Financial Services

Hunderte Daimler-Mitarbeiter ziehen weg aus Berlin

Daimler verlegt den Sitz seiner Finanztochter von Berlin nach Stuttgart. 300 Mitarbeiter ziehen um, 1100 könnten folgen. Das Unternehmen will ein neues Service-Center in Berlin schaffen - und dann wohl vom günstigeren Lohnniveau profitieren. Denn bislang bekommen die Mitarbeiter hier so viel Geld wie die Kollegen im Hochlohnland Baden-Württemberg.

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Für den Wirtschaftsstandort Berlin liegen Aufbruchsfreude und Frust an diesem Tag rund zwölf Kilometer Luftlinie auseinander. In Adlershof wird unter Anwesenheit von Wirtschafssenator Harald Wolf (Linke) der Grundstein für ein neues Werk des Autozulieferers Freudenberg gelegt. Ungefähr zur selben Zeit, gegen Mittag, erfahren die Mitarbeiter von Daimler Financial Services am Potsdamer Platz in einer Betriebsversammlung, dass viele von ihnen umziehen müssen. Die Finanztochter des Autokonzerns verlegt ihren Sitz nach Stuttgart. 300 Leute sollen umziehen. Womöglich ist es aber erst der Auftakt zu einem noch größeren Aderlass.

Rund 1500 Menschen arbeiten für Daimler am Potsdamer Platz. Rund 400 Vollzeitstellen davon entfallen auf die Finanztochter. Diese wird nun bis Ende 2012 nach Stuttgart verlegt. 300 Mitarbeiter ziehen in den Südwesten. Im Gegenzug richtet die Mercedes-Benz-Bank in Berlin ein neues Service-Zentrum mit 550 Mitarbeitern. 100 Kollegen, die derzeit am Potsdamer Platz arbeiten, sollen in diese Gesellschaft wechseln.

Klingt unter dem Strich nach einem Gewinn von 150 Arbeitsplätzen. Doch ob die Rechnung aufgeht, ist unsicher. Das Gros der Daimlerleute am Potsdamer Platz arbeitet für den Vertrieb, insgesamt rund 1100 Mitarbeiter. Bis Ende 2012 läuft der Mietvertrag für ihre Büroräume. Was danach geschieht, lässt der Konzern offen. „Es gibt derzeit noch keine Entscheidung“, sagt eine Sprecherin. Es ist aber kein Geheimnis, dass Daimler intern „alle Optionen“ prüft, wie es heißt. Was im Klartext bedeutet: Auch die Vertriebsleute könnten in ein paar Jahren aus Berlin wegziehen. Oder sie verlassen zumindest den prestigeträchtigen Standort im Herzen der Hauptstadt.

Umzug des Vertriebs könnte folgen

Hintergrund all dieser Planspiele sind Sparerwägungen. Denn die Berliner Mitarbeiter von Daimler werden sämtlich nach dem Tarifvertrag des Landes Baden-Württemberg entlohnt. Dieser ist der für Arbeitnehmer vorteilhafteste. Laut Gewerkschaft liegt das Lohnniveau um rund fünf Prozent höher als nach den Regularien der in Berlin geltenden Metalltarifverträge. Diese angenehmen Bedingungen gehen auf den ehemaligen Daimlerchef Edzard Reuter zurück. Dieser hatte verfügt, dass die Berliner Mitarbeiter am Potsdamer Platz in den Genuss des Baden-Württemberger Tarifvertrags kommen. Und diese Privilegien will Daimler nun offensichtlich beschneiden, mutmaßt IG-Metall-Mann Abel.

Als Erste trifft das wohl die Mitarbeiter der Finanzsparte. Financial Service soll mit der Mercedes Bank zusammengelegt werden. Für diese Bank arbeiten derzeit acht Service-Zentren in ganz Deutschland. Für sie soll eine neue Zentrale in Berlin geschaffen werden, wie ein Daimler-Sprecher sagt. Dort finden 550 Mitarbeiter Arbeit. Sie werden sich beispielsweise mit Kreditprüfungen von Mercedes-Kunden beschäftigen. Daimler wird dafür eine neue Gesellschaft gründen. Welche Entlohnung dort gilt, wird zwischen Betriebsrat und Konzern demnächst verhandelt. Dem Konzern schwebt nach Betriebsratsangaben vor, gänzlich auf eine Tarifbindung zu verzichten. Klar ist: Die guten Konditionen der Reuter-Zeit werden mit Sicherheit nicht gelten.

„Diese Servicegesellschaft soll mittelfristig erweitert werden“, sagt der Sprecher von Daimler Financial Services. Berlin sei ein hervorragender Standort, vor allem weil man dort viele Leute mit Fremdsprachenkenntnissen fände. Und der Sprecher gibt auch zu, dass die Hauptstadt ein „anderes Gehaltsniveau“ biete. Sprich: dass die Leute hier auch für weniger arbeiten als etwa im Hochlohn-Bundesland Baden-Württemberg.

Auch in Stuttgart rumort es

Die IG Metall erwartet harte Verhandlungen und hat schon einen Forderungskatalog zusammengestellt. „Es darf keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und die neue Gesellschaft muss der Tarifbindung unterliegen“, fordert Abel. Er rechnet, wenn es um die Stellen der Finanztochter geht, ohnehin anders als der Konzern. Die IG Metall sprich von 500 Leuten, die betroffen sind. Daimler rechne mit Vollzeitstellen. Ziehe man aber die Teilzeit-Mitarbeiter hinzu, käme man auf 500 Leute. Abel befürchtet auch, dass der Konzern den deutschen Vertrieb mit seinen 1100 Mitarbeitern verlegen könnte. „Wir wissen, dass es dazu ernsthafte Überlegungen im Unternehmen gibt“, sagt er. Noch sieht er jedoch gute Chancen, dass diese Stellen in Berlin gehalten werden können.

Auch in am Stammsitz von Daimler in Stuttgart rumort es. Die Zusammenlegung von Financial Services und Mercedes Bank könnten zu einen Personalabbau von 40 Prozent führen, befürchtet der Betriebsrat. Insgesamt arbeiten bei Financial Services 2300 Mitarbeiter in ganz Deutschland. Ein „Billiglohn-Dumping durch Ausgründen von Tätigkeiten“ in ein neues Service-Center in Berlin wolle der Betriebsrat nicht widerstandslos hinnehmen, hieß es. Mit seinen Umzugsplänen hat Daimler für reichlich Unruhe gesorgt.