Wem die BP-Aktie zu risikoreich, ökologisch bedenklich oder langweilig erscheint, der sollte es mal mit Arcandor versuchen. Der Handels- und Touristikkonzern in Insolvenz ist zwar eigentlich längst dahingeschieden, doch seine Aktie führt an der Börse ein erstaunliches Eigenleben. Nervenstarke, schmerzfreie oder humorvolle Investoren, die sich das Pleitepapier am Dienstagmorgen ins Depot legten, hatten kurz nach Mittag schon zehn Prozent gewonnen. Und wer es vor einer Woche wagte, die Zombie-Aktie zu ordern, lag sogar mit fast 30 Prozent im Plus.
Mit dem Hin und Her bei den Übernahmeverhandlungen durch Investor Nicolas Berggruen können Zocker richtig viel Geld verdienen – obwohl eine Aktie gerade noch 20 Cent wert ist. Bei diesen Stückpreisen allerdings kann man gleich ein paar Tausend kaufen. Falls man sich auch einen möglichen Absturz finanziell erlauben kann. Denn die Aktie wird beflügelt durch fragwürdige Wasserstandsmeldungen, Einschätzungen unbekannter Herkunft und Gerüchte. Von Parolen, die ihre Richtung täglich wechseln können.
Arcandors Aktienkurs steigt
Am Dienstag etwa sorgte dieses Gerücht für den spektakulären Kursschub: Die italienische Warenhausbetreiber-Familie Borletti erwäge eine Kaufofferte für Karstadt. Das Gegenangebot zum Berggruen-Konzept habe einen Wert von über 100 Millionen Euro, wurde im Umfeld der Essener Valovis Bank um kurz nach elf Uhr verbreitet. Ein Bieterkampf? Da steigt prompt der Aktienkurs.
Das Dementi, das schon wenig später erfolgte, bekamen die Investoren in die untote Arcandor-Aktie offenbar nicht mit. Highstreet beabsichtige nicht, Karstadt zu kaufen, verlautete es bei Goldman Sachs, dem bedeutendsten Borletti-Konsorten. Dem Highstreet-Konsortium – dazu zählen auch die Deutsche Bank sowie die italienischen Firmen Pirelli und Generali – gehören 86 der 120 Karstadt-Warenhäuser. Borletti hält rund drei Prozent daran. Dass Berggruen-Gegner Borletti auf eigene Faust ein Kaufangebot vorbereitet, ist zwar möglich, aber nicht wahrscheinlich. Zum einen dürfte die Finanzierung schwierig werden. Zum anderen ist es juristisch kaum möglich, im Kaufvertrag einfach den Namen Berggruen durch Borletti zu ersetzen. Und zum Dritten fehlt Zeit: Am 10. August will das Amtsgericht Essen den Insolvenzfall Karstadt abschließen. Ohne Einigung zu diesem Zeitpunkt droht die Zerschlagung der Kette mit 120 Häusern und rund 25.000 Mitarbeitern.
Gerüchte sorgen für Kursschub
Dem spektakulären Borletti-Gerücht am Dienstag folgten weitere seltsame Mitteilungen, an denen sich heruminterpretieren und -spekulieren ließ. Dabei hatte Valovis an diesem Tag die Hoheit über die Nachrichten, von denen niemand wusste, ob sie welche waren und wie lange sie halten würden.
Bereits am Wochenende war durchgesickert, dass sich Berggruen und Valovis über ihre Streitpunkte weitgehend geeinigt hätten. Das wäre ein wesentlicher Durchbruch für die Übernahme von Karstadt durch Berggruen. Nach Informationen der Morgenpost Online hatten die Anwaltskanzleien beider Seiten, Freshfields und HengelerMüller, die Verhandlungsergebnisse bereits in ein Eckpunktepapier geschrieben. Das musste noch im Detail verhandelt werden, wie bei solchen Verträgen üblich.
Um 11.13 Uhr am Dienstag gab ein Sprecher der Valovis-Seite die Spaß-Bremse: So eng sei man denn doch noch nicht beieinander. „Seit vergangenem Mittwoch sind zwischen Herrn Berggruen und Valovis keine unmittelbaren Verhandlungen mehr geführt worden“, hieß es in der Presseinformation. Die Bank hat mehr als 50 Immobilien des Karstadt-Vermieters Highstreet finanziert. Ihr Sprecher dementierte, dass der Hauptstreitpunkt der sogenannten „Mieterdienstbarkeiten“ beigelegt sei, was einige Medien gemeldet hatten. Dahinter versteckt sich die Forderung Berggruens, die inzwischen reduzierten Miethöhen ins Grundbuch einzutragen. Im Falle einer Highstreet-Insolvenz blieben ihm so die vergünstigten Konditionen erhalten. Für Valovis stiege durch den Eintrag jedoch das Risiko deutlich, weil dem 850-Millionen-Kredit geringere Mietforderungen gegenüberstünden. „Herr Berggruen hat bisher gegenüber Valovis in keiner Weise auf die Eintragung von Mietdienstbarkeiten ins Grundbuch verzichtet“, heißt es bei Valovis.
Die Mitteilung darüber, dass der Graben zwischen Valovis und Berggruen doch breiter als angenommen sei, sorgte für Verwirrung auf allen Seiten. Und sogar dafür, dass Valovis am Nachmittag plötzlich eine deutlich optimistische Sprachregelung auf den Markt brachte. Obwohl es seit der Vormittags-Erklärung keine weiteren Verhandlungen gegeben hatte, der Stand der Dinge also unverändert sein musste, hieß es jetzt bei Valovis: „Wir haben ernsthaft verhandelt, es gibt nur einige offenen Fragen mit Highstreet zu lösen. Die Schwierigkeit ist das komplizierte Dreiecksverhältnis zwischen Highstreet, Valovis und Berggruen.
Börsen-Spekulanten freuen sich
Es wird laufend und konstruktiv an einer Lösung gearbeitet.“ Auf wundersame Weise schien der Graben plötzlich überwindbar schmal geworden zu sein. Diese Wendungen und Wirrungen muss man nicht verstehen – aber man kann an der Börse prima damit spekulieren.
Übrigens: Am heutigen Mittwoch gibt es in London den nächsten spannenden Karstadt-Termin. Dort treffen sich die Investoren von „Fleet Street“. Die Gesellschaft hat einen Teil der Highstreet-Finanzierung verbrieft und weiterverkauft. Sie sollen der von Berggruen geforderten neuerlichen Reduzierung der Mieten zustimmen. Man darf gespannt sein, welche öffentlichen Erklärungen und Kurssprünge diese Verhandlungen wohl bringen.





