Rainer Knauber ist Generalbevollmächtigter für Berlin und die neuen Länder, eine Art Außenminister des schwedischen Energiekonzerns in der Hauptstadt. Derzeit hat Knauber viele Missionen. Kunden verübeln die Strompreise. Senatsmitglieder wollen Energieunternehmen in Landesbesitz gründen. Im Oderbruch protestieren Anwohner gegen unterirdische CO2-Speicher. Und die Imagewerte von Vattenfall – Ex-Monopolist, Braunkohle- und Atomkonzern – sind ohnehin nicht die Besten. Mit Knauber sprach Hans Evert.

Morgenpost Online: Herr Knauber, Vattenfall hat zum 1.Januar die Preise angehoben. Haben Sie viele Kunden verloren?

Rainer Knauber: Vattenfall hat – wie deutschlandweit knapp 400 Anbieter – die Preise entlang der gestiegenen EEG-Umlage erhöht. Da Berliner sehr wechselwillige Stromkunden sind und hier harter Wettbewerb mit rund 200 Anbietern herrscht, haben wir einige Kunden verloren. Damit mussten wir rechnen. Trotzdem sind wir hier mit einem Marktanteil von knapp 77 Prozent weiterhin deutlich Marktführer.

Morgenpost Online: Worauf müssen sich die Kunden einstellen? Gehen die Strompreise weiter hoch?

Rainer Knauber: Klar ist: Der Ausbau von Fotovoltaikanlagen ist einer der wesentlichen Preistreiber, den alle Stromkunden bezahlen müssen. Die Steuern und Abgaben wie die EEG-Umlage und die Verbrauchsteuern sind sprunghaft gestiegen. Ein durchschnittlicher Dreipersonenhaushalt hat 2010 gegenüber 1998 mit seinem Strompreis 131 Prozent mehr Steuern und Abgaben gezahlt. Hinzu kommt die Lage auf dem Weltrohstoffmarkt: Durch die Umwälzungen in Nordafrika und anderswo gibt es eine unkalkulierbare Situation.

Morgenpost Online: Also steigen die Preise weiter?

Rainer Knauber: Ich sehe zumindest derzeit nichts, was für Preissenkungen spricht. Im Frühjahr werden wir voraussichtlich auch unsere Fernwärmepreise moderat anheben.

Morgenpost Online: Bald könnten Sie einen neuen Konkurrenten haben. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) will ein landeseigenes Energieunternehmen namens Berlin Partner auf den Weg bringen. Unangenehme Konkurrenz?

Rainer Knauber: Wir haben vor unseren jetzigen 200 Konkurrenten auch keine Angst. Die wichtigste Frage für ein Berliner Stadtwerk muss doch lauten: Welchen zusätzlichen Nutzen bringt das für die Stadt? Wolf hat einen Diskussionsprozess angestoßen. Daran nehmen wir teil und werden sehen, was dabei herauskommt.

Morgenpost Online: Einerseits halten Sie wenig von Wolfs Plänen, andererseits machen Sie bei seiner Plattform mit. Das wirkt widersprüchlich.

Rainer Knauber: Dass wir von den Plänen nichts halten, unterstellen Sie. Mitdenken, Mitreden und Mitgestalten ist nie widersprüchlich. Es ist doch so: Berlin ist ein äußerst interessanter Standort, wenn es um die zukünftige Energieversorgung von Metropolen geht. Nirgendwo ist der Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung so hoch wie hier. Es geht um Fragen der Netzsteuerung, des Energieverbrauchs, der Speicherung. Da mischen wir kräftig mit und wollen in den nächsten vier Jahren fast zwei Milliarden Euro in der Stadt investieren. Das tun wir, weil wir glauben, dass Berlin die Chance hat, zu einer Art Musterstadt für Metropolenversorgung der Zukunft zu werden.

Morgenpost Online: Wolf hat Sie doch zu Gesprächen gezwungen, indem er damit gedroht hat, Vattenfall die Konzessionen für die Strom- und Wärmenetze in der Stadt zu entziehen.

Rainer Knauber: Uns hat niemand zu Gesprächen gezwungen. Wir werden mit dem Senator über Themen reden, die für die Zukunft der Stadt wichtig sind. Allerdings sollten wir realistisch sein. Ich glaube, die Erwartungen an Rekommunalisierung werden überschätzt.

Morgenpost Online: Das Volksbegehren um die Berliner Wasserbetriebe legt etwas anderes nahe.

Rainer Knauber: Das ist ein anderer Fall. Beim Strommarkt haben wir Wettbewerb, und die Stadtnetze sind streng reguliert. Jeder Cent, den wir dort einnehmen, wird genau erfasst. Die Investitionen sind hoch, die Renditen werden von der Netzagentur mit spitzem Stift kalkuliert. In der Diskussion um Strom- oder Fernwärmenetze in Landesbesitz werden deshalb bisweilen zu große Hoffnungen geschürt.

