Das Essener Handels- und Touristikunternehmen Arcandor hat Insolvenzantrag für die Arcandor AG und drei Tochterunternehmen wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt. Bei den Töchtern handele es sich um die Karstadt Warenhaus GmbH, die Primondo GmbH und die Quelle GmbH. Vom Insolvenzverfahren ausgenommen bleiben sollen die Thomas Cook Group plc, die Primondo- Specialty Group GmbH mit ihren Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie der Homeshopping-Sender HSE24.
Betroffen sind laut Unternehmen insgesamt rund 43.000 Mitarbeiter. Alle Geschäftsbetriebe liefen aber zunächst weiter, hieß es. In Berlin sind nach Gewerkschaftsangaben rund 3600 Menschen bei der Karstadt Warenhaus GmbH - zu der auch das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) gehört - beschäftigt.
Der Betriebsrat des Luxuskaufhauses KaDeWe reagierte bestürzt auf den Insolvenzantrag. In der Belegschaft sei die Stimmung sehr betrübt, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Detlef Lange. Teilweise seien die Mitarbeiter in Tränen ausgebrochen. Unter der Belegschaft mache sich eine „gewisse Lähmung“ breit.
Insgesamt sind in Berlin in verschiedenen Filialen nach Gewerkschaftsangaben derzeit rund 3600 Arbeitnehmer bei Karstadt beschäftigt. Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski sagte in Essen, Ziel des Insolvenzplanes sei, die begonnene Sanierung fortzusetzen und den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Der Insolvenzantrag sei erforderlich gewesen, weil die Anträge auf Staatshilfe abgelehnt worden und Nachbesserungen nicht erreichbar gewesen seien. Am Freitag fällige Darlehen in Höhe von 710 Millionen Euro könnten damit nicht bedient werden. Koslowski betonte, die Gehälter der insgesamt 43.000 Mitarbeiter seien durch das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit bis August gesichert.
Nach den Worten des KaDeWe-Betriebsrats-Vize besteht in der Belegschaft nach der Insolvenz die Hoffnung, „dass es irgendwie weiter geht“. Über Gesprächen mit möglichen Investoren habe das Gremium aber keine Kenntnis. Lange zufolge ist in den kommenden Tagen eine Mitarbeiterversammlung geplant, sobald mehr Informationen vorliegen. Die KaDeWe-Geschäftsführung wollte die Entscheidung des Mutterkonzerns auf Anfrage zunächst nicht kommentieren.
Handelsverbandschef und Wirtschaftssenator optimistisch
Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) bezeichnete die Insolvenz des Arcandor-Konzerns auch als eine Chance, die Verbindlichkeiten weg zu bekommen sowie Eigentümer, Banken und Vermieter zu Zugeständnissen zu zwingen. Bisher hätten die Eigentümer die um ihre Jobs kämpfenden Belegschaften „in Geiselhaft“ genommen, sagte Wolf und äußerte Verständnis dafür, dass die Bundesregierung angesichts der Verweigerungshaltung der anderen Beteiligten Staatshilfen für den Konzern abgelehnt habe.
Wolf setzt seine Hoffnung auf eine Übernahme der Karstadt-Warenhäuser durch die Metro-Gruppe. Berlin sei in der „relativ glücklichen Situation“, dass es in der Stadt keine Standortkonkurrenz zwischen Karstadt-Filialen und den von Metro betriebenen Kaufhof-Häusern gibt. „Da kann in Berlin eine vernünftige Lösung und eine gesunde Struktur herauskommen“, sagte Wolf. Der Senator ärgerte sich aber auch, dass die Karstadt-Gläubigerbanken Commerzbank und BayernLB nicht bereit gewesen seien, Karstadt weiter zu unterstützen, obwohl der Staat diese Geldhäuser üppig mit Staatsgeldern versehen habe.
Die Verhandlungen zwischen dem Metro-Konzern und Arcandor über eine Zusammenführung der Warenhäuser Karstadt und Kaufhof werden nun wohl weitergeführt. Metro hatte bisher vorgeschlagen, 60 der 90 Karstadt-Häuser zu erhalten. In Berlin gibt es zwölf Karstadt-Standorte. Darunter sind das KaDeWe und sieben Karstadt-Kaufhäuser, zwei Filialen Karstadt-Sport sowie ein Schnäppchenmarkt und ein Multimedia-Haus. Kaufhof verfügt über fünf Warenhäuser in der Hauptstadt. Diese sind bis auf eine Ausnahme (Gropius Passagen) alle im Ostteil der Stadt, während Karstadt im Westen präsent ist. Beide Unternehmen machen sich also nicht an einer Einkaufsstraße Konkurrenz wie in anderswo in Deutschland.
Nils Busch-Petersen Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Berlin-Brandenburg blieb am Dienstag erst einmal gelassen: "Zunächst einmal bedeutet das ja nicht, dass einer der Läden jetzt schließt," sagte er. Nun müsse nach einer anderen, politischen Lösung gesucht werden. "Die Karten werden jetzt neu gemischt."
Busch-Petersens Vorwurf: "Der Staat denkt im Handel ordnungspolitischer als in jedem anderen Zweig." Die gleichen Leute, die Banken Milliarden zur Verfügung stellen, hätten beim Handel die Meinung 'die müssen sich selbst helfen'. Da aber Warenhäuser große Synergieeffekte für jede Einkaufsstraße brächten und gerade bei Karstadt viele gut ausgebildete Menschen arbeiteten, hoffe er, "dass möglichst viele Standorte eine möglichst gesicherte Zukunft haben werden."
Die Karstadt-Standorte in Berlin
(Weitere Informationen bekommen Sie bei einem Klick auf die Markierungen. Die Karte können Sie mit den Plus- und Minus-Symbolen links oben vergrößern und verkleinern - dann wird auch die geografische Verteilung von einzelnen Fällen sichtbar. Mit einem Klick auf die Karte - bei gedrückter linker Maustaste - lässt sich der Kartenausschnitt bewegen. Zudem lässt sich eine Großansicht abrufen.)
Die Beschäftigten der Berliner Warenhäuser hatten in den vergangenen Tagen unermüdlich um ihre Arbeitsplätze gekämpft. An Tischen vor den Karstadt-Häusern konnten sich Kunden in Unterschriftenlisten eintragen. In der Filiale in Tempelhof blieben am Montag die Schaufenster-Rolläden unten. Auf einem Schild stand „Sterben hier 300 Arbeitsplätze?“ Vor dem Kaufhaus des Westens (KaDeWe) wurde am Sonntag eine Mahnwache begonnen.
.
ddp/BMO




