Spekulationen im Vorfeld hätte man sich sparen können. Denn mit der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises in diesem Jahr hat die Schwedische Akademie der Wissenschaften erneut bewiesen, dass sie sich nicht in die Karten schauen lässt. Und so spielten die Namen der neuen Preisträger weder auf einer der Onlinewettbörsen eine Rolle, bei denen man auf den Gewinner der begehrten Auszeichnung setzen konnte. Noch ist einer der renommierten Ökonomen wie Paul Krugman und Jagdish Bhagwati dabei, die seit Jahren zu den Anwärtern auf den Preis zählen.
In diesem Jahr geht der Nobelpreis an Leonid Hurwicz, Eric Maskin und Roger Myerson und damit erneut an drei Spieltheoretiker. Vereinfacht gesagt wird in dieser Wissenschaft die ganze Welt als ein Spiel gesehen, in dem jeder versucht, schlauer zu sein als der andere. Die Spieltheorie wiederum untersucht, was alles passieren kann, wenn sich die Teilnehmer gegenseitig austricksen. Dieser Forschungszweig entstand in den 50er Jahren und geht unter anderem auf strategische Spiele wie Schach zurück. Heute kommt die Spieltheorie überall da zum Einsatz, wo Konflikte entstehen können, etwa beim Wettbewerb von Unternehmen oder im Wahlkampf.
Hier haben die drei neuen Nobelpreisträger bedeutende Beiträge geleistet. Sie erforschten optimale Mechanismen, um bestimmte wirtschaftspolitische Ziele wie privaten Gewinn oder sozialen Wohlstand zu erreichen. Die Theorie von wirtschaftlichen Handlungsvorgängen, die sogenannte Mechanism design theory wurde von Hurwicz begründet und von Maskin und Myerson weiter entwickelt. Sie helfe Situationen zu unterscheiden, in denen Märkte gut funktionieren und in denen dies nicht der Fall ist, hieß es in der Begründung der Königlich-Schwedischen Akademie. Die Theorie gilt als Teil der Vertrags- und der Spieltheorie. Mit ihr lassen sich Entscheidungsprozesse in der Wirtschaft erklären, etwa wie Versicherungen die beste Risikoabdeckung bieten, ohne zu Missbrauch einzuladen.
Kurz vor der Oktoberrevolution geboren
Hurwicz ist mit 90 Jahren der älteste Nobelpreisgewinner. Der kurz vor der Oktoberrevolution in Moskau geborene Wissenschaftler ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Minnesota in Minneapolis. Hurwicz zeigte sich erstaunt. In der Vergangenheit habe er als Kandidat für den Preis gegolten. "Doch als die Zeit verging und nichts passierte, habe ich nicht mehr damit gerechnet, weil die Menschen, die mit meiner Theorie vertraut sind, gestorben sind."
Der 56-jährige Maskin lehrt in Princeton am Institut for Advanced Study. Er sagte nach der Bekanntgabe bewegt am Telefon über die aus seiner Sicht besonders verdiente Vergabe an den greisen Hurwicz: "Wir hatten schon gefürchtet, dass die Zeit nicht mehr reichen würde." Für ihn selbst sei der Nobelpreis wie ein Lotteriegewinn. Der ebenfalls 56 Jahre alte Myerson ist Professor an der Universität von Chicago in Illinois. Er hatte schon seit einigen Jahren mit der Auszeichnung gerechnet. "Es wäre schlecht, wenn uns erst das Nobelpreiskomitee sagen müsste, dass wir gute Arbeit machen", sagte er bereits 2006.
Mit der Entscheidung der Stockholmer Jury erlebt die Spieltheorie derzeit eine neue Blüte. Schon 1994 und 2005 wurden Forscher dieses Fachs mit dem Nobelpreis geehrt. Mit Hurwicz, Maskin und Myerson haben nun insgesamt bereits acht Spieltheoretiker die mit umgerechnet 1,1 Mio. Euro dotierte Auszeichnung erhalten.
Wachsender Einfluss der Spieltheoretiker
"Dass so viele Spieltheoretiker den Nobelpreis bekommen haben, liegt sicher auch an ihrem wachsenden Einfluss", sagt der Kölner Spieltheoretiker Axel Ockenfels. Er selbst studierte unter dem ehemaligen Bonner Volkswirtschaftsprofessor Reinhard Selten, der als erster und bislang auch einziger deutscher Nobelpreisträger in dieser Disziplin ausgezeichnet wurde. "Die Spieltheorie ist von immenser Bedeutung in den Wirtschaftswissenschaften und breitet sich immer weiter auch auf andere Fächer wie Politikwissenschaft, BWL oder Psychologie aus", sagt Ockenfels.
Seit der ersten Preisverleihung im Jahr 1969 rätselt die Zunft darüber, welchen Trends das Nobelpreiskomitee bei ihrer Auswahl der preiswürdigen Ökonomen wohl folgt. Als relativ gesichert gilt zumindest, dass das Komitee nur Ökonomen auszeichnet, die sich über einen langen Zeitraum mit ihren Forschungsarbeiten internationale Meriten erworben haben.
"Wenn im Vorjahr eine Einzelperson ausgezeichnet wurde, stehen die Chancen schlecht, dass sich das Komitee im Folgejahr wieder für einen einzelnen entscheidet", sagt David Pendlebury, vom Datendienstleister Thomson Scientific. Der Analyst untersucht seit mehr als zwanzig Jahren die Fachliteratur auf preisverdächtige Kandidaten. Mit der Preisvergabe an die drei amerikanischen Forscher hat sich seine These in diesem Jahr immerhin bestätigt.
In den vergangenen Jahren tendierte das Nobelpreiskomitee aber überhaupt dazu, mehrere Vertreter einer Fachrichtung auszuzeichnen statt nur einen Ökonomen hervorzuheben. Begründet wird dies unter anderem mit der zunehmenden Spezialisierung in den Wirtschaftswissenschaften. So war Edmund Phelps, der den Nobelpreis im vergangenen Jahr für sein Gesamtwerk erhielt, der erste Ökonom seit sieben Jahren, der sich den Preis nicht mit einem Forscherkollegen teilen musste.




