Die Weltwirtschaft hat Fieber. Die Gradzahl wird allerdings nicht in Celsius gemessen, sondern in Dollar pro Fass Öl. Und der rote Bereich des Thermometers ist erreicht. Einen Preis jenseits der 130 Dollar wird die globale Konjunktur nicht ohne erhebliche Schwächung verkraften können. Jedenfalls widersprach niemand am Wochenende dem japanischen Energieminister Akira Amari, als er wegen der „abnorm“ hohen Ölpreise vor einer globalen Rezession warnte.
Doch sind diese Ängste wirklich berechtigt? Wie viel ist Panik, nachdem der Preis Ende vergangener Woche innerhalb von 48 Stunden von 122 auf fast 139 Dollar anstieg? Und wie viel hat wirklich damit zu tun, dass das Ölzeitalter zu Ende gehen könnte?
Ein Ölpreis in dieser Höhe trifft die Weltwirtschaft zweifelsohne hart. Dabei geht es nicht nur darum, dass er für die Verbraucher wie eine zusätzliche Steuer wirkt. Was den Finanzministern und Notenbankern derzeit den Angstschweiß auf die Stirn steigen lässt, ist die Tatsache, dass sie ihren eigenen Handlungsspielraum verlieren. Vorbei sind die Zeiten, in denen die US-Notenbank einfach die Zinsen senken konnte, um der Konjunktur Rückenwind zu geben. Denn inzwischen lässt eine lockere Geldpolitik den Dollar fallen und den Ölpreis steigen. Und das wiederum macht der krisengeplagten Wirtschaft noch mehr zu schaffen.
Wodurch die Rufe nach Interventionen am Ölmarkt lauter werden. Allerdings fruchten Appelle der Industrieländer allein wenig. Es kommt auf die Öl-Exporteure an. Und die scheinen bislang keinen Anlass zu sehen, den Markt zu beruhigen. Im Gegenteil: Der Iran gießt noch Öl ins Feuer, indem er einen Preis von 150 Dollar pro Barrel für diesen Sommer prognostiziert.
Auch preistreibenden Spekulationen lässt sich nicht so leicht der Garaus machen. Man mag ja all jene verdammen, die mit Derivaten am Preisanstieg mitverdienen wollen, obwohl sie eigentlich gar kein physisches Öl kaufen. Doch dabei wird oft vergessen, welche Vorteile es hat, dass die Finanzmärkte heute so weit entwickelt sind: Denn nur so ist es möglich, dass Firmen sich gegen den Ölpreisanstieg absichern können und sich somit nicht jede Bewegung umgehend auf die Endpreise auswirkt.
Auch die Forderung, der Gaspreis könnte von der Entwicklung beim Öl entkoppelt werden, bringt wenig. Warum sollte der Gasexporteur Russland diese Tradition aufgeben? Wer das fordert, verkennt die Machtverhältnisse.
Die Verbraucher haben im Moment nur eine Alternative: mehr zahlen oder Energie sparen. Der Spielraum ist größer, als sich mancher eingestehen will: Was spricht dagegen, den Fuß etwas sanfter aufs Gaspedal zu setzen oder bei kürzeren Strecken zu radeln? Zudem sind viele Häuser und Wohnungen katastrophal schlecht isoliert. Nicht in der Sonnenenergie liegt das große Potenzial der nächsten Jahre, sondern in der Isolation von Häusern und Mietwohnungen.
Zu guter Letzt können die Verbraucher hoffen, dass der Ölmarkt mittelfristig doch nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage funktioniert. Was wir im Moment sehen, ist eine spekulative Blase, eine Art „Oil-Dotcom“. So richtig erklären kann jedenfalls niemand, warum der Ölpreis bald 150 oder gar 200 Dollar pro Barrel erreichen soll: Die steigende Nachfrage aus China und Indien ist seit vielen Jahren bekannt. Analysten vermuten, dass China derzeit Öl hortet, um peinliche Energieengpässe während der Olympischen Spiele auszuschließen. Und wenn die Weltwirtschaft in eine Rezession gerät: Warum sollte dann der Ölpreis so hoch bleiben? Bereits jetzt ist der Rückgang spürbar wie in den Vereinigten Staaten, die im März 3,5 Prozent weniger Öl nachgefragt haben als im Vorjahr.
Auch die Angebotsseite wird auf kurz oder lang reagieren, wenn die Preise so hoch bleiben. Ob die Ölsande in Kanada oder Tiefenbohrungen in der Arktis: Je länger die Preise oben verharren, desto größer wird die Bereitschaft von Investoren, in ehrgeizige Projekte zu investieren. Der jüngste Preisanstieg erfolgte nur so schnell, dass die Unternehmen noch nicht reagieren konnten.
Es ist also zu früh, die Zeit nach dem Öl auszurufen. Die Trendwende wird kommen. Dabei bleibt paradoxerweise zu hoffen, dass diese Umkehr nicht zu radikal ausfällt. Denn ein dramatischer Absturz würde an den Märkten zu neuen Verwerfungen führen, die die bisherige Finanzkrise wohl in den Schatten stellen könnte.



