Aussichten

RWE warnt vor dem Ende der Rekordgewinne

Der Stromkonzern RWE hat erneut einen Milliarden-Gewinn eingefahren. Doch die Aussichten sind verheerend, glaubt man den Worten des Vorstandschefs.

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RWE-Chef Jürgen Großmann hatte den Saal, in dem er die Jahresbilanz des größten deutschen Stromkonzerns verlas, trotz des Schneetreibens draußen auf gefühlte 15 Grad herunterkühlen lassen. Für die fröstelnden Journalisten gab es statt der sonst immer gut bestückten Getränkebatterien und Lachshäppchen diesmal nur Selters und Käse-Schrippen. Auf diese Weise stimmte Großmann die Presse- und Fernsehleute auf die harten Zeiten ein, die der RWE nun bevorstehen. Vier Jahre lang hatte Vorstandschef Großmann einen Rekordgewinn nach dem anderen verkündet – vorbei! „Wir stehen auf dem Gipfel und von hier aus geht es in jeder Richtung nur bergab“, erklärte der Konzernchef.

Zwar hatte er 2010 ein letztes Mal die eigenen Ziele übertroffen und das betriebliche Ergebnis um acht Prozent auf 7,7 Mrd. Euro gesteigert und den Vorsteuergewinn (Ebitda) sogar um zwölf Prozent auf nie dagewesene 10,3 Mrd. Euro getrieben. Doch im laufenden Geschäftsjahr ist es mit der Herrlichkeit vorbei: Der Vorsteuergewinn dürfte um 15 Prozent einbrechen, das betriebliche Ergebnis um 20 Prozent, sagte Großmann voraus. Grund: Die niedrigen Großhandelspreise für Strom und die politischen Belastungen wie die Brennelemente-Steuer für Atomkraftwerke, die allein schon den RWE-Gewinn um bis zu 900 Mio. Euro schmälern dürfte.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Prognose des Konzernchefs aus taktischen Gründen vielleicht eine Spur zu pessimistisch ausfiel. Immerhin lassen sich harte Tarifauseinandersetzungen mit der Belegschaft im Jahr des Rekordgewinns nicht glaubwürdig führen, wenn man nicht wenigstens karge Zeiten ankündigen kann. Auch ist es ein guter Zeitpunkt, der Politik in Bund und Land einmal zu zeigen, wohin es mit einem der größten Investoren und Steuerzahler der Republik noch kommen kann, wenn weiter an kostenträchtigen Klimaschutzgesetzen und Energieabgaben gefeilt wird.

Dennoch stehen den Aktionären der RWE, die bislang mit einer der höchsten Dividendenrendite im Dax verwöhnt wurden, saure Zeiten ins Haus: Denn bei der Bilanzgröße „nachhaltiges Nettoergebnis“, an dem sich die Dividende orientiert, prognostizierte Großmann gar ein Minus von 30 Prozent. Die finanziell stets klammen Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die zu den größten Anteilseignern des Konzerns gehören, können sich schon mal auf entsprechende Einnahmeverluste gefasst machen. Schließlich konnte Großmann auch für das übernächste Jahr noch keine Besserung versprechen, da der ab 2013 geltende Zwang zur Ersteigerung von Emissionszertifikaten die Kasse des Konzerns mit voraussichtlich 1,5 Mrd. Euro belasten wird. Der ohnehin schon stark geprügelte Aktienkurs der RWE brach angesichts dieser Aussichten am Donnerstag noch einmal drastisch, um mehr als 5,5 Prozent ein.

Damit dürfte es wohl auch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis am Markt wieder Gerüchte über eine mögliche feindliche Übernahme der RWE aufleben, wie sie schon vor einigen Jahren die Runde machten: Die russische Gazprom oder Frankreichs Staatsmonopolist EdF, der sich gerade erst bei der Energie Baden-Württemberg (EnBW) verabschiedet hatte, werden wohl auch diesmal wieder als Kaufinteressenten gehandelt werden.

Großmann, der die RWE eigentlich nach den Spar-Orgien seines Vorgängers Harry Roels wieder zu Wachstum und neuer Größe führen sollte, sieht sich selbst plötzlich in der ungewohnten Rolle des Sparkommissars, der den Gürtel enger schnallen muss. Investitionen werden nun reduziert oder zeitlich gestreckt. Unternehmensteile im Wert von acht Mrd. Euro sollen verkauft werden, um bei einem Schuldenstand von derzeit 29 Mrd. Euro die bislang auf A lautende Bonitätsbewertung durch die Ratingagenturen nicht zu gefährden. Ob dabei selbst die Netztochter Amprion auf der Verkaufsliste steht, wollte der RWE-Vorstand weder bestätigen noch dementieren.

Bei all den schlechten Aussichten fühlte sich Strategie-Vorstand Leonhard Birnbaum genötigt, darauf hinzuweisen, dass die RWE sehr wohl noch eine Wachstumsstrategie habe: So soll das Geschäft des Öl- und Gasförderers RWE Dea deutlich gestärkt werden, die Expansion nach Osteuropa und insbesondere in die Türkei vorangetrieben werden und nach wie vor hohe Summen – etwa 1,2 Milliarden Euro pro Jahr – in den Ausbau der erneuerbaren Energien investiert werden.