Berlin 2020

Berlin soll Modellstadt für Elektroautos werden

In Berlin könnten bis 2020 laut einer McKinsey -Studie eine halbe Million neue Jobs entstehen - vorausgesetzt die Hauptstadt setzt sich an die Spitze von drei globalen Wirtschaftstrends. So raten die Experten Berlin bei der Elektromobilität voranzuspreschen. Das sieht auch der Senat so.

Foto: M. Lengemann

Edlef Büttner, 53 Jahre alt, probt gerade die Zukunft. Die Zukunft rollt leise surrend durch die Straßen Berlins. Die Zukunft wirkt noch leicht improvisiert und lässt im Wageninneren nicht viel Platz. Dafür hängt sie an der Ampel jeden Sportwagen ab. Büttner fährt noch bis Juni einen Mini mit Elektromotor. Der Unternehmer testet ein Elektroauto auf Alltagstauglichkeit. "Der Elektroantrieb ist eine tolle Sache", sagt Büttner. Seinen eigenen Wagen, einen Peugeot 307, braucht er nur, wenn er mal aus der Stadt raus fahren will.

Büttner ist einer von 50 Berlinern, die für den Stromversorger Vattenfall und den Autobauer BMW, bei einem Feldversuch mitmachen. Solche Tests – alle großen deutschen Autohersteller haben ähnliche Projekte in Berlin laufen – sind die Vorboten einer mobilen Revolution. Bis zum Jahr 2020 sollen zwei Millionen Elektroautos in Deutschland fahren. Dieses Ziel hat die Bundesregierung formuliert und dafür vergangenes Jahr den "Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität" verabschiedet. Die Deutschen sollen in Zukunft wie Büttner Auto fahren: dem Klima zuliebe und um das Land unabhängiger vom Erdöl zu machen.

Für Berlin bietet die Elektromobilität besondere Chancen. Es könnte der Industrie der Stadt, die im Zeitalter des Verbrennungsmotors nur eine untergeordnete Rolle als Standort der Autobranche spielt, einen Schub geben. Denn in Deutschlands Vorzeigeindustrie werden die Karten gerade neu gemischt. Eine neue Technologie muss auf politischen Druck zur Serienreife gebracht werden. Dazu bedarf es mehr als das, was die alten deutschen Autostandorte München, Stuttgart und Wolfsburg bieten können. Es sind viele neue Ideen und Entwicklungen gefragt. Das ist die Chance für die Hauptstadt.

Wowereit für Modellstadt

Die Unternehmensberatung McKinsey rät der Stadt in ihrer Studie voranzupreschen. Berlin solle einen großen Modellversuch initiieren, am besten mit 100000 Fahrzeugen. "Es gibt zwar derzeit viele Feldversuche in der Stadt. Doch diese haben noch einen eher wissenschaftlichen Charakter", sagt Christian Malorny, Autoexperte von McKinsey. Das sei längst nicht ausreichend. Diese Meinung scheint man auch im Senat zu teilen. Klaus Wowereit (SPD) kündigte vergangene Woche an, dass Berlin Modellstadt für Elektromobilität werden wolle. Dies wolle er Anfang Mai der Kanzlerin bei einem Gipfel zur Elektromobilität anbieten.

Eine ernst gemeinte Initiative könnte in der Tat für einen weiteren Schub sorgen. Doch schon heute sind an vielen Orten Unternehmen und Forscher mit dem Thema Elektromobilität befasst. Zum Beispiel in Marienfelde, Daimlerstraße 143. Dort leitet Thomas Uhr das älteste Werk der Daimler AG. Uhr konnte gerade einen Prestigeerfolg gegen andere Daimlerstandorte verbuchen. Ab 2011 werden in Marienfelde Elektroantriebe für Hybridmotoren – ein Aggregat aus Benzin- und E-Motor – von Mercedes gefertigt. "Wir haben uns beim Thema elektrische Antriebe in den vergangenen Jahren viel Mühe gegeben", sagt Werksleiter Uhr. Da könne man problemlos mit dem Südwesten konkurrieren. Uhr verweist auf die vielen Forschungseinrichtungen, speziell die Technische Universität Berlin. "Außerdem gibt es in der Hauptstadtregion eine gute Infrastruktur von Zuliefern und viele Menschen mit guter Ausbildung", sagt Uhr. Sein Fazit: "Hier kann etwas entstehen, was Gewicht hat."

