eRockit

Berliner Tüftler erstaunt gestandene Autobauer

McKinsey empfiehlt Berlin bei der Elektromobilität vorzupreschen. In dieser Trendbranche könnten zehntausende neue Jobs entstehen. Die Köpfe dafür scheint Berlin längst zu haben - wie Stefan Gulas. Der Tüftler hat das eRockit erfunden - eine autobahntaugliche Kreuzung aus Fahrrad und Moped.

Foto: Sven Lambert

Eine Sache, die ist Stefan Gulas ziemlich wichtig. Es geht ihm nicht darum, das Klima zu schützen. Oder als grüner Unternehmer daherzukommen. Was Stefan Gulas wirklich wichtig ist, das hat er als Video auf seinem Rechner gespeichert und wenn er es vorführt, dann sprudelt es aus ihm heraus, dann überschlägt sich seine Stimme vor Begeisterung. Sein sehr langes und sehr schmales Gesicht ist dann ein einziges bubenhaftes Dauergrinsen. „Ja hey, sieh' Dir das an. Das war mein Anspruch. Jedes Fahrzeug abhängen.“

Ja, hey, in der Tat. Da fährt ein Typ mit Motorradhelm zur Rushhour an der Autobahnzufahrt Innsbrucker Platz auf die A100. Der Typ überholt auf der Zufahrt alle Autos, rauscht mit mehr als 80 Stundenkilometer auf die dreispurige Piste, lässt Autos stehen und fährt die nächste Abfahrt runter. Der Typ sitzt dabei auf einem Zweirad. Er tritt in die Pedale.

„Das war mein Traum, einmal auf die Autobahn“. Den Traum hat Stefan Gulas sich erfüllt. Er hat sich dafür ein eigenes Fahrzeug bauen lassen. Er nennt es eRockit. Das eRockit ist kein Fahrrad mit Elektromotor, mit dem immer mehr Best-Ager anstrengungsfrei durch die Landschaft fahren. Gulas, ein 38-Jähriger aus Österreich, nennt seine Schöpfung Humanhybrid. Wer damit fährt, tritt in einen Generator hinein. Die eigene Trittleistung wird um ein vielfaches elektrisch verstärkt. Mit zwei, drei kräftigen Tritten in die Pedale beschleunigt das eRockit auf 50 Stundenkilometer. Der Effekt ist vergleichbar mit Rennen auf einer Rolltreppe.

Gulas ist der Prototyp des leicht versponnenen Freaks, der aus einer wilden Idee ein Geschäft machen will. In diesem Jahr soll sich entscheiden, ob aus seiner Idee ein Serienfahrzeug wird. „Wir bekommen Zustimmung, ja Begeisterung von allen Seiten“, sagt Gulas. Doch die weitere Finanzierung ist noch offen. Zwei Millionen Euro braucht er wohl, um eine richtige Serienfertigung aufzuziehen.

Derzeit hat die eRockit GmbH ihre Unternehmenszentrale auf einem Gewerbezentrum in Marzahn. Doch was heißt schon Unternehmenszentrale? Gulas und seine zwölf Mitstreiter haben einen Raum mit zerschlissenem Betonfußboden im toten Winkel einer alten DDR-Produktionshalle. Es gibt kein Firmenschild, das den Weg weist, keinen Empfangstresen. Es ist nicht mehr als eine Schrauberwerkstatt, die allerdings Bestellungen aus aller Welt per E-Mail oder Telefon empfängt. Denn über Gulas und sein elektrisches Raserbike haben Fernsehsender in aller Welt berichtet. Der Bürgermeister von Los Angeles ist damit Probe gefahren. Der Preis von rund 12500 Euro schrecke die Leute nicht, sagt Gulas. „Das ist zuerst einmal ein Spaßmobil.“ Aber man könne was draus machen.

An Gulas' Firma zeigt sich im Kleinen, was für einschneidende Veränderungen die Elektromobilität bedeuten kann. Verbrennungsmotoren sind technisch ausgereizt. Dieses Geschäft beherrschen Konzerne mit Milliardenumsatz und Hunderttausenden Mitarbeitern. Doch beim Elektroantrieb haben kleine Unternehmer eine Chance, einfach indem sie eine ziemlich abwegig klingende Idee verfolgen. Gulas hat sein Unternehmen nicht strategisch geplant, sondern für seine fixe Idee vom rasenden Elektrozweirad Mitstreiter in Fahrradläden rekrutiert: Bastelfreaks und Computerfrickler. Sie haben in nur zwei Jahren ein Produkt entwickelt, das vom TÜV abgenommen wurde und jetzt auf den Straßen rollen darf, mit den erforderlichen Genehmigungen aller Ämter.

„Eigentlich“, sagt Gulas, „braucht keiner so ein eRockit.“ An den Erfolg glaubt er natürlich trotzdem. Die Serienproduktion will er noch dieses Jahr unbedingt starten.