Deutschland ist schon manches Mal als Bananenrepublik verunglimpft worden, was sicher falsch war. Wüstenstaat aber könnte man sagen, wenn man einen Blick in die Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamtes wirft. 59 Geländewagen sind dort geführt, und das Angebot steigt noch, ebenso wie Verkaufszahl und Marktanteil. Mit einem Blick aus dem Fenster ist geklärt, dass niemand aus sachlichen Gründen einen Geländewagen braucht, die Ursachen für den Wunsch nach dieser Art Auto müssen also tiefer liegen.
Kenntnisse der Küchenpsychologie verführen zu der Einschätzung, dass es mit einem Gefühl der Überlegenheit zu tun hat: die hohe Sitzposition, das starke, schwere Auto. Franz Schibalski, ADAC-Verkehrspsychologe, sieht das viel nüchterner: "Diese Autos sind eine Antwort auf die Alterung der Gesellschaft. Sie bieten älteren Menschen ergonomische Vorteile." Wer sich je in einen Sportwagen geklemmt hat, weiß: je flacher, desto unwürdiger – die hochbeinigen Offroadmodelle lassen sich in der Tat einfacher entern.
"Da muss mehr Emotion hinein", widerspricht Georg Rudinger, Professor für Psychologie an der Universität Bonn. Niemand kaufe ein Auto wegen ergonomischer Vorteile, so ein sachlicher Grund sei eine nachgeschobene Rechtfertigung. Rudinger sieht Geländewagen und deren kleinere Ableger, die gar nicht geländegängig sind, eher als Verstärker fürs Selbstbewusstsein.
Geländewagen vermitteln ein Burg-Gefühl
"Der Erfolg dieser Autos ist auch ein Zeichen dafür, dass die Aggressivität im Verkehr steigt. Das muss nicht heißen, dass Geländewagenfahrer selbst aggressiv sind. Sie haben aber das Gefühl, der Aggressivität Paroli bieten zu können." Drängeln und Rasen ist in der Tat bei Geländewagen weniger verbreitet, das Burg-Gefühl scheint gelassen zu machen. "Man hat den Überblick und glaubt, das Geschehen kontrollieren zu können", sagt Rudinger.
Den Preis zahlen allerdings die schwächeren Verkehrsteilnehmer. Je höher die Front eines Autos ist, desto schwerer sind bei einem Unfall die Verletzungen eines Fußgängers. Der Dodge Caliber, ein Kompaktwagen im kastenförmigen Offroad-Design, erzielte gerade erst eine ordentliche Vier-Sterne-Wertung im EuroNCAP-Crashtest, aber nur einen Stern für den Fußgängerschutz.
Es gibt weitere objektive Nachteile eines Geländewagens: den hohen Preis, das hohe Gewicht und damit einhergehend den hohen Verbrauch. Die Leistungsbilanz ist schlecht, wenn man als Aufgabe eines Autos im asphaltierten Teil Europas die Beförderung von Personen annimmt. Aber manchmal fährt auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer eben auch das Ego mit.
Trotz Klimawandel steigen die Zulassungszahlen
Und das ist in vielen Fällen stark genug, Widersprüche auszuhalten. So ist derzeit in Deutschland Konsens, dass uns der Klimawandel bedroht und dass Autos möglichst wenig Kohlendioxid ausstoßen sollten. Gleichzeitig rollen die massiven Gegenentwürfe zum Drei-Liter-Auto in steigender Zahl auf die Straßen.
"Es ist dem Menschen wohl eigen, dass er seine generellen Überzeugungen nicht herunter bricht auf die persönliche Verhaltensebene", sagt Georg Rudinger. Die Hersteller genießen diesen Umstand und schieben weitere Exemplare mit hohem Aufbau und Allradantrieb auf den Markt. Selbst die Franzosen, Spezialisten für Kleinwagen und komfortable Mittelklasselimousinen, nutzen die Chance mit Peugeot 4007 und Citroën C-Crosser, Anfang 2008 wird die Serienversion der Renault-Studie Koleos dazustoßen.
Seat hat den Altea Freetrack vorgestellt, und der neue VW Tiguan wird die Klasse der Geländewagen ab Oktober weiter beleben. Immerhin, man bemüht sich um Schadensbegrenzung: Der Motor des Peugeot verträgt bis zu 30 Prozent Biodiesel-Beimischung, und der VW-Diesel erfüllt schon heute die Euro-5-Abgasnorm für 2009.
Der Psychologe Georg Rudinger sieht trotzdem ein wichtiges Prinzip menschlichen Zusammenlebens beeinträchtigt: das der Nachhaltigkeit. "Jetzt stellen wir uns mal vor, etwa jeder Chinese fährt so ein Auto. Das geht nicht, auch bei uns nicht.“




