Hartz-IV-Schicksal

Neuer Job nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit

Heiko Gast hat sechs Jahre lang eine feste Stelle gesucht. Der Elektromonteur war Kurierfahrer für 400 Euro in Monat, machte im Park sauber als Ein-Euro-Jobber. Jetzt hat er wieder einen richtigen Job. Gast hatte Glück – denn die Arbeitsmarktpolitik versagt bei den meisten Langzeitarbeitslosen.

Vor allem morgens früh nagten die Selbstzweifel an Heiko Gast. Wenn der Elektromonteur sich in dem gelben Haus hinter den Schrebergärten und Reihenhäusern von Berlin-Teltow um sieben mit den Kollegen traf, flachsten die locker herum. Gast war dann mit den Gedanken schon bei den Elektroanlagen. "Schaffe ich das heute, bin ich der Aufgabe gewachsen?", fragte er sich. Nach sechs Jahren ohne festen Job musste er sich erst wieder an das Miteinander im Betrieb und die Arbeit gewöhnen. "Ich war unsicher", sagt der 46-jährige Elektromonteur zaghaft. Inzwischen scherzt auch er, bevor er und seine Kollegen zur Arbeit ausschwärmen.

Gast hat geschafft, was nur wenigen Langzeitarbeitslosen hierzulande gelingt. Seit vier Monaten hat er einen festen Job, ist früh morgens pünktlich im Betrieb und arbeitet acht Stunden lang. Gast zählte zur größten Problemgruppe der Menschen ohne Job. Nach Schätzungen der Bundesagentur sind rund 1,9 Millionen der Arbeitslosen schon länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. Das sind mehr als die Hälfte der 3,23 Millionen Arbeitslosen, die die Statistik der Nürnberger Behörde im Mai registrierte. Im europäischen Vergleich ist das ein schlechter Wert. Dabei wäre es so wichtig, mehr von diesen Menschen in eine reguläre Beschäftigung zu bekommen. Vor allem, um die Sozialsysteme zu entlasten.

Doch wer wie Heiko Gast länger als ein Jahr vom Berufsalltag ausgeschlossen war, hat es besonders schwer. Je länger man arbeitslos ist, desto schwieriger wird es, wieder reinzufinden. Schon das Aufstehen wird für viele zum Problem. Und man wird zum Außenseiter, der Status leidet. "Arbeit ist der Schlüssel zur Einbindung in die Gesellschaft ", sagt Markus Promberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Je länger man draußen sei, desto höher werde das Risiko, dass die für den Arbeitsalltag nötigen praktischen Fähigkeiten schwinden.


Je länger der Aufschwung in Deutschland andauert, desto mehr rücken die Langzeitarbeitslosen nun wieder in den Blickpunkt. Doch die neuen Jobs bekommen meist diejenigen, deren letzte Arbeitserfahrung noch nicht so lange zurückliegt. Zwar ist auch die Zahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent geschrumpft. Doch weitaus deutlicher war der Rückgang der Zahl der Kurzzeitarbeitslosen mit 20 Prozent.


Heiko Gast hat richtig gekämpft, um wieder reinzukommen. Er hat nie aufgegeben und sich nicht als Opfer gesehen. "Die Hoffnung schwindet Stück für Stück, aber ganz habe ich sie nie verloren."

Das Bild des Hartz-IV-Empfängers ist gemeinhin anders: Er gilt meist als Mitglied einer passiven Unterschicht, die sich gerne vom Staat alimentieren lässt. Zu Unrecht, findet Markus Promberger vom IAB. Sein Institut untersucht gerade, wie sich Langzeitarbeitslosigkeit auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt. "Viele sehen sich keinesfalls als Opfer der Verhältnisse, zeigen Eigensinn, Energie und Vitalität". Wenn die Betreuung besser auf sie zugeschnitten würde, könnten auch mehr Langzeitarbeitslose den Sprung zurück in die Arbeitswelt schaffen, lautet ein erstes zentrales Ergebnis seiner Studie.

Versprechen der Hartz-IV-Reform sind nur zum Teil eingelöst worden

Die Hartz-Reformen hatten genau das mit dem Prinzip "Fordern und Fördern" eigentlich versprochen. Hauptsache Arbeit, notfalls erst einmal für einen Euro, und mit viel persönlicher Unterstützung für die Reintegration in den Arbeitsmarkt, lautet die Devise. Doch die Versprechungen der Hartz-Reformen sind noch nicht ganz eingelöst worden. "Es gibt noch Verbesserungsbedarf", sagt IAB-Experte Promberger. Viele Arbeitsvermittler würden selbst gerne zusätzlich psychologisch oder sozialpädagogisch qualifiziert werden, um die Fähigkeiten von Langzeitarbeitslosen optimal erkennen und mobilisieren zu können, sagt er. In Großbritannien etwa sei man schon weiter. Dort würde die Betreuung persönlicher gestaltet.


