Creditreform-Studie

Immer weniger Berliner melden sich pleite

Die Zahl der Pleiten von Privatleuten und Betrieben ist im ersten Halbjahr in ganz Deutschland deutlich zurückgegangen – und in der Hauptstadt noch stärker als im Bundesdurchschnitt. Besonders robust zeigen sich die Berliner Firmen. Bei privaten Pleiten sieht die Statistik allerdings schöner aus als die Realität.

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Bei immer mehr Berlinern und Unternehmen in der Hauptstadt stimmt zumindest laut Statistik die Kasse wieder: Im ersten Halbjahr 2008 ist in der Hauptstadt sowohl die Zahl der Insolvenzen von Privatleuten als auch die der Firmenpleiten zurückgegangen – und das weitaus stärker als im bundesweiten Schnitt. Das geht aus der aktuellen Studie der Auskunftei Creditreform hervor, die der Morgenpost Online vorliegt.

Im ganzen Land ist die Situation deutlich entspannter als vor einem halben Jahr, laut Creditreform schnappt bei Betrieben und Privatpersonen die Schuldenfalle immer seltener zu. Erstmals seit Einführung der neuen Insolvenzordnung 1999 ist die Zahl der Pleiten von Privatleuten sogar rückläufig – und nirgendwo im Land sieht die Situation rosiger aus als in Berlin: „Wir haben in der Hauptstadt seit Jahresbeginn 20 Prozent weniger sogenannte Verbraucherinsolvenzen gezählt, als im ersten Halbjahr 2007. Der Rückgang in Deutschland insgesamt liegt im Schnitt nur bei 7,2 Prozent“, sagt Hans-Ulrich Fitz von Creditreform.

Besonders robust zeigen sich auch die Berliner Firmen. 770 Betriebe hatten laut Creditreform in den ersten sechs Monaten Insolvenz anmelden müssen, das sind 60 Fälle oder 7,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In ganz Deutschland war die Quote lediglich um 5,1 Prozent gesunken.

Stärkster Rückgang in den neuen Bundesländern

Besser als die Hauptstadt schneiden allerdings die Firmen in den neuen Bundesländern ab: Dort gab es sogar 13,4 Prozent weniger Pleiten als im Vorjahreszeitraum. Experten sehen die Ursache für den starken Rückgang in der über Jahre schwachen wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutland, die zahlreiche Firmenzusammenbrüche zur Folge gehabt habe. Unternehmen, die sich bislang am Markt behauptet haben, sind besonders gut aufgestellt und stabil. Über die positive Entwicklung bei den Privatpleiten rätseln die Experten hingegen noch. „Bereits in den letzten Monaten des vergangenen Jahres zeichnete sich ein leichter Rückgang des Insolvenzaufkommens ab.

Fraglich ist nur, woran es liegt“, heißt es in einer Analyse von Creditreform. Tatsache ist, dass die Statistik wohl die positive Entwicklung besser scheinen lässt, als sie ist. „Nach unseren Erkenntnissen ist der Rückgang von Privatpleiten nicht nur auf eine Verbesserung der Überschuldungssituation zurückzuführen, sondern ist auch Folge der eingeschränkteren Beratungsmöglichkeiten für Menschen in finanziellen Schwierigkeiten“, sagt Creditreformexperte Fitz. Bislang konnten sich Privatpersonen, denen die Pleite droht, an Rechtsanwälte oder Schuldnerberatung wenden, die sie beim weiteren Verfahren, gegebenenfalls der Insolvenzanmeldung beraten. Fast die Hälfte der Betroffenen suchten einen Anwalt auf. „Inzwischen wird die Bewilligung der Kosten dafür von den Gerichten immer restriktiver gehandhabt“, sagt Hans-Ulrich Fitz.

Lange Wartezeiten auf Insolvenzverfahren schrecken ab

Die Folge: Bei den Schuldnerberatern stapeln sich die Anträge, die Sachbearbeiter kommen mit der Bearbeitung nicht mehr hinterher – das Entschuldungsverfahren, das oft mit Anmeldung der Insolvenz beginnt, verzögert sich, und die Statistik sieht besser aus. „Wir schieben einen unbearbeiteten Berg an Anträgen vor uns her“, bestätigt ein Schuldnerberater in Essen. „Mein Kalender ist bis zum Jahresende ausgebucht. Und das gilt auch für die meisten meiner Kollegen“, erklärt der Experte gegenüber Creditreform. Die langen Wartezeiten schrecken Menschen, die in finanziellen Nöten stecken, jedoch häufig ab. „Überschuldete Personen wollen in der Regel sofort Unterstützung, wenn sie zu uns kommen. Die schlucken das nicht, dass sie ein halbes Jahr oder länger vertröstet werden“, sagt ein Schuldnerberater aus Neukölln.

Letztlich verzichten viele Menschen, die in der finanziellen Klemme stecken, ganz auf Beratung und wursteln weiter wie bisher. Schwierigkeiten bei der Beratung sind aber nicht allein Ursache der positiven Zahlen bei den Privatpleiten, stellt Fitz klar: „Die Situation hat sich eindeutig entspannt, vor allem in Berlin. „Die Firmeninsolvenzen sind rückläufig, die Arbeitslosigkeit sinkt und es gibt spürbar mehr Eintragungen neuer Unternehmen – all das schafft am Ende neue Jobs. Und wer Arbeit hat, schlittert seltener in die Pleite“, sagt Hans-Ulrich Fitz.