Morgenpost Online: Herr Bratzel, hat Sie die Entscheidung von General Motors (GM) überrascht?

Stefan Bratzel: Nicht wirklich, denn in Detroit waren sich alle bewusst: Wenn General Motors langfristig ein globaler Hersteller bleiben will, braucht es Opel.

Morgenpost Online: Hat Opel mit GM bessere Überlebenschancen als mit Magna?

Bratzel: Wenn die Sanierung gelingen soll, ist GM langfristig der bessere Partner. Magna und „New Opel“ wären nur eine Zwischenlösung gewesen, die gegen Wettbewerber wie Toyota oder Volkswagen nicht hätte bestehen können.

Morgenpost Online: Was sind die drängenden Aufgaben für GM und Opel?

Bratzel: Das Management muss die Überkapazitäten und Kosten in den Griff bekommen. Dabei wird es darum gehen, wie viele Standorte geschlossen und wie viele Stellen abgebaut werden müssen.

Morgenpost Online: Haben die deutschen Standorte jetzt eine schlechtere Ausgangslage, weil der Plan der Bundesregierung mit Magna gescheitert ist?

Bratzel: Eine Eintrittsbedingung für Investoren war, dass alle Standorte in Deutschland erhalten bleiben. Nun kann es in der Tat so sein, dass auch in Deutschland das eine oder andere Werk zur Disposition gestellt wird. Die Mitarbeiter in Deutschland müssen sich auf einiges einstellen – nicht nur auf Lohnkürzungen, sondern auch einen deutlichen Stellenabbau. Geschieht dies nicht, besteht überhaupt keine Chance für eine Rettung. Ich glaube aber, dass die Bundesregierung noch Einfluss nehmen kann, wenn sie bereit ist, weitere Unterstützungen etwa in Form von Bürgschaften zur Verfügung zu stellen.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie angesichts der angespannten Lage die geplanten Warnstreiks und Protestaktionen der Beschäftigten?

Bratzel: Das sind legitime Mittel des Arbeitskampfes. Aber die Betriebsräte ?müssen aufpassen, dass sie das Tischtuch mit GM nicht vollständig zerschneiden. Schon die bisherige Diskreditierung von GM durch die Betriebsräte war nicht zielführend.

Morgenpost Online: Gibt es mit GM die Chancen eines Neuanfangs für Opel?

Bratzel: Das wird schwierig, denn die Sanierung von GM ist noch in vollem Gange. Auf dem amerikanischen Heimatmarkt steht GM schlechter als etwa Ford. Aber durch die 50 Milliarden Dollar, die GM im Rahmen der Insolvenz von der US-Regierung erhielt, verbesserte sich die Lage von GM eindeutig. Auf der Produktseite braucht GM die Kompetenz von Opel bei kompakten Fahrzeugen und spritsparenden Motoren.

Morgenpost Online: Wollte GM vor diesem Hintergrund Opel überhaupt jemals verkaufen?

Bratzel: GM war sich immer bewusst, dass sie Opel brauchen. Nach dem Ausstieg aus dem Insolvenzverfahren erhielt GM von der Bundesregierung die klaren Signale, dass sie kein Geld für eine Sanierung in Eigenverantwortung bekommen würde. Zähneknirschend entschied GM sich dann für die drittbeste Lösung. Eben Magna. Aber auch da hat GM alles getan, um den Einfluss auf Opel möglichst hochzuhalten.

Morgenpost Online: Wie stark ist der GM-Konzernchef Fritz Henderson angeschlagen? Immerhin war er es, der sich intensiv für einen Verkauf von Opel an den Zulieferer Magna eingesetzt hat.

Bratzel: Das gesamte GM-Management ist sehr stark beschädigt, deshalb muss es auch dort einen Neuanfang geben. Zumal das Management zum großen Teil mit den Führungskräften besetzt ist, die Opel und General Motors erst in die Schwierigkeiten gebracht haben.