Morgenpost Online: Was müsste Berlin für das Netz zahlen?

Rainer Knauber: Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös einschätzen. Es geht aber beim größten deutschen Verteilnetz, in das allein in diesem Jahr fast 300 Millionen Euro für Ausbau und Instandhaltung fließen, eher um Milliarden als Millionen. Wir glauben, dass wir gute Argumente als Netzbetreiber haben, und treten bei der Ausschreibung selbstbewusst an.

Morgenpost Online: 2014 laufen die Konzessionen für den Betrieb der Strom- und Wärmenetze aus. Wenn Sie nicht mehr zum Zug kommen: Streichen Sie dann hier Investitionen, beispielsweise den Neubau des Biomassekraftwerks in Lichtenberg, und Jobs zusammen?

Rainer Knauber: Wir sind Investoren, keine Erpresser. Details müsste man sich vielleicht ansehen, aber grundsätzlich sind die Geschäftsbereiche Erzeugung und Netze voneinander unabhängig. Klar ist: Vattenfall hat sich vor zehn Jahren für Berlin als Konzernsitz in Deutschland entschieden. Wir wollen hier ein riesiges Investitionspaket stemmen. Wir zeigen hier, wie man pro Jahr eine Million Tonnen CO2 einsparen kann. Und wir haben hier Kompetenz im Netzbetrieb wie kaum ein anderer. Das alles ist nicht gegen, sondern mit der ausdrücklichen Zustimmung des Senats passiert!

Morgenpost Online: Die Gasag, an der Vattenfall 32 Prozent hält, steigt ins Stromgeschäft ein. Werden Sie den Verkauf Ihres Anteils vorantreiben?

Rainer Knauber: Man sollte sich Vattenfall nicht als Gasag-Anteilseigner auf gepackten Koffern vorstellen. Derzeit ist das für uns kein Thema. 2010 haben wir es versucht, die Angebote entsprachen nicht unseren Preisvorstellungen. Zum Stromgeschäft der Gasag kann ich nur sagen: Herzlich willkommen auf dem harten Berliner Markt.

Morgenpost Online: Schauen wir ins Umland. Dort fördern Sie Braunkohle und betreiben Kohlekraftwerke. Jene Meiler, die Ihnen das Image als Klimaschädling einbringen. Wäre es nicht besser, die loszuwerden?

Das sind keine Klimaschädlinge, wie Sie sie nennen, sondern die modernsten Kohlekraftwerke Europas. Kohle macht in Deutschland immer noch über 40 Prozent der Energieerzeugung aus. Zudem ist Braunkohle für die Ostländer ein zentraler Wirtschaftsfaktor.

Morgenpost Online: In Brandenburg schwillt der Protest gegen die unterirdische CO2-Speicherung (CCS) an. Treiben Sie das Projekt in Beeskow trotzdem weiter voran?

Rainer Knauber: Die Fachwelt ist davon überzeugt, dass die CO2-Speicherung sinnvoll und notwendig ist. Die Weltenergieagentur beispielsweise sagt, dass bis 2050 etwa ein Viertel der CO2-Emissionen durch solche Technologien eingespart werden können. Wenn man ehrgeizige Klimaschutzziele umsetzen will, kann man auf diese Technologie nicht verzichten. Das 21.Jahrhundert wird das Jahrhundert der Kohleverstromung sein. Glauben Sie, Inder und Chinesen lassen sich von uns den Einsatz ihrer Kohle verbieten? Genau deshalb brauchen wir Technologien, wie wir sie in Brandenburg entwickeln. Wir halten daran fest. Wir werden mit den Anwohnern in Beeskow reden und müssen dort sicherlich vieles noch besser erklären. Aber klar ist auch: Egal, was wir tun, es werden nicht alle Beifall klatschen.

Morgenpost Online: Wie sieht denn Ihre Vision für eine Energiemetropole der Zukunft aus?

Rainer Knauber: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wird immer mehr Platz für Windräder sein als in Berlin. Deswegen müssen Sie hier überlegen, wie man die Stromnutzung intelligent organisieren kann. Die Schlagworte dazu heißen e-Mobility, Smart Metering, Smart Grids, Virtuelle Kraftwerke. Zu jeder dieser Überschriften laufen bei uns konkrete Projekte. Im besten Fall schaffen wir es, immer mehr Windenergie, die im Umland erzeugt wird, auch hier zu verbrauchen. Stellen Sie sich Berlin als eine aus vielen Millionen Teilen bestehende Batterie vor, wo diese Energie gespeichert und bei Bedarf verbraucht wird.