Am Berliner Hauptbahnhof herrscht eine aggressive Stimmung. Grüppchen protestierender Lokführer der Gewerkschaft GDL müssen sich harte Worte anhören. "Wisst ihr überhaupt, was ihr uns hier antut?", schimpft ein Geschäftsmann im schwarzen Anzug. "Wegen euch musste ich eine Stunde früher aufstehen", beschwert sich ein anderer. Die Anzeigetafel beweist: So gut wie jeder Zug, der in Berlin erwartet wird – ob S-Bahn, Regionalzug oder ICE – hat deutlich Verspätung. 60 Minuten, 90 Minuten, zwei Stunden.

Zwar kommen noch jede Menge Züge am Hauptbahnhof an. Doch die meisten bleiben dann erst einmal stehen. Auf einem einzigen Gleis – Gleis 11 – fahren Züge vergleichsweise regelmäßig ab. Denn die verbeamteten Lokführer und die Angestellten der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) beteiligen sich nicht an den Streiks.

Vor den Service-Points der Deutschen Bahn haben sich lange Schlangen gebildet, das Unternehmen hat Tee- und Kaffeestände aufgebaut. Mitarbeiter versuchen, die aufgebrachten Reisenden zu besänftigen. Denn es fällt auf: Das Verständnis für den Streik scheint sich dieses Mal in Grenzen zu halten. Einige Reisende bringen zwar ihre Unterstützung zum Ausdruck, doch die Zahl genervter Pendler überwiegt.

Der Warnstreik der Lokführergewerkschaft GDL hat am Dienstagmorgen zwischen 6 und 8 Uhr die S-Bahn Berlin weitgehend lahmgelegt, auch wenn einzelne Züge noch fuhren. Der Regional- und Fernverkehr war ebenfalls vom Ausstand betroffen. Fernzüge sind teils bis zu zwei Stunden verspätet, dies gilt bundesweit. Um 8 Uhr meldete die S-Bahn das Ende des Warnstreiks. Der Zugverkehr der S-Bahn im gesamten Netz wurde wieder aufgenommen, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens . Es könne aber auf allen S-Bahnlinien noch zu vereinzelten Verspätungen beziehungsweise Zugausfällen kommen.

Die Deutsche Bahn hatte zuvor bereits mitgeteilt, der Verkehr werde mit dem Ende des Warnstreiks um 8 Uhr wieder aufgenommen. Es werde allerdings einige Zeit dauern, bis sich alles wieder normalisiere. Reisende müssten bis zum Nachmittag mit Einschränkungen rechnen.

Von dem zweistündigen Streik waren die Deutsche Bahn und mehrere private Konkurrenten betroffen, wie ein GDL-Sprecher sagte. Die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) teilte mit, nicht betroffen zu sein. Ihre Züge sollen voraussichtlich planmäßig fahren.

Die Berliner S-Bahn transportiert jeden Tag rund 400 000 Menschen. Da auch die Regionalbahn bestreikt wird, kommen noch knapp 200.000 weitere Fahrgäste hinzu, die täglich mit Regio-Zügen aus dem Umland in die Innenstadt fahren.

Keine generelle Ausnahme für die S-Bahn

Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky sagte, die S-Bahn Berlin solle bei einer möglichen nächsten Arbeitskampfmaßnahme ausgenommen werden. Grund sei die besondere Situation, dass die Bahntochter wegen technischer Probleme ohnehin nur eingeschränkt fahren kann. Es könne aber keine generelle Ausnahme gemacht werden.

Vor dem Warnstreik hatte die Geschäftsführung der S-Bahn die GDL in einem offenen Brief darum gebeten, die S-Bahn von der Arbeitsniederlegung auszunehmen. In dem Schreiben wurde davor gewarnt, dass das in der Vergangenheit schon spürbar gewachsene Aggressionspotenzial gegenüber den Kollegen eine „weitere Eskalationsstufe“ erreichen könnte. Weselsky nannte den Brief am Dienstag einen „Manager-Trick“. Weil der Berliner Senat das S-Bahn-Netz ausschreiben wolle, seien die Arbeitsplätze der S-Bahner bedroht, die darum kämpfen müssten. Daher habe die GDL das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn (DB) bei dem ersten Warnstreik bewusst mit einbezogen

Im ZDF-Morgenmagazin schloss Weselsky weitere Aktionen noch am Dienstag aus: "Für heute gibt es keine weiteren Arbeitskampfmaßnahmen." Er rechtfertigte den Warnstreik als unausweichliches Mittel zur Lösung des Tarifkonflikts: „Wenn die Arbeitgeber uns einen Stuhl vor die Tür setzen, keine vernünftigen Angebote machen, beziehungsweise die Verhandlungen mit uns generell ablehnen, dann bleibt nichts anderes als der Arbeitskampf“, sagte der GDL-Vorsitzende.

Weselsky wies den Vorwurf zurück, die GDL-Lokführer wollten ihre Forderungen auf dem Rücken der Reisenden durchdrücken. „Wir sind zu Kompromissen bereit. Aber wenn Sie jedesmal alten Wein in neuen Schläuchen verkauft bekommen (...) dann sage ich klar und deutlich:'Das ist kein Verhandlungsangebot'." Weselsky kündigte an, mögliche neue Warnstreiks rechtzeitig anzukündigen, damit sich die Fahrgäste vorbereiten können. Er forderte, die Arbeitgeberseite müsse sich nun für eine Lösung bewegen. „Wir kehren an den Verhandlungstisch zurück, wenn wir ein vernünftiges Angebot bekommen von den Eisenbahnen.“

GDL rechnet mit Wirksamkeit des Streiks

Mit dem Warnstreik wollte die GDL ihrer Forderung nach einheitlichen Tarifstandards für rund 26.000 Lokführer in der gesamten Bahnbranche Nachdruck verleihen. Ein Kernpunkt sind einheitliche Einkommen auf dem Niveau des Marktführers Deutsche Bahn.

Claus Weselsky sagte am Berliner Hauptbahnhof, er gehe davon aus, dass die Arbeitskampfmaßnahmen wirksam seien. Das Signal sei eindeutig, dass die Lokführer bereit seien, für ihre Ziele zu kämpfen.

Tarifverhandlungen mit dem bundeseigenen Konzern sowie den sechs Konkurrenten Abellio, Arriva, Benex, Keolis, Veolia und Hessische Landesbahn hatte die GDL für gescheitert erklärt. Die Deutsche Bahn hatte sich nach eigenen Angaben für Warnstreiks gerüstet. Um die Auswirkungen für die Reisenden so gering wie möglich zu halten, wollte der Konzern mehrere hundert zusätzliche Mitarbeiter unter anderem in Callcentern einsetzen.

Die Bahn hat nach eigenen mehrere Hundert zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt, um ihre Kunden bestmöglich informieren zu können. Wer von den Streiks betroffen ist, kann sich unter der kostenlosen Servicenummer 08000/99 66 33 über die Lage informieren. Weitere Auskünfte sind im Internet unter bahn.de/aktuell zu finden.

Nikolaus Doll mit dpa/dapd/sh