Dass man so vorgehen muss, ist auch in Deutschland eigentlich lange bekannt. In den 30er-Jahren wurde die aufsehenerregende Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" erstellt. Die Soziologen Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel untersuchten die Auswirkungen des Nichtstuns auf Psyche und soziales Umfeld. Die Forscher registrierten Apathie und folgerten: Die Freizeit erweist sich als "tragisches Geschenk". So liehen die Marienthaler Arbeitslosen immer weniger Bücher aus der gebührenfreien Bibliothek aus, obwohl sie mehr Zeit hatten. Pünktlichkeit wurde unwichtig. Immer wieder blieben die arbeitslosen Männer stehen, wenn sie die Dorfstraße entlangschlenderten. Sie verschwendeten ihre Zeit. Ein Berater des Arbeitsamtes, das konnte man schon damals lernen, muss diese Auswirkungen berücksichtigen.

Heiko Gast macht mehr als 60 Jahre später ähnliche Erfahrungen wie die Arbeitslosen von Marienthal. Als er 1997 einen Aufhebungsvertrag von der Bahn vorgelegt bekam, ging es langsam bergab. Erst gab es noch eine neue Stelle, aber das Unternehmen machte pleite. 2002 kam er dann zum Arbeitsamt: Erst Arbeitslosengeld, dann Arbeitslosenhilfe, schließlich, 2004, nach den Arbeitsmarktreformen Hartz-IV-Empfänger. Finanziell, sagt er, sei er mit Hartz IV einigermaßen über die Runden gekommen. Aber die Leere, die Langeweile, das Nicht-Gebrauchtwerden setzten ihm zu. Die freie Zeit wurde nach ein paar Monaten zum Fluch, er kann sich kaum erinnern, was er Tag für Tag machte. "Ein halbes Jahr ist Nichtstun vielleicht schön, dann aber reicht es."

Das Schlimmste ist es für Arbeitslose, den leeren Tag zu strukturieren

Aber er resignierte nicht. Gast versuchte, sich fit für den Arbeitsmarkt zu halten. Auch wenn das lethargische Verweilen vor dem Fernseher verlockend war, bemühte er sich, weiterzulesen. Jeden Tag stand er um acht Uhr auf und ging daran, seinen ansonsten leeren Tag am Nachmittag mit Besuchen bei Freunden zu strukturieren. Wann immer möglich, suchte er den Kontakt zur Arbeitswelt. Drei Jahre lang arbeitete er Teilzeit als Kurier für 400 Euro im Monat. Zuletzt sammelte er Papier an einem See für einen Euro pro Stunde auf.

Auf die Arbeitsverwaltung ist Gast nicht gut zu sprechen. "Ich war für die nur eine Nummer", sagt er. Doch auch die umfassendste Rundum-Betreuung kann wohl nicht das ersetzen, was letztendlich der größte Trumpf von Gast war, nämlich seine aktive Grundhaltung: "Ich wollte schon immer für mich selbst sorgen", sagt er. Nie hat er sich in die Identität des Arbeitslosen eingefügt. "Ich bin schließlich ein gut ausgebildeter Meister, kein Dummer", sagt er.

Sein Berufsethos als Handwerker hat ihm dabei geholfen. Als 18-Jähriger machte er in der DDR eine Ausbildung zum Elektromonteur, dann kam noch ein Meister obendrauf. Wenn Gast von seiner Stelle bei der Bahn damals spricht, hört man Begeisterung und Stolz heraus.

Gast hatte aber auch Glück, dass sein Chef keine Vorurteile hat. Martin Musick, Chef der Firma Elektrocom, versichert, er habe Gast nicht nur wegen der Zuschüsse der BA eingestellt. Vielmehr habe er Gasts Wissen dringend gebraucht. Im Osten funktionieren die Stromanlagen noch mit einer Vierleitertechnik, damit kennen sich nur wenige aus. "Ich war froh, dass ich ihn gefunden habe", sagt Musick, der neben Gast noch 17 weitere Mitarbeiter beschäftigt.

Die Atmosphäre ist familiär. Gibt es Probleme, werden die nach 16 Uhr mit dem Chef besprochen. Musick sagt, dass er schon mit anderen Langzeitarbeitslosen in seinem Betrieb gute Erfahrungen gemacht habe. Sie seien oft hoch motiviert. "Weil sie wissen, wie es ist, ganz unten zu landen." Dort will Heiko Gast auf keinen Fall wieder hin. Er hat vor allem einen großen Wunsch: "Bis zur Rente hier arbeiten."