Industrie

Konjunktur in Deutschland bricht ein

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Viktoria Unterreiner

Die fetten Jahre sind vorbei: Im zweiten Quartal wird die Konjunktur in Europa deutlich einbrechen. Vor allem Deutschland leidet unter der schlechten Auftragslage in der Bauwirtschaft und der gedrosselten Produktion der Industrie. Doch vom Arbeitsmarkt kommen relativ gute Nachrichten.

Die Industrie hat ihre Produktion im Mai so stark zurückgefahren wie seit fast 16 Jahren nicht mehr. Für die Europäische Union (EU) meldete die Statistikbehörde Eurostat einen Rückgang von 1,9 Prozent gegenüber dem Vormonat. Besonders stark war Deutschland mit einem Minus von 2,6 Prozent betroffen. Zusammen mit der verschlechterten Auftragslage in der Bauwirtschaft dürfte das im zweiten Quartal für einen Konjunktureinbruch gesorgt haben. Die Wirtschaft könnte in diesem Zeitraum sogar leicht geschrumpft sein.

So rechnet der Chefökonom des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, mit einem Minus um bis zu 0,5 Prozent. Ein Rückgang beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum Vorquartal sei „so gut wie sicher“, sagte Treier der „Bild“-Zeitung. Damit wäre die deutsche Wirtschaft erstmals seit vier Jahren wieder geschrumpft. Zuletzt hatte sie im dritten Quartal 2004 ein Minuswachstum von damals 0,2 Prozent ausgewiesen.


In den schlechten Zahlen der Industrie sehen Ökonomen eine Trendwende. „Dies ist sicherlich ein Zeichen, dass die Industrie im Euroland ihre besten Zeiten deutlich hinter sich gelassen hat“, sagt Heinrich Bayer von der Postbank.


Auch bei den für Deutschland wichtigen Handelspartnern Frankreich und Spanien sank die Industrieerzeugung um 2,6 Prozent. Die Niederlande verringerten die Produktion sogar um sechs Prozent. Weniger stark machte sich die Abschwächung bei Betrieben in Italien und Großbritannien mit einem Minus von 1,4 beziehungsweise 0,8 Prozent bemerkbar.

Insgesamt haben allerdings die meisten Ökonomen mit einem Rückgang gerechnet. Auch der Chefvolkswirt des Münchner Instituts für Wirtschaftforschung (Ifo), Kai Carstensen, erwartet für April bis Juni einen Rückgang des BIP um 0,35 Prozent. In den ersten drei Monaten des Jahres sei das Ergebnis aber auch überzeichnet gewesen, „so dass im Folgequartal mit einem Minuswachstum zu rechnen war“, sagt Carstensen. Dafür gesorgt hätten unter anderem das milde Wetter und die entsprechend gute Geschäftslage am Bau.

Werner Schnappauf, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), hält einen Rückgang angesichts des starken ersten Quartals für „nicht ungewöhnlich“. Dadurch werde der konjunkturelle Abschwung nicht eingeleitet. