Der Mittwoch sollte sein Tag werden, ein Freudentag im Leben von Rüdiger Nye. Jahrelang fieberte der Bochumer diesem Datum entgegen. Noch am Dienstag rief er seine früheren Kollegen im Bochumer Opel-Werk an und verabredete sich mit ihnen für den nächsten Tag. Der 59-Jährige wollte wie schon so oft einen Abstecher an seine alte Wirkungsstätte machen. „34 Jahre habe ich bei Opel gearbeitet. Das verbindet“, gesteht Nye ein. Es waren schöne Jahre. Die Kollegen, die Arbeit, die Autos: Man galt im Ruhrgebiet was als Opelaner. Vor knapp fünf Jahren dann verabschiedete sich Nye in den Vorruhestand.

Seitdem muss er mit 80 Prozent seiner letzten Bezüge auskommen. Ab und zu wurde es schon eng. Doch er wusste: Bald kommt der Geldsegen. Dann kann er die Opel-Rente beantragen. Und am Mittwoch sollte es soweit sein: Er wollte endlich den Antrag auf die Betriebsrente abgeben. „Ich hatte mich auf diesen Tag gefreut. Doch nun bin ich sehr enttäuscht“, sagt Nye nach seinem Besuch im Bochumer Opel-Werk. „Mir tut es um die aktiven Kollegen leid. Die gehen nun erneut einer ungewissen Zukunft entgegen.“

Die überraschende Wende im Poker um Opel: sie hat die Mitarbeiter im Bochumer Werk kalt erwischt. Viele können es an diesem Mittwochmorgen noch gar nicht begreifen. Die meisten sind sprachlos. „Ich kann es nicht fassen“, sagt eine zweifache Mutter, die in der Kantine arbeitet. „Es schien doch alles schon festgezurrt. Und nun fängt alles wieder von vorne an.“ Sie kann die Tränen nicht halten. Die Stimmung im Werk sei schlecht, sagt Nye. Viele seien sehr geknickt. Die Kollegen hätten Angst und er könne sie voll verstehen. Wieder keine Arbeitsplatzsicherheit, wieder Debatten um eine mögliche Insolvenz, wieder Diskussion um Standortschließungen. Nye: „Ich bin froh, dass ich das nicht mehr erleben muss. Mir kann nichts mehr passieren.“

Nach monatelangem Ringen wird der US-Konzern General Motors (GM) seine Deutschland-Tochter Opel nun doch behalten. Kein Verkauf, stattdessen ein Neustart in „Ich bin ziemlich geschockt“, sagt Bernd Mietzner. Auch der 41-Jährige hatte bereits in der Nacht von der Entscheidung im fernen Detroit erfahren, die weitreichende Folgen für den Bochumer Standort haben wird. „Ich war vom Verkauf an Magna überzeugt, auch wenn das für uns ja einige Einschnitte mitgebracht hätte, etwa beim Weihnachtsgeld.“ „Hauptsache aber“, sagt ein Azubi, „weg von GM.“ Doch daraus wird jetzt erst einmal nichts.

General Motors ist inzwischen zum Feindbild in Bochum geworden. Jahrzehnte funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Amerikanern sehr gut. Doch in den letzten Jahren zog der Mutter-Konzern immer mehr Substanz aus Deutschland ab – zuerst das Geld, dann Patente und zum Schluss ganze Immobilien. Wo heute Opel draufsteht, ist nicht mehr wirklich viel drin. „Opel wurde ausgehöhlt“, mault ein 30-jähriger Bandmitarbeiter. „Und jetzt sollen die, die Opel vor die Wand gefahren haben, wieder das Ruder übernehmen?“ Die negative Stimmung gegen die Amerikaner sitzt auch beim Betriebsrat tief. „Mich kann GM eigentlich nicht mehr überraschen“, sagt deshalb auch der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel. Zu oft hätten die Amerikaner ihre Sprunghaftigkeit unter Beweis gestellt. Nun aber müsste es darum gehen, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. „Opel baut gute Autos und hat gute Standorte. Jetzt wollen wir ein klares Bekenntnis zu Arbeitsplätzen und Standorten“, fordert er. Doch die gibt es erst einmal nicht.

Statt versöhnliche Worte aus den USA lässt GM die Muskeln spielen: Sollten die Arbeitnehmer nicht zu weiteren Einbußen bereit sein, sei auch ein Insolvenz von Opel möglich. Auf 50 Millionen Euro haben die Mitarbeiter bereits verzichtet. GM reicht das offenbar nicht.

Einenkels Betriebsrats-Kollegen Michael Müller schlägt daher schon zurück: „Wir lassen uns nicht erpressen.“ Das Bochumer Werk kämpft wieder einmal ums Überleben. „Wir bekommen jetzt erst einmal wieder unruhige Zeiten“, prophezeit der 48-Jährige. Man müsse nun auf die Politik bauen. Die Anrufung der Politik wirkt wie der letzte Strohalm. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), geübt in Arbeiterposen, hat sich bereits mit den Opelanern solidarisiert. „Nur“, sagt ein mürrisch dreinblickender 50-Jähriger, „GM hat doch mit der Kehrtwende gezeigt, was sie von der Politik und den Mitarbeiterin in Deutschland halten: Wir sind nicht mehr als ein Fähnchen auf der Weltkarte mit vielen anderen Produktionsstandorten.“