Gerade rechtzeitig hat Nico Babic die Kurve gekriegt. Es ist noch nicht lange her, da hing der heute 24-Jährige lieber mit seinen Kumpels auf der Straße ab, als sich um Beruf und Einkommen zu kümmern. "Ab der achten Klasse hatte ich keine Lust mehr auf Schule, bin kaum noch hingegangen", erzählt der Sohn einer kroatischen Mutter und eines bosnischen Vaters. Die "verlorene Zeit" will der Reinickendorfer jetzt aufholen. Ein wichtiger Grund: Babic ist Vater geworden. "Man will ja etwas bieten können", findet er.
Vor rund zwei Monaten hat Nico Babic deshalb seinen erweiterten Hauptschulabschluss nachgeholt. Bei der Siemens AG beginnt er nun eine Ausbildung zum Mechatroniker. "Meine ganze Familie ist sehr stolz, dass ich den Ausbildungsplatz bekommen habe", sagt Babic. Rund 50 Bewerbungen habe er geschrieben, sich beinahe überall beworben. Dann sei er im Internet auf die Siemens AG gestoßen. "Für Technik interessiere ich mich schon länger. Oft helfe ich in der Kfz-Werkstatt meines Onkels."
Noch im vergangenen Jahr hätte Babic wohl wenig Chancen auf einen Ausbildungsplatz bei Siemens gehabt. Inzwischen jedoch sucht der Konzern ganz bewusst nach jungen Menschen, die er fördern will: Bundesweit 250 Lehrstellen hat Siemens in diesem Jahr für so genannte "benachteiligte Jugendliche" geschaffen, davon 35 in Berlin. Die Zielgruppe sind Migranten, arbeitslose Schulabgänger und Altbewerber, die bei der Bundesagentur für Arbeit in der Warteschleife hängen. Die Bewerber müssen gute Deutschkenntnisse, realistische Berufsvorstellungen und eine hohe Motivation mitbringen, mindestens einen qualifizierten Hauptschulabschluss haben, aber noch keine berufliche Erstausbildung. 30 Mio. Euro stellt Siemens für das Programm bereit.
Damit wolle das Unternehmen denen eine Chance geben, die wegen unterdurchschnittlicher Schulleistung oder Defiziten bei den Basiskompetenzen bislang keinen Ausbildungsplatz bekommen hätten, sagt Arbeitsdirektor Siegfried Russwurm. Und nebenher gibt Siemens sich selbst die Chance, fähige Nachwuchskräfte ins Unternehmen zu holen. "Der sich abzeichnende Bewerbermangel zwingt uns, rechtzeitig nach neuen Lösungen zu suchen", sagt Norbert Giesen, Leiter des Bewerbermarketings. "Jemand wie Nico Babic wäre uns früher verloren gegangen."
Bislang hat der frisch gebackene Azubi bei seinen Vorgesetzen nur Pluspunkte gesammelt. "Sein Auftreten während des Einstellungstests hat mir gut gefallen", sagt Horst Hennig, Ausbildungsleiter in der Fertigung. "Er hat gut mitgearbeitet und sogar eigene Ideen eingebracht." Noch ist der junge Vater dreieinhalb Jahre von einer erfolgreichen Abschlussprüfung entfernt. Eine besondere Betreuung bekommt er nicht. Bei Bedarf steht den Azubis aus dem Programm jedoch eine Sozialpädagogin zur Seite. Am nötigen Ehrgeiz jedenfalls mangelt es Babic nicht; er hat jetzt Ziele: "Möglichst bald will ich mit meiner Familie an den Stadtrand ziehen." Besonders glücklich sei er, weil bei Siemens ein großes Unternehmen sei und sehr gute Chancen auf eine Übernahme bestünden. "Wenn man hier hundert Prozent gibt, bekommt man später auch einen guten Arbeitsplatz", ist sich Nico Babic sicher.



