.30 bis 11.30 Uhr bundesweit Personenzüge von sechs Privatbahnen sowie der Deutschen Bahn AG mit Ausnahme der Berliner S-Bahn. Dabei seien 75 Prozent der Züge ausgefallen oder massiv verspätet gefahren, erklärte die GDL. In den neuen Bundesländern habe die Quote sogar nahezu 90 Prozent betragen.

GDL gibt Arbeitgebern die Schuld

Neben dem Fernverkehr seien auch der Großraum Karlsruhe und die Münchner S-Bahn stark betroffen gewesen. Während sich um 15 Uhr die Situation in Süddeutschland weitgehend normalisiert hatte, mussten Fahrgäste in den Großräumen Berlin, Hamburg und Köln immer noch größere Verspätungen in Kauf nehmen. Weselsky wies „dem Arbeitgeber die Verantwortung für diese Streikmaßnahme“ zu.

„Am kommenden Montag wird das Ergebnis der Urabstimmung feststehen“, sagte er und versprach bis dahin keine weiteren Arbeitskampfmaßnahmen. Danach würden die Arbeitskampfmaßnahmen ausgedehnt. „Allerdings mehr zulasten des Güterverkehrs, damit uns die Reisenden nicht vorwerfen können, dass wir das nur auf ihrem Rücken austragen.“ Er forderte von den Arbeitgebern, „endlich zur Besinnung zu kommen und der GDL ein ernsthaftes, verhandlungsfähiges, also ein verbessertes Angebot vorzulegen“.

Weselsky sprach von einem Versuch der Arbeitgeber, "das Existenzrecht der gut organisierten Berufsgewerkschaften infrage zu stellen“. Die sechs bestreikten Privatbahnen – Abellio, Arriva, BeNEX, Hessische Landesbahn, Keolis und Veolia Verkehr – beendeten ihr Verhandlungsmandat mit der GDL.

Verhandlungsführerin Ulrike Riedel begründete das damit, dass die GDL sich sowohl einer gemeinsamen Verhandlungsrunde mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG als auch einem Schlichtungsversuch unter dem SPD-Politiker Peter Struck widersetzt habe. Wir werden uns nicht zum Spielball von konkurrierenden Gewerkschaften machen lassen.“ Die GDL forderte sie auf, zügig die Verhandlungen über die in einzelnen Unternehmen ausgelaufenen Haustarifverträge aufzunehmen.

Die Lokführergewerkschaft ließ zugleich ein Ultimatum der Deutschen Bahn verstreichen und nannte einen von diesem vorgelegten Entwurf eines Bundes-Rahmentarifvertrags für Lokomotivführer eine Provokation. DB-Personalvorstand Ulrich Weber sprach dagegen von einem „abschlussreifen Entwurf“. Widersinnig sei: „Die einen werden bestreikt, weil sie nichts vorlegen, die DB wird bestreikt, obwohl sie etwas vorgelegt hat. Warnstreiks treffen die Falschen.“

Kommentar: Kunden in Geiselhaft der Lokführergewerkschaft