Unternehmen

Warum es so schwer ist, gute Lehrlinge zu finden

| Lesedauer: 6 Minuten
Stefan von Borstel

Der Kampf um die Lehrlinge wird immer härter. Schon früh müssen sich die Firmen auf die Suche machen, um nachher nicht ohne Azubis dazustehen. Schlimmer wird die Situation dadurch, dass mindestens 20 Prozent der Schulabgänger grundlegende Fertigkeiten nicht beherrschen. Morgenpost Online besucht ein Berliner Unternehmen.

Was unterscheidet den Schmied vom Schlosser? Wie groß ist die Fläche eines Kreises mit 700 Millimeter Durchmesser? Ein Auto kostet 21.000 Euro. Der Mehrwertsteuersatz beträgt 19 Prozent. Wie hoch ist der Mehrwertsteueranteil?

„Die letzte Frage hat noch kein Bewerber richtig beantwortet“, sagt Stefan Fittkau (41). Fittkau ist Chef einer Metallbaufirma in Berlin mit 50 Beschäftigten. Jedes Jahr sucht er drei Auszubildende für den Beruf des Metallbauers, Fachrichtung Metallgestaltung, früher nannte sich das Kunstschmied. Eine gute körperliche Konstitution sollen die künftigen Schmiede haben und gute Leistungen in Naturwissenschaften mitbringen, so steht es in der Anzeige, die Fittkau schon ein Jahr vor dem Beginn des Ausbildungsjahres im Herbst schaltet. Der Firmenchef macht sich früh auf die Suche. „Die Guten sind sonst weg.“

In diesem Jahr ist der Kampf um die „Guten“ noch härter als sonst. Jahrelang waren es die Jugendlichen, die um einen der raren Ausbildungsplätze kämpfen mussten. Nun sind es die Firmen, die um die guten Lehrlinge kämpfen müssen. Die Zahl der Schulabgänger sinkt, zugleich steigt die Nachfrage in den Betrieben, weil die Konjunktur gut läuft. Der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammern (DIHK), Ludwig Georg Braun, erwartet, dass es dieses Jahr erstmals seit 2001 wieder mehr Lehrstellen als Bewerber geben wird.


In boomenden Großstädten wie München oder Frankfurt kommen mittlerweile auf jeden Ausbildungsplatzsuchenden zwei Stellen. Und in Ostdeutschland wirkt sich der Geburtenknick nach der Wende voll aus. Immer mehr Firmen berichteten inzwischen, keine geeigneten Bewerber für ihre Lehrstellen zu finden, sagte Braun. Schon im vergangenen Jahr konnten 15 Prozent der Betriebe nicht alle Lehrstellen besetzen – sie fanden keine geeigneten Bewerber. Jeder fünfte Schulabgänger hat Defizite beim Lesen, Schreiben oder Rechnen.


Das beschäftigt auch Fittkau. „Ohne Mathematik geht es in diesem Beruf nicht“, sagt der Firmenchef, der selbst einmal Kunstschmied gelernt hat. „Mit einer vier oder fünf in Mathematik ist das sinnlos.“ Fittkaus Metallbaufirma im Osten Berlins, hervorgegangen aus dem VEB Kunstschmiede Berlin, hat sich auf aufwändige Metallarbeiten spezialisiert. In der Werkstatt in Weißensee entstehen Türgriffe für das Luxushotel Adlon und Edelstahlständer für das neue Flughafen-Terminal in London-Heathrow. Auch das Tor zum Gästehaus der Bundesregierung in Meseberg stammt von Fittkau.

Fittkau muss Nachwuchs selber ausbilden

Kunstschmied ist ein rarer Beruf. Das Traditionsunternehmen muss sich seinen Nachwuchs selbst heranbilden. 50 Bewerbungen erhält Fittkau im Jahr, zehn Jugendliche lädt er zum Bewerbungsgespräch ein. „90 Prozent der Bewerber wissen nicht, was ein Schmied tut“, sagt Fittkau. Wer im Gespräch einen guten Eindruck macht, wird zum Test geladen. Prozentrechnung und die Berechnung von Flächen und Körpern sind gefragt. Danach müssen die Bewerber bei einer praktischen Übung zeigen, „dass sie keine zwei linke Hände haben“, sagt Fittkau.

