Die Pleite des Chipherstellers Qimonda ist nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Joachim Ragnitz ein Verlust für den Mikroelektronik-Standort Dresden und möglicherweise ganz Europa. Ausgehend von der Prämisse, dass Europa eine eigene Halbleiterindustrie brauche, sei die Insolvenz sicherlich eine Schwächung der Europäischen Union, sagte der stellvertretende Chef des Ifo-Instituts Dresden.

Problematisch sei dies allein wegen des drohenden Verlusts an Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, die dann möglicherweise die langfristige Existenz der Chipproduktion in Europa infrage stellen könnten. Ragnitz betonte, ganz offenkundig habe Qimonda es nicht vermocht, sich durch Restrukturierung oder technologische Neuerung rechtzeitig anzupassen. „Insoweit liegt hier auch unternehmerisches Versagen vor.“

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, warf der EU vor, beim Schutz des Chipherstellers Qimonda vor asiatischer Billigkonkurrenz versagt zu haben. „Die EU hätte mehr Druck machen müssen, damit die Subventionsflut in Asien gestoppt wird, eventuell mit Hilfe der Welthandelsorganisation“, sagte Blum der „Berliner Zeitung“. „Unter Umständen hätte man auch Strafzölle auf die unter verzerrten Bedingungen hergestellten Chips erheben können.“

Viele asiatische Hersteller – insbesondere in China und Indonesien - hätten bis zu 70 Prozent ihres Kapitals als Subvention vom Staat bekommen, sagte der IWH-Präsident. "Aufgrund europäischer Richtlinien waren diese Beihilfen bei Qimonda auf rund 30 Prozent beschränkt. Diesen Nachteil kann man nicht mehr wettmachen.“ Die Auswirkungen einer möglichen endgültigen Schließung von Qimonda seien "sehr groß“. Jeder Fünfte der 50.000 Arbeitsplätze im „Silicon Saxony“, der Hochtechnologieregion um Dresden, hänge indirekt von Qimonda ab.

Die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange sieht den Standort trotz der Insolvenz derzeit nicht in Gefahr. „Ich denke, der Verbund ist stabil genug“, sagte die SPD-Politikerin. Die Insolvenz sei zwar ein schwerer Schlag. Es gebe aber mittlerweile genügend kleinere und mittlere Unternehmen. „Der Standort wird das überstehen“, fügte sie hinzu.

Ziel müsse es nun sein, die hoch qualifizierten Fachkräfte in der Region zu halten und den Technologiekern zu retten, den Qimonda in die Produktion bringen wollte. Dies sei nötig, da trotz aller Probleme ein Wachstum der Branche in den nächsten Jahren zu erwarten sei. Sachsen werde eng mit dem Insolvenzverwalter zusammenarbeiten und sich um konstruktive Lösungen bemühen, erklärte sie.

Qimonda hatte am Freitag wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet. Betroffen ist unter anderem das Qimonda-Werk in Dresden mit rund 3000 Mitarbeitern. Der Standort Dresden gilt als größter europäischer der Mikroelektronik-Branche.

Qimonda weist Vorwürfe zurück

Qimonda wehrt sich unterdessen gegen Vorwürfe, es habe durch neue Geldforderungen ein mögliches Rettungskonzept belastet. „Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt“, sagte ein hochrangiger Manager WELT ONLINE. Er wies Angaben aus der Politik zurück, dass Qimonda von der öffentlichen Hand zusätzliche 300 Millionen Euro Hilfe gefordert habe. „Wir brauchten eine Bürgschaft über 200 Millionen Euro. Die weiteren 100 Millionen Euro hätten wir aus selbst organisierten Finanzierungsmaßnahmen schließen können“, sagte der Manager. Er glaubt, dass die Insolvenz des Speicherchipherstellers so hätte vermieden werden können. "Die Bürgschaft hätte uns Spielraum verschafft. Dann wäre Zeit gewesen, bis Ende Februar das Rettungspaket über 325 Millionen Euro zu schnüren“, sagte er.

Nach Informationen dvon Morgenpost Online kam der zusätzliche Finanzbedarf bei Qimonda zustande, da der Konzern eigentlich bereits Ende Dezember mit ersten Überweisungen aus dem Hilfspaket rechnete. Wegen der Verzögerung habe man Investitionen nicht vornehmen und so die Produktionskosten nicht drücken können, hieß es. Zudem waren die Preise für Speicherchips weiter gesunken. Dadurch entstand im Rettungskonzept eine Lücke von 300 Millionen Euro.

ddp/AP/ras