Eine Berliner Firma kann für sich in Anspruch nehmen schon heute einiges Gewicht zu haben, wenn es um die Entwicklung des Motors der Zukunft geht. IAV ist ein Ingenieurdienstleister, der für alle großen deutschen Autobauer und deren Zulieferer forscht und entwickelt. Wolfgang Reimann ist dort Bereichsleiter Fahrzeugelektronik. Rund 250 Mitarbeiter kümmern sich um die vielen Aspekte der Elektromobilität. Sie tüfteln daran, wie die Batterien sinnvoll gesteuert werden, um alle Funktionen des Autos zu gewährleisten. Aber auch an Hybridmotoren und reinen Elektroantrieben arbeiten die Spezialisten von. Viele Projekte unterliegen der Geheimhaltung. Nur soviel sagt Reimann: "Die gesamte Technologie ist neu. Wir von IAV sind mit dabei und entwickeln eigenes Know-how."

Viele Fäden der Elektroauto-Projekte laufen bei Thomas Meißner zusammen. Meißner leitet die Abteilung Verkehrstechnik bei der Technologiestiftung Berlin (TSB). Die TSB koordiniert Vorhaben im Rahmen des Elektromobilitätsprojekts der Bundesregierung. Berlin ist eine von acht deutschen Modellregionen. Und wenn es nach Meißner geht, dann soll sich die Hauptstadt zum Top-Modell entwickeln.

"Wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel in der Autobranche. Beim Elektroantrieb verfügen die meisten Hersteller nicht über Kernkompetenzen. Die haben sie für den alten Verbrennungsmotor", sagt Meißner. Und da müsse Berlin ansetzen mit seinen vielen Forschern, Tüftlern, Kreativen. "Denn es gibt noch jeder Menge ungelöste Fragen", sagt Meißner. Was wiederum bedeutet: In der elektrischen Autozukunft ist viel Platz für Firmen, die bessere Batterien entwickeln oder schnellere Verfahren zum Aufladen der Autoakkus.

Batteriekonzern aus Berlin?

Hört man sich bei den Firmen in der Stadt um, dann kristallisiert sich ein Zukunftsbild heraus. Berlin hat alle Chancen, großer Zuliefererstandort für die Elektroauto-Branche zu werden. McKinsey-Berater Malorny kann sich Berlin als ein Zentrum für Batterietechnologie vorstellen. Er regt an, einen nationalen Hersteller für die Batterieproduktion zu schmieden, eine Art "Deutsche Batterieunion". Doch warum in Berlin? "Die großen Hersteller sitzen allesamt nicht hier. Sie müssten einen 'neutralen Standort' finden, der außerdem noch viele Fachkräfte hat. Da gibt es nicht viele Städte in Deutschland."

Es gibt aber auch kaum eine Stadt, die eine solche Tradition hat. In einer Zeit, die man heute aus Schwarz-Weiß-Fotos kennt, war Berlin bereits Hauptstadt des Elektroautos. Siemens hatte in den 30er-Jahren eine eigene Automarke, genauso wie die AEG. Der Protos von Siemens fuhr damals auch als elektrisch betriebenes Taxi durch die Stadt. Ein Modellversuch. Siemens hat längst keine Automarke mehr und der Siegeszug des Benzinmotors war nie ernsthaft gefährdet.

Das ist jetzt ganz anders. Schon in zehn Jahren wird es viel mehr Menschen geben, die wie Edlef Büttner durch die Stadt fahren. Und wenn es gut geht, fahren sie an einem wichtigen Standort der deutschen Autoindustrie.