Vor eineinhalb Jahren herrschte beim Traditionsunternehmen Dr. Mann Pharma in Berlin-Spandau Aufbruchstimmung: Von 300 neuen Stellen bei der zum US-Konzern Bausch&Lomb gehörenden Firma war die Rede und von 16 Mio. Euro Investitionen. Die Europazentrale solle entstehen, hieß es. Inzwischen ist die Euphorie verflogen: Bausch&Lomb/Dr.Mann Pharma baut 60 Mitarbeiter ab. Ein Großteil geht in eine Transfergesellschaft. Andere haben nach Informationen von Morgenpost Online Aufhebungsverträge unterschrieben.

Damit ist die einst 670 Mitarbeiter starke Belegschaft am Brunsbütteler Damm bereits um ein Zehntel geschrumpft. Beschäftigte und Gewerkschaften sorgen sich überdies ernsthaft um den Standort Berlin. Dabei gehörte das Werk vor kurzem noch zu den Vorzeigebetrieben der industriellen Renaissance in Berlin. Kenner der Vorgänge in Spandau sehen „kaum noch einen Hoffnungsschimmer“.

Für den Aderlass bei Dr.Mann ist nach Angaben von Insidern nicht die Wirtschaftskrise verantwortlich. Die Geschäfte mit Augentropfen, Kontaktlinsen-Pflegemitteln und Pharmazeutika wie dem Schmerzmittel Vivimed laufen gut. Intern ist von einem Jahresüberschuss von 50 Mio. Euro die Rede, der in Berlin bei einem Umsatz von 260 Mio. Euro erwirtschaftet wird.

Aber ein neues Management hat andere Pläne mit dem Unternehmen. 2007 hat der US-Finanzinvestor Warburg Pincus die amerikanische Mutterfirma Bausch&Lomb übernommen und zahlte dafür 4,5 Mrd. Dollar. Die neuen Eigentümer, die einen Teil des Geschäfts über Kredite finanziert hatten, änderten die Strategie. „Wir bedauern, dass sie sich aus rein finanzinvestorischen Gründen so verhalten“, sagte die Bezirksleiterin der Gewerkschaft IG BCE, Sabine Süpke.

Lange Zeit lief das Geschäft in Spandau auch nach dem Verkauf an die Finanzinvestoren wie geplant weiter. Der Ausbau des Werkes in die Hallen der ehemaligen Alten Wollweberei schritt voran. Berlin unterstützte das Projekt mit drei Mio. Euro. Aber im vergangenen Herbst geriet der Ausbau ins Stocken, wie Mitarbeiter berichten. Bis heute ist nur ein Teil Flächen tatsächlich hergerichtet. Im März wurde dann Geschäftsführer Christoph Keßler ausgewechselt. „Von da ab waren die alten Planungen nicht mehr relevant“, heißt es.

Nun gehen wichtige Funktionen der Sparte Visual Care, also Augenheilprodukte, nach Zug (Schweiz). Der Bereich Augen-Operationen werde Aufgaben in die USA verlieren.

Die neue Chefin in Berlin, Gaëlle Waltinger, begründet den Personalabbau mit dem Geschäftsmodell des neuen Eigentümers. Die Geschäftsbereiche werden stärker zusammengezogen. Das sei eine Folge eines Vergleichs mit Konkurrenten, den Warburg Pincus vorgenommen habe. Demnach müsse Bausch&Lomb wettbewerbsfähiger werden. Weitere „Reduzierungen“ seien aber „momentan“ in Spandau nicht geplant.

Personalleiter Herrmann Kleesattel sagte, die Anpassungen in Spandau seien notwendig, damit der Standort Berlin sich ins neue Geschäftsmodell einpassen könne. Personal sei in Berlin nicht gestrichen worden, weil die Firma in Schieflage sei, sondern um im internen Wettbewerb mit anderen Produktionsstandorten in Irland, Schottland oder Frankreich mithalten zu können.

Die Belegschaft ist aber weiterhin in Sorge und fürchtet um weitere Arbeitsplätze, auch in der Produktion mit ihren 230 Mitarbeitern und in der Forschungsabteilung.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sagte, der Arbeitsplatzabbau sei „bedauerlich“. Kommende Woche ist Wolf mit der Geschäftsführung zum Gespräch über die Zukunft des Berliner Standortes verabredet. Eine Möglichkeit, wegen des Arbeitsplatzabbaus einen Teil der gewährten Hilfen für die Werkserweiterung zurückzufordern, besteht nach Wolfs Angaben jedoch nicht.