Angesichts zunehmender Probleme von Betrieben, für Lehrstellen geeignete Bewerber zu finden, fordern Spitzenvertreter der Berliner Wirtschaft eine Neuausrichtung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen für junge Leute. Eric Schweitzer, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK), und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer, dringen darauf, mit aller Macht Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen.

Sie starten deshalb auch die Aktion "Berlins bester Ausbildungbetrieb". Bis zum 17. September 2010 können Unternehmen im Internet unter www.morgenpost.de/ausbildung zur Auszeichnung vorgeschlagen werden. Außerdem können sich die Firmen selbst bewerben.

„Viele Betriebe suchen händeringend Auszubildende. Statt eine in vielen Fällen nutzlose schulische Warteschleife zu drehen, sollten die Jugendlichen besser den direkten Einstieg in eine betriebliche Ausbildung suchen“, sagte Schweitzer. Es sei nahezu absurd, wenn auf der einen Seite die Unternehmen nach Auszubildenden suchten und andererseits noch ausbildungsfähige Jugendliche ohne Not von der Bundesagentur in schulische Programme gesteckt würden.

Freie Träger nehmen den Unternehmen die Absolventen weg

Viele Programme der Bundesagentur für Arbeit (BA) sind noch in einer Zeit konzipiert worden, als weitaus mehr Jugendliche von der Schule abgingen. Da noch vor wenigen Jahren nicht alle eine Chance auf eine Stelle hatten, wurde eine Reihe von Programmen gestartet. So bieten freie Träger im Auftrag der BA sogenannte berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen. Die Jugendlichen drücken die Schulbank für ein weiteres Jahr, in der Hoffnung, danach eine Lehrstelle zu bekommen.

Allerdings konkurrieren diese Angebote zunehmend mit den unbesetzten Lehrstellen der Wirtschaft. Da weniger Leute die Schule verlassen – in Berlin schrumpften die Abgängerzahlen innerhalb von zehn Jahren von 37.000 auf 30.000 – stehen freie Träger mit ihren Angeboten im Wettbewerb mit den Lehrstellen der Unternehmen. Die Kritik der Wirtschaftsvertreter: Jugendliche werden oft in eine beliebige Maßnahme gesteckt, ohne dass sie für eine Stelle im dualen System wirklich fit gemacht werden.

„Unser gemeinsames Ziel muss es sein, wo immer möglich nicht weiterführende Bildungswege abzubauen und die finanziellen Mittel sinnvoller zu verwenden“, fordert daher Handwerkspräsident Schwarz. Viele junge Leute hätten noch nicht mitbekommen, dass sich die Situation auf dem Ausbildungsmarkt verändert habe. „Diejenigen, die noch nicht über das für eine Ausbildung nötige Minimum an Qualifikation verfügen, müssen im Übergangssystem Schule–Beruf in Maßnahmen aufgefangen werden, die auch betriebliche Phasen vorsehen“, sagt IHK-Präsident Schweitzer. Die Kurse sollten so gestaltet sein, dass sie nach Möglichkeit direkt in eine betriebliche Ausbildung münden. Solche Maßnahmen müssten gestärkt werden – durch Umschichtung der Mittel, die heute in rein schulische Warteschleifen fließen.

Sinnlose Warteschleifen

In diesem Zusammenhang sprechen sich beide Wirtschaftsvertreter für eine Stärkung der sogenannten betrieblichen Einstiegsqualifikationen aus. Dabei werden Jugendliche durch Betriebspraktika und Kurse direkt in Unternehmen auf eine Lehrstelle vorbereitet. Die Erfahrungen mit diesem Instrument sind durchaus gut. Im Berufsbildungsbericht werden sie gelobt. Unlängst berichtete in Berlin die Deutsche Telekom von Erfolgen mit der Einstiegsqualifizierung. Ein Jahr lang nahmen 61 Jugendliche daran teil, die vorher keine Chance auf eine Lehrstelle hatten. Nach einem Jahr wechselten 50 in ein reguläres Ausbildungsverhältnis, von denen 42 sogar direkt im zweiten Lehrjahr weitergemacht haben.

Im August gab es bei den Kammern noch 1300 unbesetzte Lehrstellen. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres wirbt die Berliner Wirtschaft bereits zum siebten Mal mit dem Wettbewerb „Bester Ausbildungsbetrieb“. Für den Wettbewerb von IHK und Handwerkskammer können sich Unternehmen noch bis zum 17. September bewerben. Im vergangenen Jahr war das Umzugsunternehmen Zapf zu „Berlins Bestem Ausbildungsbetrieb“ gekürt worden. Erstmals gab es damals zwei erste Plätze: Neben Zapf wurde der Handwerksbetrieb Bachmann Heizung & Sanitär für seine Nachwuchsförderung und die hohe Qualität der Ausbildung ausgezeichnet.

Info

Neue Runde Zum siebten Mal suchen IHK und Handwerkskammer Berlin den besten Ausbildungsbetrieb der Stadt. Der Wettbewerb läuft bis 17. September 2010. Die Preisverleihung erfolgt am 1. Oktober im Rahmen der Ausbildungsmesse „Tage der Berufsausbildung“ am ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Nachwuchssorgen Für Betriebe der Stadt wird es immer schwieriger, geeignete Bewerber zu finden. Die Kammern fordern in diesem Zusammenhang, dass Eltern, Lehrer, Politiker und Unternehmer an einem Strang ziehen. IHK und die Handwerkskammer haben den Wettbewerb gestartet, um Betriebe zu würdigen, die sich besondere Verdienste bei der Nachwuchsförderung erworben haben.

Bedingungen Bis zum 17. September 2010 können Ausbildungsbetriebe im Internet unter www.morgenpost.de/ausbildung zur Auszeichnung vorgeschlagen werden. Außerdem können sich die Unternehmen selbst bewerben. Eine Jury von IHK und Handwerkskammer wird die Sieger ermitteln. Die Auszubildenden und Mitarbeiter des Siegerbetriebs können sich auf den Besuch von Sportveranstaltungen Berliner Profi-Vereine wie Alba Berlin und Eisbären Berlin freuen. Die Initiative wird von der Berliner Morgenpost als Medienpartner unterstützt.