Sieben Seiten mit knapp 50 Punkten sind es, die die Welt vor künftigen Finanzkrisen schützen sollen. Auf diesen ungewöhnlich umfassenden Aktionsplan haben sich die Staatschefs und Finanzminister der 20 größten Wirtschaftsnationen auf ihrem Treffen in Washington verständigt. „Wir müssen das Fundament für Reformen legen, um sicherzustellen, dass sich eine weltweite Krise wie diese nicht wiederholt“, heißt es in der gemeinsamen Abschlusserklärung der mächtigsten Herrscher der Welt. Alle stimmten „energischen Anstrengungen zur Stabilisierung des Systems zu. Schon bis Ende März sollen die ersten Maßnahmen umgesetzt werden.

In Deutschland zeigte man sich mit dem Ergebnis zufrieden. Es mache ihm Hoffnung, dass sich 20 Länder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand und verschiedenen Interessen auf gemeinsame Prinzipien und einen Aktionsplan verständigt hätten, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Die G20 seien sich der Wucht der Krise bewusst. Auch im Umfeld von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte man sich positiv zu den Ergebnissen des Washingtoner Gipfels.

Überraschend kommt so viel Optimismus allerdings auch nicht. Der Gipfel war vor allem als Signal an Unternehmen, Finanzmärkte und Bürger gedacht. Er sollte zeigen, die Staatschefs haben den Ernst der Lage begriffen und handeln. Die Menschen überall auf der Welt brauchen aufmunternde Signale, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Erfolge sind also nötig.

Konkrete Ergebnisse hatte von diesem Treffen kaum jemand erwartet, der sich mit dem Ablauf internationaler Verhandlungen auskennt. Dass in den vergangenen Wochen so oft beschworene Treffen vom 22. Juli 1944 in Bretton Woods, bei dem ein neues Weltwährungssystems geschaffen wurde, brauchte zwei Jahre an Vorbereitung. „Wir haben so viel geschafft, wie man bei einem solchen ersten Treffen schaffen kann“, hieß es in deutschen Regierungskreisen.

Das Abschlusskommuniqué der Veranstaltung war schon am Freitag, vor Ende der Gespräche, geschrieben. Viel wichtiger als dieses erste, als Symbol gesetzte Treffen sei jetzt, wie die Arbeitsaufträge, die in Washington erteilt wurden, umgesetzt würden. Weitreichende Einigungen erwartet man erst in einem Jahr. Dann ist auch die neue US-Regierung von Barack Obama lange genug im Amt, um Entscheidungen treffen zu können. Und erst dann weiß man, ob alle 20 Staaten Willens sind, ihre nationalen Egoismen zu überwinden und den Aktionsplan zu internationalen Vereinbarungen auszubauen:

Die Idee dahinter

Vor allem die Europäer treibt nach den Erfahrungen mit der jetzigen Krise der Wunsch nach mehr Aufsicht um: Keine Region, keine Bank, kein Hedgefonds, kein Finanzinvestor und kein Produkt sollen unreguliert bleiben. Doch so populär diese Forderung auch sein mag – in der Realität dürfte sie an Grenzen stoßen. Allein schon deshalb, weil etwa in Deutschland der Bundesbank und dem BaFin die Fachleute für so viel Aufsicht fehlen.

Reform des Finanzsystems

Ohnehin herrscht beim Thema Regulierung noch große Uneinigkeit. Die meisten der Gipfelteilnehmer lehnen die Regulierung ihrer Banken und Finanzbranche durch eine einzige Institution, etwa den Internationalen Währungsfonds (IWF), ab. Deshalb soll die Aufsicht auch künftig nationale Sache bleiben. Anders als bisher aber sollen die nationalen Behörden dabei enger mit Partnern in anderen Staaten kooperieren. Außerdem sollen weltweit gleiche Standards für die Aufseher gelten. Damit soll verhindert werden, dass Banken mit ihrem Geschäft in jene Länder ausweichen, in denen die Vorschriften möglicherweise besonders lax ausgelegt werden. Den Deutschen war gerade dieser Punkt wichtig. Denn für die Probleme der Hypo Real Estate machen sie nicht zuletzt die Finanzaufsicht in Irland verantwortlich. Die hatte wohl nicht bemerkt, dass die irische Tochter der HRE unter einem Liquiditätsproblem litt.

Den Managern ans Geld

Schon auf dem letzten Treffen der Finanzminister war die Vergütungen von Bankmanagern ein besonders heftig diskutiertes Problem. Mittlerweile ist man selbst in der Finanzbranche selbst überzeugt, dass die Kurzfristigkeit der Bonussysteme falsche Anreize gesetzt hat. Nach dem Aktionsplan der G20 sollen künftig neue Belohnungssysteme dafür sorgen, dass von den Konzernlenkern mehr auf die Stabilität der Häuser geachtet wird – notfalls unter Zwang.

Ende der Freiheit

Auch die Ratingagenturen sollen an eine kürzere Leine genommen werden. Sie benoten die Solidität von Unternehmen und Finanzprodukten meist im Auftrag der Bewerteten selbst. Zweimal ging das gründlich schief. Schon beim Platzen der New-Economy-Blase hatten sich die Rater gründlich verschätzt.

Und im Immobilienboom haben sie auch riskanten Finanzprodukten Spitzennoten gegeben. Viele Banken kauften sie, weil sie diese Produkte für sicher hielten. Heute weiß man, dass das ein Irrtum war. Künftig sollen daher staatliche Institutionen den Bonitätsprüfern auf die Finger schauen. Ihre Ratingmodelle sollen transparenter werden.

Kapital für Krise vorhalten

Finanzinstitute sollen zudem ihre Eigenkapitalbasis verbessern. Vor allem risikobehaftete Finanzprodukte sollen in Zulunft mit mehr Eigenkapital als heute unterlegt werden müssen. Die Folgen wären weitreichend. Zwar könnten Banken Krisenfälle mit einem größeren Kapitalpuffer besser verkraften. Andererseits verlöre das Geschäft mit solchen Produkten an Attraktivität, weil ein erhöhter Einsatz an Eigenkapital die Rendite verringert.

Reform der Institutionen

Und auch internationale Finanzinstitutionen, etwa der IWF, sollen einer grundlegenden Reform unterzogen werden. Nur so kann der IWF künftig eine Frühwarnrolle bei Krisen übernehmen. Bei aller prinzipiellen Einigkeit in dieser Frage, dürfte aber über die künftige Struktur des IWF und die Machtverteilung in seinen Gremien noch heftig diskutiert werden.