Berlin-Tourismus

Zahl der Gäste aus dem Osten steigt

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Bis 2010 könnten in Berlin 500.000 neue Jobs entstehen. Davon geht die Unternehmensberatung McKinsey in einer neuen Studie aus. Eine der Wachstumsbranchen in der Hauptstadt ist der Tourismus. Hier ist das Potenzial hervorragend.

Im Mai kommen die ersten. Junge Russen, die eine organisierte Berlin-Reise ins Nachtleben gebucht haben. Sechs Nächte lang werden sie Berlins Clubs erkunden. „Ich hätte mich nie getraut, so ein Produkt auf den Markt zu werfen“, sagt Sebastian Worel. Aber der Chef von Alpha Travel Consultants aus Berlin kooperiert mit einer jungen russischen Firma. Und die meinten, Berlin sei auch beim russischen Club-Publikum so begehrt, dass auch sechs Tage laufen.

Worel arbeitet mit seiner 48 Mitarbeiter starken Agentur aus Neukölln an der Zukunft des Berlin-Tourismus. Denn die liegt im Osten. In Russland, Indien und China müsste die deutsche Hauptstadt aufstrebende Mittelschicht-Menschen begeistern und zu einem Besuch animieren.

Das ist eine Strategie der Berlin Tourismus Marketing GmbH und gleichzeitig eine Empfehlung der Unternehmensberater von McKinsey, um den wichtigsten Jobmotor der Stadt weiterhin wie in den vergangenen Jahren auf vollen Touren am Laufen zu halten. Ohne einen wachsenden Zustrom von Gästen vor allem aus dem Ausland ist das ambitionierte Ziel, binnen zehn Jahren 500.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, nicht erreichbar. Ein Fünftel davon könnte direkt im Tourismus entstehen.

Großes Interesse in Russland

Deshalb muss die Stadt neue Märkte erschließen. Wo die liegen, ist offensichtlich: Aus ganz Osteuropa, Brasilien, China und Indien zusammen kommen nur so viele Gäste wie aus den Niederlanden, 630.000 Personen. Da steckt Potenzial drin, wissen die Tourismuswerber. Aber leicht ist das nicht, wie Sebastian Worel berichtet. In Russland lief der Einstieg seit 1995 gut, seine Leute und ihre russischen Partner wissen inzwischen, was die Russen wollen. So bietet er zum 8. Mai Veteranen und ihren Enkeln Gruppenreisen zu den Stätten des Sieges von 1945 an. Und er offeriert Russen die Möglichkeit, die Annehmlichkeiten einer Gruppenreise mit den Freiheiten eines individuellen Aufenthalts zu verbinden.

In Indien haben Deutschland und Berlin gerade erst mit organisierter Touristenwerbung begonnen. Nur 20.000 Inder, meist Geschäftsleute und Messe-Besucher, schliefen 2009 in der Stadt. Die Szene setzt auf Bollywood. Das indische Kino plant für die indische James-Bond-Version namens Don einen zweiten Teil. Spielort könnte Berlin sein. „Das würde uns enorm helfen“; sagt Worel.

Mit den Chinesen sei das Geschäft überaus schwierig, sagt der Unternehmer, der sich 2002 nach vier Jahren aus dem chinesischen Markt zurückgezogen hat. Auslandschinesen dominierten inzwischen das Geschäft mit den Besuchern aus dem Reich der Mitte. Die Gruppen seien meist überaus billig unterwegs und drückten die Hotel-Preise. Für die Übernachtungsstatistik sei das gut, sagt Worel, aber wirtschaftlich seien diese Besucher kaum attraktiv.

