TV-Talk "Chefsache"

Der RWE-Chef menschelt. Aber nur ein bisschen

In der n-tv-Sendung "Chefsache" werden die Macher der Wirtschaftswelt vorgestellt. Diesmal ließ sich RWE-Boss Jürgen Großmann von Christoph Keese in die Karten schauen.

Foto: AP / AP/DAPD

Was Jürgen R. Großmann anpackt, das wird zu Gold. So scheint es jedenfalls. Ehrendoktor, Bundesverdienstkreuzträger und nicht zuletzt Selfmade-Milliardär ist der 58-Jährige, der heute die Geschicke des Energiekonzerns RWE lenkt. Seine private Gefühlswelt hält der Mühlheimer allerdings lieber unter Verschluss – daran änderten auch die Fragen des Journalisten Christoph Keese nichts, der Großmann in der n-tv-Sendung „Chefsache“ porträtierte.

Großmanns größte Niederlage im Leben? „Als ich bei der Klöckner AG direkt nach dem Einstieg drei Insolvenzanträge unterschreiben musste“. Keine persönlichen Dramen, kein Herzschmerz also, sondern eine Handlung, die ihm schon bald den Weg zu seinem größten Erfolg ebnen sollte, führte Großmann an.

Seine Antwort auf Keeses anschließende Frage nach der größten Leistung verriet den Medienprofi hinter der etwas grob wirkenden Fassade: „Eigentlich, dass ich meine Frau überzeugen konnte, mich zu heiraten. Doch lassen wir das Private mal außen vor.“ Er wählte stattdessen die Sanierung der Georgsmarienhütte GmbH, die ihn reich gemacht hat.

Das marode Stahlwerk übernahm Großmann 1993 zu einem symbolischen Preis von zwei D-Mark - und inklusive einer Schuldenlast von 200 Millionen - von seinem Arbeitgeber, den Klöckner-Werken. Management-Buy-out nennt man einen solchen Schachzug. Er entwickelte die Firma zu einer Holding mit 52 Unternehmen und 9000 Mitarbeitern. 2006 erwirtschaftete die Georgsmarienhütte Holding GmbH über zwei Milliarden Euro Umsatz. Großmann zog sich von der Geschäftsführung zurück.

Der Lebemann, der Oldtimer, Essen und guten Wein liebt, suchte damals neue Herausforderungen, doch die meisten angepeilten Projekte verliefen im Sand. Also folgte er der Bitte des Aufsichtsrats und wurde 2007 Vorstandsvorsitzender der RWE AG.

Dem Energieriesen diente Großmann besonders durch seinen zähen Einsatz bei den Verhandlungen um eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke. Zuletzt schwächelte das Dax-Unternehmen an der Börse, wofür der Mann an der Spitze in erster Linie die Brennelementesteuer verantwortlich machte, die den Verbrauch von Kernbrennstoff besteuert, obwohl die Energieunternehmen die Möglichkeit haben, diese Mehrkosten auf die Kunden abzuwälzen.

Privates führte Großmann nur episodenhaft an. Meist waren es Stories, die in jedem Porträt des Zwei-Meter-Hünen auftauchen – etwa die Verhandlungen, die er mit seiner Frau vor dem Einstieg bei RWE führte. Alarmiert von der Vorstellung, ihr Mann setze sich fünf Jahre dem Stress einer solchen Position aus, verlangte die Dame des Hauses Alkoholverzicht, sollte er zusagen. Tausend Tage Abstinenz wurden es schließlich, an die er sich auch „peinlich genau“ gehalten hat.

Die Folge: „Danach habe ich mal wieder richtig zugelangt“. Die Szene verdeutlichte Großmanns Freude daran, als Bonvivant wahrgenommen zu werden, als barocker Gutsherr mit Herz. Eine Inszenierung, die ihm Keese durchgehen ließ, ohne etwa auf die Herzprobleme einzugehen, die den Manager Ende letzten Jahres einige Wochen von seinem Schreibtisch fernhielten.

Bei den wirtschaftlichen Fakten allerdings zeigte sich der Moderator weniger nachgiebig. So konfrontierte er Großmann etwa mit der Feststellung: „RWE ist der größte CO2-Emittent in Europa“ und hakte auch nach dessen Erklärungsversuch („Wir sind ja auch der drittgrößte Stromerzeuger“) noch einmal nach.

Themen wie die Energiepolitik und die Möglichkeiten von Elektroautos wurden informativ behandelt, Großmanns Antworten nicht zerschnitten. Keese verlieh der Sendung mit fundierten Fragen die wirtschaftsjournalistische Tiefe, die dieses Format benötigt, um relevant zu sein.

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