Sie sei noch nie schneller als 130 Kilometer pro Stunde gefahren, sagt Jennifer aus Florida und schiebt sich ein großes Stück Blaubeermuffin in den Mund, für die Nerven. Jennifer liebt Sportwagen, sie hatte schon einen Toyota und einen Mazda MX-5, der in den USA Miata heißt. Seit einem Jahr fährt sie Porsche, ein quietschgelbes Boxster Cabriolet. Aber erst heute wird sie lernen, was in ihrem Auto wirklich steckt: beim Training in der Porsche Sport Driving School in Birmingham, Bundesstaat Alabama. Ein Geschenk ihres Mannes zum 60. Geburtstag.
Nordamerika ist der erfolgreichste Markt der Welt für den Stuttgarter Edel-Autobauer, der gerade Rekordgewinne für das Geschäftsjahr 2006/2007 veröffentlichte. In den USA und in Kanada machte Porsche im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar und verkaufte 35.398 Autos – mehr als in jeder anderen Region der Welt. Und das in einem Land mit hartem Tempolimit auf den Highways.
Der Erfolg von Porsche in Amerika erscheint daher auf den ersten Blick paradox. Denn im Land der Autofahrer ist bei 120 Kilometern pro Stunde das Tempolimit erreicht. Und obwohl die Fahrkultur in den USA mehr von Minivan und SUV geprägt ist und das Auto häufig als Wohnzimmer-Ersatz dient – mit Becherhalter, Snack-Tablett, Schlafsitzen und DVD-Spieler – wächst doch die Zahl jener Amerikaner, die sich von schwäbischer Präzision, deutscher Hochleistungstechnik und europäischem Design faszinieren lassen. Auch wenn sie niemals alle Pferdestärken nutzen können, die in einem Porsche stecken. Es sei das Image von Porsche gewesen, das sie zum Kauf bewegt habe, sagt Jennifer. Amerika ist eben voller Widersprüche. Oder Porsche macht einfach cleveres Marketing. Wahrscheinlich stimmt beides.
Ein wichtiges Marketing-Instrument nennt sich Sport Driving School. Dort wirkt Jeff Purner. Bekleidet mit einem weißen Polo-Hemd und tief in das Gesicht gezogenem Basecap, winkt die Teilnehmer lässig in einen Unterrichtsraum. Purner ist Leiter der Porsche-Fahrschule davor war er 15 Jahre lang professioneller Rennfahrer. Der Mann ist in den Trans-Am-, GTU- und GTS-Serien gefahren. Jetzt ist er auch so eine Art Edelwagen-Verkäufer und er hat das schon ganz gut drauf. „Passt auf“, begrüßt er die Gruppe. „Der Motorsport kann abhängig machen, und ganz besonders Porsche!“
Die meisten Teilnehmer, 32 insgesamt, darunter vier Frauen, haben den Kurs geschenkt bekommen, einige haben ihn über einen Porsche-Händler gebucht. Etwa die Hälfte fährt bereits Porsche. Die andere nicht. „Noch nicht“, wird Jeff Purner später sagen. Zu denen, die noch keinen Porsche fahren, gehören Max und sein Vater Horst aus Nürnberg, die seit zwölf Jahren in Atlanta leben. Horst arbeitet als Privatinvestor. Max hat den Tag in der Porsche-Fahrschule von seinem Onkel zum Highschool-Abschluss bekommen. Ein großzügiges Geschenk. Ja, schon, sagt Max lakonisch. Zu Hause hätten sie zwei Audis, A4 und A8, und einen Mercedes C55 in der Garage, bemerkt Horst. „Wir sind eigentlich schon fast alle deutschen Automarken gefahren.“ Er lacht. „Außer Porsche“.
In den USA stellt Porsche die Trainingsfahrzeuge
Die Porsche Sport Driving School existiert seit sieben Jahren. Zunächst fanden die Kurse auf den Rennbahnen in Atlanta, Georgia, und Sebring, Florida, statt; seit 2003 nutzt Porsche den Barber Motorsports Park in Birmingham. Porsche bietet Fahrkurse in fast allen Ländern an; in Deutschland seit 1974, da hieß die Driving School noch ganz bieder Porsche Sportfahrschule. Anders als die Fahrschulen in Europa bringen die Teilnehmer in den USA allerdings nicht ihre eigenen Autos auf die Rennstrecke, sondern Porsche stellt die Wagen zur Verfügung: rund 50 der neuesten Modelle, davon rund 30 911 Carrera und Carrera S, ferner Boxster, Cayman S und Cayenne S.
Alle Wagen sind silbergrau, die legendäre Porsche-Farbe. Weiteres Unterscheidungsmerkmal: der Prominenten-Faktor. Die Porsche-Fahrschule in den USA hat berühmte Rennfahrer als Trainer verpflichtet. Hurley Haywood zum Beispiel, 59, Chef-Instrukteur und Rennsportlegende. Fünfmal gewann er das 24-Stunden-Rennen von Daytona, dreimal Le Mans, zweimal Sebring. Immer hat er bei seinen Siegen in einem Porsche-Cockpit gesessen.
Die Edel-Fahrschule braucht keine Werbung
Viel Werbung macht die Edel-Fahrschule nicht. Eine puristische Website ( www.porschedriving.com ) reicht aus. Die Kurse, Ein oder Zwei-Tagesprogramme, eine Master-Klasse für Fortgeschrittene, eine Winterfahrschule sowie seit neuestem eine Driving School nur für Frauen, sind viele Monate im Voraus ausgebucht. Der Ein-Tages-Kurs, wie ihn Jennifer und Max besuchen, kostet 1795 Dollar, umgerechnet 1224 Euro.
