Das eher schlichte Warenhaus Karstadt zieht auf seltsame Weise Milliardäre an. Nicolas Berggruen, der am Dienstag den Kaufvertrag unterschrieben hat, ist bereits der dritte Superreiche, der sich an der Sanierung der Kette versucht. Seine Vorgänger sind beim selben Unterfangen übel gescheitert: Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz verlor mit KarstadtQuelle/Arcandor fast ihr gesamtes Vermögen, auf jeden Fall mehr als drei Milliarden Euro. Und als die Milliardärsbank Sal. Oppenheim im Herbst 2008, als Schickedanz wirtschaftlich längst aus dem Spiel war, die Rettung des Unternehmens ankündigte, war genau das der Anfang vom Ende der größten Privatbank Europas. Heute gehört Sal. Oppenheim zur Deutschen Bank. Die ehemaligen Privatbanker sind Privatiers mit Geldsorgen.
Intern heißt es schon, Karstadt, das Warenhaus für die Durchschnittsverdiener mit seinen 25.000 Mitarbeitern, sei das reine Milliardärsgrab. Tatsächlich hat bisher noch jeder Investor – und Vorstandschef – die Probleme der Kette unterschätzt. Warum Berggruen glaubt, dass bei ihm alles anders und vor allem alles besser laufen wird, blieb bisher unklar – zumal zahlreiche Fragen nicht geklärt sind. In erster Linie jene elementare über die Höhe der Mieten.
"Offenkundig keine Einigung“
Dennoch triumphierte der 48-jährige Berggruen nach der achtstündigen Gläubigerversammlung: „Wir präsentierten das beste Geschäftskonzept, die am stärksten unternehmerisch ausgerichtete Strategie und wir bieten die höchsten Chancen für nachhaltigen Erfolg.“ Dabei sind die Voraussetzungen für diesen „nachhaltigen Erfolg“ noch gar nicht geschaffen.
Zwischen den Mietvorstellungen von Berggruen für die 120 Warenhäuser und den Forderungen der Vermieter klafft weiterhin eine Millionen-Lücke. Sie muss dringend geschlossen werden, wenn der Kaufvertrag wirksam werden soll, was laut Insolvenzverwalter „im Spätsommer“ der Fall sein könne. Andere sind sich da offensichtlich nicht so sicher: „Wir sind über die vermeintlich klaren Aussagen von gestern verwundert, da es in Kernfragen offenkundig keine Einigung gibt“, sagte ein Highstreet-Sprecher.
Der Fonds – einer von drei Bietern – war in der Sitzung am Montag als erster aus dem Rennen. Daraufhin bot Highstreet den beiden übrig gebliebenen Interessenten Berggruen und den Finanzinvestor Triton am Nachmittag jene Mietbedingungen an, die auch im eigenen Angebot enthalten waren: 230 Millionen Mietabschlag über fünf Jahre sowie Verzicht auf 160 Millionen Euro Mieterhöhung. Nach Informationen der Morgenpost soll Karstadt danach in diesem Jahr 210 Millionen Euro Miete für die Warenhäuser zahlen. 2015 sind es 235 Millionen, 2018 schließlich 250 Millionen Euro. 2009 waren es noch 280 Millionen Euro.
Diese Forderungen sind Berggruen, der sein Geld unter anderem mit Immobilien verdient, noch zu üppig. „In den kommenden Verhandlungen erwarten wir, dass alle Beteiligten aktiv auf den Abschluss der weiteren Vereinbarungen hinarbeiten und setzen auf die Kooperation aller Parteien, damit wir bald mit der richtigen Arbeit beginnen können, nämlich Karstadt wieder auf Kurs zu bringen“, sagt Berggruen. „Da wird einer nachgeben müssen, sonst kracht es noch“, meint ein Beobachter. Dann drohe sogar doch noch eine Liquidation.
Muskelspiele der Vermieter
Highstreet weiß das – und hält sich andere Optionen offen: Der Fonds sehe sich „verpflichtet, Gespräche mit Dritten, also auch seinen Gläubigern zu führen.“ Konkret könnte das bedeuten, dass der Fonds, hinter dem die US-Großbank Goldman Sachs steht, weiterhin den Kontakt zum Metro-Konzern hält, der an rund der Hälfte der Karstadt-Filialen und an den Sporthäusern interessiert ist, um eine Deutsche Warenhaus AG zu formen. Diese Idee wäre wohl auf Jahre tot, wenn Berggruen tatsächlich der neue Mr. Karstadt wird. Der Investor hat offenbar wenig Interesse an solch einem Geschäft.
Beobachter meinen allerdings, dass Highstreet nur noch ein wenig mit den Muskeln spielt, aber die Karstadt-Rettung durch Berggruen letztlich nicht gefährden wird. Goldman Sachs könne es sich nach den Skandalen der vergangenen Wochen nicht leisten, auch noch als Karstadt-Killer in die Schlagzeilen zu kommen. Nur muss die Bank den Zeichnern ihrer Karstadt-Immobilienfonds erklären, dass sie auf noch mehr Geld verzichten müssen.
Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mahnte: „Alle Gläubigergruppen müssen sich ihrer sozialen und wirtschaftlichen Verantwortung für 25000 Mitarbeiter bei Karstadt und weiterer rund 30000 Arbeitsplätze bei deutschen Lieferanten bewusst sein.“ Die Gewerkschaft Ver.di ist von einer Einigung überzeugt. „Ich bin sehr optimistisch, dass auch die letzten Hürden aus dem Weg geräumt werden können“, sagte die stellvertretende Bundesvorsitzende Margret Mönig-Raane.
Kenner des Unternehmens sind gespannt, wie Berggruen den Nichtangriffspakt mit Ver.di und die notwendigen, schmerzhaften Reformen in den Warenhäusern unter einen Hut bekommen will. Berggruen setzte sich unter anderem auch deswegen als Karstadt-Käufer durch, weil er den Mitarbeitern keine weiteren Zugeständnisse abverlangt.
Nach Ansicht von Warenhauskenner hat Karstadt trotz zuletzt 13 Schließungen noch immer zu viele Häuser. Ganze Abteilungen wie die Unterhaltungselektronik, die Lampen oder die Spielwaren sind Problembereiche, die seit Jahren allen Sanierungsversuchen widerstanden haben. Sie könne man nur schließen oder an Dritte abgeben, sagen Handelsexperten. Doch dabei droht Widerstand von Ver.di. Auch Forderungen wie flexiblere Arbeitszeiten oder ein stärker leistungsbezogenes Bezahlungssystem scheiterte bisher an den Mitarbeitervertretern.
Beobachter haben zudem Zweifel, ob Berggruen ausreichend Wissen für den Betrieb eines deutschen Warenhauses einkaufen kann. Bisher hat er nur den kalifornischen Modedesigner und – Händler Max Azria aufgeboten, der nur sehr begrenzte Deutschland-Erfahrung hat. Das allerdings passt irgendwie zur Selbstbeschreibung des Unternehmens: „Berggruen Holdings …basiert auf einem langfristigen, wertorientierten Gedankengut und nimmt häufig Positionen ein, die im Gegensatz zur vorherrschenden Marktmeinung stehen.“
Für den Kauf Karstadts sind sofort 70 Millionen Euro fällig,. Fünf Millionen Euro für die Gläubiger und 65 Millionen Euro, um den Betrieb der Karstadt-Filialen aufrechtzuerhalten, wie David Jehan vom Berggruen-Partner BCBG Max Azria sagte. Für die Modernisierung der Verkaufsflächen sind demnach in den kommenden drei Jahren Investitionen von jährlich 60 Millionen Euro geplant.




