Bundesbank-Chef

Weber macht Deutschland zur Lachnummer in Europa

Bundesbank-Präsident Weber hat Deutschlands Chancen auf die EZB-Spitze ruiniert. Im europäischen Ausland ist die Schadenfreude groß.

Am Tag nach dem großen Knall herrscht im Berliner Politikbetrieb Chaos – angerichtet von Noch-Bundesbankchef Axel Weber. Jeder, der irgendwann einmal mit dem amtierenden Notenbankchef zu tun hatte, fragt sich, was diesen renommierten Geldexperten geritten hat, Bundeskanzlerin Angela Merkel ohne jede Vorwarnung die Brocken vor die Füße zu schmeißen. „Das gibt’s doch gar nicht“, sagt ein Vertreter der Regierung. „Erst haut der Köhler ab, dann der Bundesbank-Präsident.“

Also ausgerechnet jener Mann, den die Kanzlerin bald an die Spitze der mächtigen Europäischen Zentralbank (EZB) befördern wollte. Mit ihrer Personalauswahl hat Merkel kein Glück. Viel ist über Webers Gründe spekuliert worden. Wird er Nachfolger von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank? Hält er die Streitereien mit den EZB-Kollegen nicht aus, die er selbst entfacht hat? Fühlt er sich von Merkel nicht ausreichend in seiner Kandidatur für den Chefposten unterstützt? Fragen über Fragen und keine plausible Antwort von einem Mann, der selbst bei jeder Gelegenheit von der Politik Gradlinigkeit und politisches Stehvermögen einfordert.

Stattdessen sorgt der Bundesbank-Präsident weiter für Verwirrung. In Wien hält er einen Vortrag. Weber wolle dort das Rätsel um seine berufliche Zukunft lösen, schreiben die Nachrichtenagenturen und berufen sich dabei auf die Bundesbank. Weber werde zu Beginn seiner Rede in Wien ein Statement abgeben. Und wie einen Tag zuvor kneift Weber. Er habe mit Merkel gesprochen, sagt er. Er werde sich zu seiner Zukunft erst nach einem erneuten Gespräch mit ihr äußern.

Der Bundesbank-Präsident weiß offensichtlich nicht, was er will und blamiert die Kanzlerin damit nicht nur. Schlimmer, er stellt sie vor kaum noch lösbare politische Probleme – und das mitten in der schlimmsten Krise der Eurozone seit ihrer Gründung. Für Merkel stellt sich nur noch eine Frage: Wie kommt sie persönlich, wie kommt diese Bundesregierung aus dem Schlammassel heraus? Hat Deutschland alle Chancen auf den EZB-Chefposten verspielt, weil der eigene Kandidat die Nerven verloren hat? Ist Webers Ausfall ein Problem für Merkels Pläne zur Rettung des Euro? Was sagt die beim Euro so labile FDP dazu?

Merkel muss auf diese Fragen schnell eine Antwort finden, wenn sie nicht am Ende selbst als größte Verliererin dieses Desasters dastehen will. Im Ausland ergießt sich schon Spott über die Deutschen: Von „Harakiri-Stil“, also Selbstmord, schreibt die spanische Zeitung „La Vanguardia“. Der regierungsnahe Le Figaro aus Paris kommentiert: „Der Elysée-Palast kann einen schönen Sieg in dem Kampf um die Nachfolge von Jean-Claude Trichet an der Spitze der EZB auskosten.“ Die Trauer von Freunden über das Missgeschick eines Verbündeten im Kampf gegen Europas Weichwährungspolitiker klingt anders.

Merkel muss sich schnell entscheiden

Die Kanzlerin hat nur wenige Optionen, wie sie aus dieser Bredouille herauskommt. Und sie muss sich schnell entscheiden. Als Nachfolger für Weber könnte sie ihren Wirtschaftsberater Jens Weidmann an die Spitze der Bundesbank schicken. Weidmann ist ein Experte, klug und unprätentiös bis zur Selbstverleugnung. Als EZB-Präsident aber kommt er nicht in Frage. Zu jung und zu unerfahren ist er. Schon der Aufstieg auf den Chefposten der deutschen Notenbank wäre ein großer Sprung für ihn.

Damit aber ist die Auswahl klein. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark wäre aus Sicht der Kanzlerin möglicherweise ein guter Mann. Im Ausland aber gilt er als schwer vermittelbar. „Es gibt Unfähige wie Weber und Taliban wie Stark“, schreibt El Pais. Das ist starker Tobak. Das Blatt orakelt weiter: „Und es gibt auch Ausgewogene wie Regling.“ Vielleicht ist der Deutsche, der Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF, der einzige vermittelbare Kandidat, den die Kanzlerin noch hat. Merkels letzte Chance. Gut sind die Aussichten trotzdem nicht.

