Insolvenzgefahr

15.000 Berliner sind von Firmenpleiten bedroht

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat nun auch zahlreiche Berliner Firmen an den Rand des Ruins gebracht. Für 2010 wird eine deutlich steigende Zahl von Insolvenzen erwartet. Welche Branchen es in der Hauptstadt am härtesten trifft.

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Die Finanz- und Wirtschaftskrise schlägt mit einem Jahr Verzögerung auf Berlin durch. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet in diesem Jahr mit 1550 bis 1650 Insolvenzen von Berliner Firmen. Das entspricht einer Steigerung von bis zu zehn Prozent im Vergleich zum Krisenjahr 2009 mit seinen 1490 Firmenpleiten. „Vielen Unternehmen geht jetzt die Puste aus“, sagt Hans-Ulrich Fitz, Sprecher der Creditreform Berlin, Morgenpost Online. „Für viele Firmen war es im vergangenen Jahr schon kritisch, als es zu drastischen Gewinneinbrüchen kam.“

Unternehmen mit geringer Eigenkapitalquote können mehrere Verlustjahre in Folge nur schwer überstehen – trotz positiver konjunktureller Tendenzen. Besonders betroffen sind in der Stadt der Creditreform-Prognose zufolge das verarbeitende Gewerbe und der mittelständische Zuliefererbereich, auf den der Abschwung bereits 2009 am stärksten durchschlug. Steigende Insolvenzen seien auch im Einzelhandel, im Kfz-Handel sowie im Transport- und Logistikgewerbe zu erwarten, sagte Fitz.

Das wird spürbare Folgen für Berlin haben: Creditreform schätzt, dass im laufenden Jahr rund 15.000 Arbeitnehmer von einer Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen sein werden. „Damit steigt zwangsläufig auch die Zahl der Privatinsolvenzen“, sagt Fitz. Schließlich haben vor allem Arbeitnehmer der unteren Mittelschicht meist nur geringe Rücklagen.

Doch es gibt auch Lichtblicke: Stabiler ist die Situation Creditreform zufolge im Ausbauhandwerk und bei den unternehmensnahen Dienstleistungen. Die Hauptstadt kommt insgesamt weit besser durch die Krise als stärker industrialisierte Regionen Deutschlands, die durch ihre „Global Player“ ungleich stärker vom Export abhängig sind. „Man kann es auf die Formel bringen: Wo wenig ist, kann auch nicht viel kaputtgehen“, sagt Fitz mit einem Augenzwinkern. Positiv gesprochen bedeutet das: Berlin ist als mittelständisch geprägte Dienstleistungsmetropole durch Einbrüche der internationalen Nachfrage weniger leicht zu erschüttern als etwa Bayern oder Baden-Württemberg.

Dass 2010 in Berlin das Jahr mit den meisten Unternehmensinsolvenzen seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise ist, hat nicht nur mit zurückgegangener Nachfrage zu tun. „Alle Banken, auch die Sparkassen, prüfen sehr vorsichtig, wem sie jetzt Geld leihen“, sagt Fitz. „Wären die Geldinstitute in ihrer Kreditvergabe freigiebiger und würden sie den Unternehmen nicht so viele Barrieren in den Weg legen, dann würden es auch mehr Firmen durch die Krise schaffen. Wenn jetzt nichts passiert, werden viele Firmen untergehen.“

Dennoch sieht Fitz bereits in einigen Branchen eine Erholung: „Wir können optimistisch in die Zukunft schauen. Denn viele Berliner Unternehmen sind gut aufgestellt und investieren entsprechend.“ Dass er recht haben könnte, zeigt der Geschäftsklima-Indikator der Industrie- und Handelskammer (IHK), der die Berliner Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs sieht. Der Indikator stieg im Vergleich zur Vorjahresumfrage um zwölf auf nun 117 Punkte. Das ist der vierte Anstieg in Folge und das dritte Mal, dass der Indikator wieder im positiven Bereich von mehr als 100 Punkten liegt. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, sagte der Morgenpost: „Angesichts der deutlichen Verbesserungen der Geschäftserwartungen erhoffen wir, dass sich auch die Geschäftslage der Unternehmen weiter verbessern wird.“ Insgesamt hätten sich sowohl die Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen der Unternehmen weiter aufgehellt.

Nachdem noch vor einem Jahr lediglich 23 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut eingeschätzt hatten, bezeichnet aktuell beinahe wieder jedes dritte Unternehmen (32 Prozent) diese als gut. Von einer befriedigenden Geschäftslage sprechen 55 Prozent der Unternehmen. Der Anteil derer, die ihre Situation als schlecht einstufen, ging hingegen von 23 Prozent zur Jahresmitte 2009 auf nun nur noch 13 Prozent zurück. Eine Entwicklung, die für viele akut von der Pleite bedrohte Unternehmen freilich zu spät kommt.