Auch in Deutschland sehen die McKinsey-Leute noch unerschlossene Potenziale. Neben meist jungen Singles und Gruppen finden sich unter den Berlin-Besuchern zu wenige Menschen über 60, kaufkräftige Best-Ager, und Familien mit Kindern. „Für die sind wir dabei, in Kooperation mit Brandenburg spezielle Angebote zu schneiden“, sagt Burkhard Kieker, Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH, Berlins halbstaatlicher Fremdenverkehrswerbung, an der neben dem Senat auch 350 Hotels beteiligt sind. „Das Kind wird im Legoland betreut, die Eltern gehen in die Nationalgalerie, und nachmittags fahren alle raus zum Baden an den Scharmützelsee“, beschreibt der gelernte Journalist ein typisches Paket, das die Familienlücke schließen soll. Ein Testmarkt für Kombinationen „Museumsinsel-Seenplatte“ sei Israel. „Da sitzen viele junge Familien in der Wüste, die sehnen sich nach grün“, weiß Kieker.

Alles mit ein paar Mausklicks eingesammelt und bezahlt

In Zukunft müsse es einfacher werden, sein persönliches Berlin-Paket über die Internet-Seiten der BTM zusammenzustellen: Hotelzimmer, ein Ticket für die Blue-Man-Group und den Galerienrundgang – alles mit ein paar Mausklicks eingesammelt und bezahlt.

Überhaupt, das Internet: Das moderne Kommunikationsmittel soll helfen, damit sich Gäste in Berlin besser zurechtfinden. Zum Beispiel die vielen, die wegen der Historie des 20. Jahrhunderts kommen und dann zwischen Topografie des Terrors und Mauer-Gedenkstätte die Orientierung verlieren. Die BTM arbeitet an einer virtuellen Geschichtsmeile: die zwei, drei oder mehr wichtigsten Orte für Leute, die die Atmosphäre des Kalten Krieges nachfühlen möchten, als Extra-Tipps und dann alle Infos direkt auf das Smartphone. Solche neuen Ideen seien gefragt.

„Wir müssen angesichts der jüngsten Erfolge aufpassen, dass wir nicht in Pariser Bräsigkeit verfallen“, mahnt Kieker. Ansonsten sei die Perspektive für den Berlin-Tourismus sehr positiv. Die Leute auf der ganzen Welt seien einfach interessiert zu sehen, wie sich die Stadt nach dem Ende der Nachkriegszeit selbst neu erfunden habe. Zumal die Stadt vergleichsweise bezahlbar ist und auch deswegen mitten in der Weltwirtschaftskrise weiter wachse. Im Februar, dem schlechtesten Reisemonat überhaupt, lag die Zahl der Übernachtungen wieder zwölf Prozent über dem Vorjahresniveau. Selbst Opernkarten könnten sich Normalverdiener leisten. Ein Hotelzimmer kostet im Durchschnitt 76 Euro. Und weil weiterhin neue Hotels entstehen, dürften die Preise zunächst nicht steigen. 722 Beherbergungsbetriebe zählt die Stadt, das sind 69 mehr als vor einem Jahr.

Das Baufieber ist dermaßen stark, dass Experten wie der McKinsey-Berater Jasper zu Putlitz vor allem im Fünf-Sterne-Sektor Probleme voraussagen. Dennoch halten es Ketten wie Waldorf Astoria und Sheraton für nötig, im Zukunftsmarkt der deutschen Hauptstadt Präsenz zu zeigen.

Boom durch Billigflieger

Während vor allem international die Neugier auf die neue deutsche Kapitale gerade erst erwacht zu sein scheint, mahnen die Tourismuswerber und Berater Entscheidungen an, um den Boom nicht zu gefährden. So müsse am neuen Flughafen in Schönefeld dringend eine Lösung für die Billigflieger gefunden werden. Sollte die Flughafen-Gesellschaft die Gebühren zu hoch ansetzen, würden Easyjet & Co sich zwar nicht aus Berlin zurückziehen, aber Nebenstrecken wie etwa nach Pisa oder Bilbao einstellen, mahnt ein Experte.

Ohne die Billigflieger wäre der Aufstieg Berlins als Touristenziel nicht denkbar. 2009 kamen mit 2,4 Millionen Touristen doppelt so viele Menschen mit Billigflügen in die Stadt als fünf Jahre zuvor. Und auch für das Kongressgeschäft, dast durch neue Locations wie den Flughafen Tempelhof frischen Wind erfahren hat, lauern Gefahren. Es sei undenkbar, das Internationale Congress Centrum (ICC) zu schließen.