Wer bekommt Karstadt? Diese Frage vor Beginn der entscheidenden Gläubigerversammlung (Montag) zu beantworten ist noch viel schwieriger, als den nächsten Fußball-Weltmeister vorher zu sagen. Noch am Wochenende tagten zahlreiche Gremien von Karstadt-Interessierten im Umfeld der drei bis vier Bieter, um ihre Chancen auf den Zuschlag zu steigern.

Experten rechnen damit, dass einige der Konsortien in letzter Sekunde ihre Angebote noch nachbessern werden. Zuletzt hatte sich Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mit keiner der vorliegenden Offerten zufrieden gezeigt. Er hatte Druck gemacht, sogar erstmals mit Vertretern des Karstadt-Konkurrenten Kaufhof gesprochen und gewarnt: Wenn am Montag kein Angebot vorliegt, dessen Konzept die Fortführung von Karstadt zumindest sehr wahrscheinlich erscheinen lässt, „dann war's das eben“.

Dann wird die Traditionskette zerlegt, in Einzelteilen verscherbelt und was keinen Käufer findet, wird geschlossen. Eine weitere Verschiebung darf es nach Patzelts Ansicht jedenfalls nicht geben: „Wir brauchen jetzt eine Entscheidung. Zwölf Monate Unsicherheit für die Mitarbeiter in der Insolvenz sind schon grenzwertig“.

Bei der Sitzung in der Essener Konzernzentrale, die bis in den späten Abend dauern dürfte, geht es fast genau ein Jahr nach dem Insolvenzantrag um die Existenz von 120 Warenhäusern und um 25000 Arbeitsplätze. Vertreter der möglichen Investoren sind nicht dabei.

Schaut man sich das Wochenendprogramm der Arbeitnehmervertreter an, sind der Bieter Triton und der russische Interessent Artur Pachomow schon aus dem Rennen: Denn die Betriebsräte ließen sich auf der Zielgeraden lediglich die Konzepte von Nicolas Berggruen und des Vermieterkonsortiums Highstreet vortragen, dem zuletzt die besten Chancen zugeschrieben wurden.

Wer Karstadt haben will, muss die Betriebsräte und Ver.di auf seine Seite bekommen, denn gegen sie wird es im Gläubigerausschuss keinen Zuschlag geben. Noch haben die Arbeitnehmervertreter allerdings keinen Favoriten, sagt Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt Morgenpost Online: „Die Sache ist nicht entschieden.

Der Montag wird mehr als spannend.“ Er habe wie jedes andere Mitglied im elfköpfigen Gläubigerausschuss nur eine Stimme. „Und diese Stimme werde ich dem Bieter geben, der das beste mittel- bis langfristige strategische Konzept auf den Tisch legt“, sagte Patzelt. Kritiker dagegen meinen, er habe sich längst für Highstreet entschieden, weil er mit dem Vermieterkonsortium bereits Vorgespräche geführt hatte: Patzelt wollte, dass unter einem Mehrheitseigentümer Highstreet auch die Mitarbeiter an der Kette beteiligt werden – im Gegenzug für zwei Stunden unbezahlte Mehrarbeit.

Der Vorstoß sorgte für Verärgerung bei Ver.di, weil er nicht recht abgesprochen war. „Die Darstellung, nach der ich Geheimverhandlungen geführt hätte und nur Highstreet will, ist völlig falsch. Ich bin auf Highstreet zugegangen, als es für Karstadt weit und breit noch keinen Bieter gab. Das schien mir meine Pflicht zu sein. Sollte ich mich stattdessen hinlegen und abwarten, was passiert oder eben nicht passiert?“, rechtfertigt sich Patzelt gegenüber der Morgenpost Online.

Einig jedoch waren sich die Mitarbeitervertreter und Ver.di am Sonntagnachmittag noch nicht. Denn Vermieter Highstreet fordert Opfer von der Belegschaft, wenn sich das Konsortium bereit erklären soll, innerhalb der nächste fünf Jahre auf rund 230 Mio. Euro Miete zu verzichten.

Konkurrenzbieter Nicolas Berggruen will von Highstreet ebenfalls massive Mietsenkungen einschließlich eines Renovierungsetats abringen. Die Mitarbeiter sollen bei Berggruen keine weiteren Zugeständnisse machen. Die Investitionsgesellschaft Triton hingegen fordert gleichermaßen Verzicht von Beschäftigten wie von Vermietern – was das deutsch-schwedisch-amerikanische Unternehmen zum Außenseiter machen dürfte.

Ob der Retter aus dem Osten kommt? Bis zum Sonntag war unklar, ob der russische Interessent Pachomow noch als vierter Bieter anerkannt wird. Zuletzt fehlten dem Insolvenzverwalter noch wesentliche Unterlagen. Zudem blieb das Konzept bisher schwammig. Pachomow will – mit dem früheren Karstadt-Chef Helmut Merkel an seiner Seite – die Warenhauskette auch in Russland und möglicherweise seinen Nachbarstaaten etablieren. Zuletzt hatte sich sogar SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier beim Insolvenzverwalter für die Offerte aus St.Petersburg eingesetzt.

Pachomow will nach Informationen von Morgenpost Online am Montag nach Deutschland reisen. Er sagte Morgenpost Online, es seien weitere Unterstützer seines Projektes in Deutschland aufgetaucht. Details nannte er nicht. „Ich habe das Gefühl, dass wir aufgrund der Resultate der Verhandlungen vom Wochenende voran kommen können. Unsere Investoren sind daran interessiert, das Projekt ernsthaft weiterzuverfolgen und sich mit der deutschen Seite zu einigen“, sagte Pachomow.

Trotz so großen Interesses könnte es passieren, dass keiner der Bieter den Zuschlag bekommt. Denn alle drei notariell bestätigten Gebote sehen vor, dass die Bieter vom Kaufvertrag zurücktreten kann, wenn bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt werden; etwa für den Fall, dass ein Teil der Gläubiger nicht auf Geld verzichten will. Dann stünde Karstadt trotz der für Mittwoch geplanten Vertragsunterzeichnung möglicherweise Ende Juni oder Mitte Juli doch wieder ohne neuen Eigentümer da.

In diesem Fall stünde Eckhard Cordes bereit. Der Chef des Handelskonzerns Metro würde dann gern, wie aus konzernnahen Kreisen verlautete, 45 „plus x“ Warenhäuser und die 29 Sporthäuser übernehmen. Damit könnten bis zu 18.000 der 25.000 Karstadt-Mitarbeiter an den Metro-Konzern übergehen. Gespräche mit der Insolvenzverwaltung gab es bereits.