Nicolas Berggruen übernimmt Karstadt. Warum kauft ein steinreicher 48-jähriger Junggeselle, der keine Erfahrung mit Kaufhäusern hat, eine insolvente Kette mit 25.000 Mitarbeitern? Warum investiert jemand einen dreistelligen Millionenbetrag in ein Geschäft, von dem viele sagen, es habe keine Zukunft? Was glaubt Nicolas Berggruen zu sehen, das andere nicht sehen?

Nachdem er am Dienstag den Kaufvertrag unterschrieben hatte, begründete Berggruen den Karstadt-Kauf auch mit persönlichen Motiven. Das Geschäft sei für ihn „eine sehr persönliche Sache“, sagte er dem Sender RBB. Seine Eltern stammten beide aus Berlin. Dessen weltberühmtes Luxuskaufhaus KadeWe habe er früh gekannt. Dem „Handelsblatt“ sagte er kürzlich, Karstadt sei „ein Teil der deutschen Kultur“. 2008 war er noch grundsätzlicher: „Jeder verlässt irgendwann die Welt, aber nicht, was wir erbaut, gemalt, geschrieben haben.“

Berggruen ist ein Bewahrer. Seine Großeltern, assimilierte Juden, besaßen einen Schreibwaren-Laden an der Konstanzer Straße. Sein Vater, der Kunstmäzen Heinz Berggruen, der Berlin seine bedeutende Sammlung vermachte, ging noch hier zur Schule, bevor er Deutschland 1936 verließ. Nicolas Berggruen, geboren 1961 in Paris, kommt 2005, er eröffnet an der Wilhelmstraße ein Büro. Seither hat er das Café Moskau an der Karl-Marx-Allee erworben, die Sarotti-Höfe in Kreuzberg, die Schuckert-Werke in Treptow sowie die Hauptpost in Potsdam, dazu Häuser im Wert von 140 Millionen Euro. Er saniert sie denkmalgerecht.

Das Berliner Büro ist eine von sechs Zweigstellen, die seine Holding mit Sitz in New York hat. Berggruen selbst hat kein Zuhause. „Das Gefühl Heimat ist mir fremd. Ich lebe überall“, sagt er, der auch Kunstsammler ist. Vor zehn Jahren hat er Villen und Wohnungen verkauft, wohnt nun in Hotels. In den USA gilt er daher als obdachlos. „Das kann man machen, wenn man noch keine Familie hat“, sagt er.

Wenn etwas von Anfang an zu seinem Leben gehört, dann Unstetigkeit. Zur Schule geht er erst in der Normandie, dann auf ein Internat in die Schweiz. Er liest Marx, Lenin und die französischen Existenzialisten. Aus dem Internat fliegt er, weil er rebelliert und sich weigert Englisch, „die Sprache des Imperialismus“ zu lernen. Sein Abitur legt er in Paris ab, um danach ausgerechnet nach New York zu gehen. Die antikapitalistische Phase hat er da hinter sich. Er studiert „International Business“, ist Trainee und beginnt zu investieren. Mit geliehenem Geld. Zwei Dinge fürs Leben habe ihm sein Vater vermittelt, sagt er einmal: „Wenn Du etwas kaufst, achte auf Qualität. Und: Lerne, Dich zu konzentrieren.“ Auch Heinz Berggruen, habe nicht alle Künstler gesammelt, sondern sich auf fünf beschränkt.

Reich wird Nicolas Berggruen durch die eigenen Geschäfte. Der Börsenboom der 80er-Jahre verhilft ihm zu Geld, dass er in Firmen investiert. Er wird vom Händler zum Sanierer, verkauft für ein Vielfaches des eingesetzten Kapitals. Er ist Milliardär. Dem Rat mit der Konzentration folgt Berggruen nicht mehr. Dafür hat er sich von seinem Vater etwas anderes abgeschaut. Er arbeitet nur mit dem eigenen Geld, nicht dem von Anlegern.

Zu den Firmen die er in den vergangenen Jahren übernommen hat, gehören so verschiedene Dinge wie Teile des insolventen deutschen Möbelherstellers Schieder oder das spanische Medienhaus Prisa, das die Tageszeitung „El Pais“ herausgibt. Nach dem Tod seines Vaters investiert er nach sozialen und Umweltgesichtspunkten: In eine Reisfarm in Kambodscha etwa oder eine Ethanolfabrik. Jetzt will er Karstadt retten. Es sei eine Herausforderung. Vielleicht schafft er ja da ein Werk, das ihn überlebt. Wobei für die Karstadt-Beschäftigten jedes Jahr mehr ein Gewinn ist.