Die Erwartungen an den Weltfinanzgipfel in Washington sind immens. Doch gerade deshalb ist die Gefahr groß, dass die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) am Samstagabend ohne allzu bedeutsame Resultate auseinander gehen und dann die Märkte weiter verunsichern. Das Spitzentreffen will ja nicht weniger, als eine historische Zeitenwende einzuläuten: Die Finanzordnung der vergangenen Jahrzehnte soll zu Grabe getragen, die Basis für ein neues, globales System gelegt werden.
Doch zwischen den Teilnehmern gibt es fundamentale Unterschiede. Vor allem über der Frage, wie viel Regulierung und Aufsicht die Finanzmärkte künftig brauchen, scheiden sich die Geister. Regierungsvertreter aus den USA und Kanada warnen, die Finanzkrise dürfe nicht „als Ausrede für Einschränkungen des freien Marktes oder neue Handelsbarrieren“ missbraucht werden. Dagegen rufen die Europäer nach strengeren Regeln, koordinierter Kontrolle und einem globalen Frühwarnsystem.
Auch zwischen Kreditwirtschaft und Politik gibt es eine tiefe Kluft: Wenige Tage vor dem Gipfel hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in einem Brief an US-Präsident George W. Bush und die G20 vor einem zu langen Engagement des Staates im Bankensektor gewarnt. „Hilfspakete dürfen nicht die Grundlage für eine dauerhaft größere Rolle des öffentlichen Sektors im internationalen Finanzsystem sein“, schrieb Ackermann, der auch Chef des Weltbankenverbandes IIF ist. Die Maßnahmen seien notwendig gewesen, um einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern. Sobald Finanzinstitutionen und die Märkte aber wieder normal funktionierten, müsse es Ausstiegsstrategien für den Staat geben. Freier Handel und Kapitalfluss hätten viel zum Reichtum der Welt in den vergangenen 60 Jahren beigetragen.
Der kleinste gemeinsame Nenner wird wohl sein, dass alle Teilnehmer Konjunkturprogramme und Steuererleichterungen gutheißen – und damit die Notfallmaßnahmen der vergangenen und kommenden Wochen. Mehr an Einigkeit würde jedoch an ein Wunder grenzen.
Denn auch wenn es in Europa niemand so deutlich formulieren will, ist die Position doch klar: Die EU will beim Bau der neuen Weltfinanzarchitektur den Planungsstift in der Hand halten. Dafür musste sich Europa aber zunächst mühsam selbst zu einer gemeinsamen Position durchringen.
Gleichzeitig demonstrieren aber auch die USA mit der Einladung nach Washington ihren Führungsanspruch für sämtliche Lösungen, die jetzt erdacht werden. Die bevorstehende Amtsübergabe von Präsident George W. Bush an den Demokraten Barack Obama verkompliziert jedoch jede Entscheidung. Obama wird nicht an den Gesprächsrunden teilnehmen. „Es gibt immer nur einen Präsidenten“, so Obamas Sprecher Robert Gibbs. Bush wird jedoch in dieser Übergangsphase kaum weitreichende Entscheidungen treffen wollen.
China betrachtet die Weltfinanzkrise zwar als innere Angelegenheit, doch ganz versperren kann sich China auch nicht. Denn vor allem die Bemühungen der USA, das Außenhandelsdefizit einzudämmen, könnte direkt auf die Exportwirtschaft durchschlagen – etwa wenn die neue US-Regierung mit Schutzzöllen arbeiten würde. Das Wohlwollen der Amerikaner wird es allerdings nicht gratis geben.