Regling gilt zwar als politisch unabhängig, sehr erfahren und durchsetzungsfähig. Nur er wiederum will den Posten nicht – bislang jedenfalls. Außerdem ist das Ganze nicht nur eine Frage der Personalauswahl. Stark zum Beispiel könnte auch nach den Statuten der EZB aus dem Rennen sein, weil er als Chefvolkswirt der Währungshüter zu lange im Direktorium der Zentralbank ist. Und wenn er, wie bislang geplant aus dem Gremium ausscheidet, um vielleicht Bundesbank-Chef zu werden, die Kanzlerin aber keinen deutschen Kandidaten für die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat, steht Deutschland dann vorübergehend ohne eigenen Vertreter im Direktorium da.

Unvorstellbar. Überall lauern für Merkel Unwägbarkeiten. Und Schuld ist Weber. Das Personaltableau, das für solche Positionen in Frage kommt, ist hierzulande sehr dünn. Merkels Vertraute prüfen jetzt jede Möglichkeit. Sehr schnell muss eine Lösung her, wenn es denn überhaupt eine gibt. Vielleicht aber geht diese hektische Suche nach Auswegen nur der Erkenntnis voraus, dass sich die Situation unumkehrbar gewandelt hat.

Deutschland braucht einen Kandidaten

„Jetzt muss schnell jemand gefunden werden, der unsere Position glaubwürdig an der EZB-Spitze vertritt“, fordertd der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs. Fuchs ist enttäuscht. Ein bisschen Trennungsschmerz vom Posten des EZB-Chefs ist wohl auch dabei. Die Deutschen, die vor allen anderen für die Rettung maroder Euro-Partnerländer haften, sind der Meinung, dass sie wie kein anderes Mitglied dieser Währungsunion ein Anrecht auf diesen Job hätten. Nur hilft das angesichts der Realität eben nicht sonderlich.

Gute Hinweise an die Adresse der Kanzlerin gibt es nicht zu knapp. Und einer, dessen Ratschlag für Merkel besonders schwer anzunehmen sein dürfte, hat ihn schon vor Tagen gegeben, lange bevor der Bundesbank-Präsident diese Republik in Aufregung versetzte: Merkels Vorgänger Gerhard Schröder. „Für die Beibehaltung wie Durchsetzung der deutschen Stabilitätskultur ist es möglicherweise besser, wenn sie nicht von einem Deutschen an der Spitze der EZB repräsentiert wird“, sagte er dem „Handelsblatt“.

Er würde es befürworten, wenn ein Vertreter eines kleineren, dafür aber stabilitätsorientierten Landes dieses Amt übernehmen würde – Luxemburg zum Beispiel. „Es ist nicht wichtig für Deutschland, dass der neue EZB-Präsident ein Deutscher wird“, sagt auch Paul de Grauwe, ein führender europäischer Experte. Wichtig sei, dass der neue EZB-Chef ein Falke sei – also einer, der für eine stabile Währung kämpfe. Der Franzose Trichet sei so einer gewesen. Und der Italiener Mario Draghi, der potenzielle Gegenkandidat Webers, sei auch so einer.

Man kann davon ausgehen, dass solche Gedanken nicht nur in irgendwelchen Hinterzimmer-Expertenkreisen gewälzt werden. Auch die Regierungen der anderen EU-Länder fragen sich, welche Optionen Webers Wackelnummer nun für sie eröffnet. Die Italiener hoffen, dass sie Draghi doch noch durchsetzen können, vielleicht sogar mit Hilfe Frankreichs. Dort wiederum trägt sich der eine oder andere mit der Idee, Trichets Amtszeit zu verlängern. Beides sind mögliche Varianten, wahrscheinlich aber sind sie nicht.

„Deutschland braucht einen Kandidaten“, heißt es in Berlin. „Ein Deutscher aber muss er nicht sein“. Es reiche, wenn er deutsche Stabilitätskriterien vertritt. Kleinere Länder wie die Niederlande, Finnland oder Luxemburg hätten dieses Personal zu bieten. Merkel muss nun überlegen, ob sich einer von ihnen auch im Inland verkaufen lässt.

Kommentar: Axel Weber hinterlässt Merkel einen Scherbenhaufen