Doch die wahre Hürde ist der Mathe-Test: Die volle Punktzahl hat dabei noch nie ein Jugendlicher erreicht. „Dabei ist das alles Stoff aus der siebten Klasse“, sagt Fittkau, der einen Sohn in der achten Klasse hat. Er ist schon zufrieden, wenn die Bewerber mehr als die Hälfte der Testfragen richtig beantworten.

Vielen Jugendlichen fehlt es an grundlegenden Fertigkeiten

Jeder vierte Jugendliche eines Jahrgangs ist „nicht ausbildungsfähig“, klagt der Generalsekretär des Deutschen Handwerks, Hanns-Eberhard Schleyer. Acht bis neun Prozent verlassen die Schule sogar ohne jeden Abschluss. Jeder zweite Hauptschüler hat auch 13 Monate nach Schulende keine berufliche Ausbildung gefunden. Diese Jugendlichen jobben oder melden sich arbeitslos, sie absolvieren Berufsvorbereitungs- und Berufsgrundbildungsjahre, Praktika oder Bewerbertrainings – und versuchen nach einem Jahr erneut, eine Lehrstelle zu ergattern. Im vergangenen Jahr war jeder zweite Bewerber einer dieser Altbewerber.

Durch den Aufschwung am Lehrstellenmarkt können auch diese Jugendliche auf eine Lehrstelle hoffen, meint DIHK-Präsident Braun. Zusätzlichen Schub will die Bundesregierung geben. Sie verspricht jedem Unternehmen, das zusätzlich einen Altbewerber ausbildet, einen Ausbildungsbonus von bis zu 6000 Euro. Rund eine halbe Mrd. Euro sind dafür in den nächsten drei Jahren vorgesehen. Für DIHK-Präsident Braun die pure Geldverschwendung. „Viele Unternehmen planen ohnehin, ihr Ausbildungsangebot zu vergrößern. Diese nehmen dann den Bonus mit.“ Wichtiger als Subventionen wäre eine bessere Schulbildung.

Auch Altbewerber bekommen inzwischen eine Chance

„Wir würden auch einen Altbewerber nehmen – aber er muss die richtige Einstellung haben“, sagt Fittkau. „leistungswillig“, soll er sein, „die Kurve gekriegt haben“. Doch Fittkau ist skeptisch. „Wir hatten einmal einen jungen Mann da, der eine berufsvorbereitende Maßnahme machte.“ Fittkau wollte es mit ihm probieren, gab ihm drei Wochen Zeit, um sich auf den Einstellungstest vorzubereiten – doch er sah den Bewerber nie wieder.

Der Metallbauer setzt vor allem auf gute Haupt- und Realschüler. Doch wie sucht man einen Bewerber aus? Fittkau hat viele gesehen: Den Jungen mit der dicken Goldkette, dessen erste Frage war: „Wie viel kriege ich denn hier?“ Oder der Bewerber, der beim Praxis-Test nach fünf Minuten erschöpft die Feile fallen ließ und es sich auf der Werkbank bequem machte.

Die meisten Jungen wollten Kfz-Mechaniker werden, klagt Fittkau. Den Metallgestalter kenne kaum jemand. Die kleine Firma im Berliner Osten muss zudem mit Weltkonzernen um Lehrlinge konkurrieren: Siemens, Schering und BMW. Zudem, gibt Fittkau zu, werde im Handwerk traditionell schlecht bezahlt. Ein Metallgestalter bekommt im ersten Lehrjahr 352 Euro. Der Pharmakonzern Bayer-Schering zahlt seinen Auszubildenden zwischen 750 und 900 Euro im Monat.

Zunehmend werde es schwieriger, gute Bewerber zu finden, sagt Fittkau. Dieses Jahr hat er Glück gehabt, seine drei Stellen sind besetzt. Doch bald, so fürchtet der Metallbauer, werden sich die Betriebe um den guten Jugendlichen reißen, „wie heute schon um Ingenieure.“