Porsche setzt in den USA auf Understatement im Marketing; ein Konzept, das ein bisschen aus der Not geboren ist, sagt David Pryor, Marketing-Chef von Porsche Cars North America mit Sitz in Atlanta. In Deutschland sei Porsche permanent in den Medien präsent. „Nicht so in den USA. Hier sind wir ein kleiner Fisch in einem sehr großen Teich.“ Porsche leiste sich nicht das Budget, um in den USA beim Marketing mit den Großen des Luxus-Automarktes zu konkurrieren. „Da müssen wir schon origineller sein als die anderen.“ Gute Ideen ersetzen den dicken Geldbeutel.
Zum Beispiel bei der Zusammenarbeit mit Pixar, den Animationsstudios im Silicon Valley. Die produzierten 2006 den Trickfilm „Cars“, dessen Heldin Sally Carrera heißt, ein koketter, hellblauer 911er. Kein Product Placement sei das gewesen, versichern Porsche und Pixar. Sie sprechen von Cross Promotion und meinen: Auto und Film bewerben sich gegenseitig.
Die Fahrschule ist ein wichtiges Marketing-Instrument
Vorrangiges Ziel von Porsche in den USA sei es, so viele Leute wie möglich hinter das Steuer zu bringen, wie es Marketing-Manager Pryor ausdrückt. „Wir wollen Porsche sinnlich erfahrbar machen. Wie fühlt sich ein Porsche an? Wie fühle ich mich, wenn ich Porsche fahre?“ Deshalb sei „die Fahrschule so ein wichtiges Marketinginstrument“. Die Statistik bestätigt das: Etwa 20 Prozent der Teilnehmer eines Fahrkurses kaufen später einen Porsche. Statt flächendeckender TV- und Zeitungsanzeigen gibt es außerdem Aktionstage der amerikanischen Porsche-Händler mit Testfahrten.
Das Tempolimit in den USA stellt für die Marketingstrategen von Porsche keine allzu große Hürde dar. Längst haben die Werber die Botschaft den Gegebenheiten angepasst. Das klingt dann so: „Es geht nicht um Geschwindigkeit“, betont David Pryor. „Sondern um die Erfahrung, einen Porsche zu fahren, auch bei 70 Stundenkilometern auf dem Highway oder auf der Rampe eines Einkaufszentrums.“
Fahrrekorde stehen nicht Vordergrund
Es geht nicht um Geschwindigkeit: Wie ein Mantra predigen das auch die Trainer der Porsche Sport Driving School. „Wir sind keine Rennschule. Hier geht es nicht um Rekordzeiten, hier gewinnt nicht, wer am schnellsten fährt“, sagt Jeff Purner. „Es geht darum zu lernen, das Auto unter bestimmten Bedingungen zu kontrollieren.
Oder auch nicht. Aber das ist Teil der Übung. Wie bei Jennifer. Die ist auf dem Skid Pad, einem Parcours mit ölig-nassem Asphalt, heftig ins Schlittern geraten, hat übersteuert und zu hart gebremst. In der zweiten Runde geht es schon besser. Und in der dritten nimmt sie die Kurven um die orangen Verkehrshütchen ganz leicht. „Wow, das war toll!“, sagt sie, steigt aus, lacht, stemmt die Hände in die Hüften und ringt nach Luft. „Aber es braucht volle Konzentration.“
Vom Skid Pad geht es weiter zum Autocross. Und danach auf die Rennstrecke. Das ist der Moment, dem die meisten Teilnehmer seit Stunden entgegenfiebern. Hurley Haywood fährt der Gruppe voran. „Wir werden das Tempo langsam steigern“, informiert er die Gruppe über Walkie-Talkie. „Aber das werdet ihr gar nicht merken.“ 32 Porsche 911 Carrera S brausen über die Rennbahn, ruhig, kraftvoll und schneller mit jeder Runde. Kleine Gummistücke springen vom Asphalt auf; die Sportwagen gleiten durch die waldbodengrüne Hügellandschaft, eine silberne Schlange mit vielen Gliedern.
Am Ende des Tages fahren sie in einem Tempo von knapp 200 Stundenkilometern, weit unter den Möglichkeiten des Porsche, aber schnell für amerikanische Verhältnisse „Tatsächlich?“, fragt Max. „Ich habe vergessen, auf das Tachometer zu schauen. Ich war zu beschäftigt mit dem Fahren.“ Wird das nächste Auto in der Familie also ein Porsche sein? „Vielleicht“, sagt Max und grinst. Horst fügt hinzu, augenzwinkernd: „Unser Sohn trifft bei uns die Kaufentscheidungen.“
Jennifer kann gar nicht abwarten, in ihrem gelben Boxster zu sitzen und die Techniken auszuprobieren, die sie an diesem Tag gelernt hat. „Ich bin eine bessere Autofahrerin geworden“, sagt sie. In der Zukunft will sie öfter in die Berge fahren – „das Auto in den Kurven spüren und auf den Steigungen.“ Von Geschwindigkeit spricht sie nicht mehr. Aber davon, dass sie nie mehr ein anderes Auto fahren will als Porsche. Jeff Purner lächelt. Seine Mission ist erfüllt.





