An diesem Wochenende soll es wieder richtig heiß werden - 36 Grad sagen Meteorologen voraus. Für die Bahn könnte diese Wettervorhersage zugleich die Vorhersage einer Beförderungskatastrophe werden. Denn die Klimaanlagen der ICE-Züge sind nur für Temperaturen bis 32 Grad ausgelegt.
Die Bahn stellt sich auf den Ausnahmezustand ein: In einem internen zweiseitigen Papier, das die Bahn an alle Zugführer und Zugbegleiter ausgegeben hat, heißt es: „Aufgrund der momentan sehr hohen Außentemperaturen müssen wir in den kommenden Tagen weiterhin mit Ausfällen von Klimaanlagen rechnen.“
243 Züge gefährdet
Aus dem Papier, das am 12. Juli verteilt wurde, geht hervor, dass nicht nur in der älteren ICE-Baureihe 2 sondern in allen Zügen Probleme mit den Klimaanlagen erwartet werden. Das bedeutet, dass die Bahn in insgesamt 243 Zügen mit ausfallenden Klimaanlagen rechnen muss.
Folgende ICE-Baureihen sind nach dem Papier akut von Überhitzungen bedroht:
ICE1 - 59 Stück im Einsatz
ICE 2 - 44 Stück
ICE 3 - 50 Stück
ICE T - 71 Stück
ICE TD - 19 Stück
Bahn verletzt Sicherheitsverpflichtung
Der Präsident des Eisenbahnbundesamtes, Gerald Hörster, warnte in einem Schreiben an den Bahnvorstand vom 14. Juli vor einer Verletzung der gesetzlichen "Sicherheitsverpflichtung" durch die Bahn. Er schrieb: "Die Vorfälle geben hinreichenden Anlass zu der Annahme, dass nicht gewährleistet werden konnte, dass die Risiken für die Fahrgäste auf ein verantwortbares und rechtlich zulässiges Maß beschränkt geblieben sind."
örster hatte zuvor, am 12. Juli, den Bahnvorstand um Stellungnahme zu den Vorfällen gebeten, als mehrere Bahnkunden in völlig überhitzten Zügen kollabiert waren. Der Vorstand hatte ihm mitgeteilt, dass ein Abkühlen mehr als 32 Grad Außentemperatur nicht gewährleistet sei. Und, dass in den betroffenen Zügen "durch unglückliche Umstände" schon vor dem Ausfall der Klimaanlage "die Luftzufuhr versagt" hatte.
Unklar beibt, warum die Klimaanlage ganz ausfiel, anstatt, wie zu erwarten gewesen wäre, nur etwas weniger Kühlung zu bringen. Thomas Terhorst vom Verein Deutscher Ingenieurte vermutet, dass Wartungsfehler zu diesen Problemen führen: Bei einer Außentemperatur von 35 Grad sei eine Innentemperatur von 26 Grad zu erwarten. Wenn die Außentemperatur über 35 Grad steige, müsse die Innentemperatur entsprechend mit ansteigen. Aber nicht ausfallen. Es sei denn, die Klimaanlage ist nicht gewartet worden und deswegen kaputt.
Testfahrten mit Siemens
Die Bahn untersucht angestrengt die genauen Ursachen für die Ausfälle. Es gab Testfahrten mit Experten von Siemens und Liebherr. Ersten Erkenntnissen zufolge könnten Fehler in Schaltungen der Klimaanlagen die Ursache für die Pannen sein. Doch eine Lösung wird Wochen, wenn nicht Monate auf sich warten lassen. Wer aber in diesen Tagen eine Bahnreise plant, muss sich auf das Schlimmste einstellen.
Die Bahn gibt ihren Mitarbeitern in dem zitierten Papier genaue Handlungsanweisungen für einen erneuten Kollaps der Klimatechnik: Ab 32 Grad Außentemperaturen soll demnach die Anlage auf „warm“ gestellt werden. Dann würde in den Waggons eine Temperatur von rund 27 Grad herrschen. Bei Stopps an Bahnhöfen sollen die Außentüren möglichst lange geschlossen bleiben, damit möglichst wenig heiße Außenluft in den Zug gelange.
Kulanz angemahnt
Das Papier ermahnt die Zugbegleiter, "umsichtig und verantwortungsvoll zu handeln": Sie sollen bei besonderer Hitze die Reisenden ansprechen, sich nach ihrem Befinden erkundigen und auf "Kinder, Schwangere, ältere Reisende und andere hilfsbedürftige Personen" besonders achten. Überhitzte Reisende sollen Freigetränke erhalten, wenn möglich, sollen ihnen Plätze in kühleren Waggons oder in Wagen der 1. Klasse angeboten werden. "Gehen Sie dabei kulant vor", wird gefettet hervorgehoben.
Wem diese Maßnahmen der Bahn allerdings nicht sicher genug sind, sollte eine längere Bahnfahrt in diesen heißen Tagen besser vermeiden.
Was haben Sie in diesen Tagen bei der Bahn erlebt? Haben Sie in einem heißen ICE leiden müssen? Wurden Sie Zeuge einer kritischen Situation? Fühlten Sie sich vom Bahn-Personal unterstützt oder allein gelassen? Twittern Sie, was sie erlebt haben - nutzen Sie den Hashtag #bahnklima.






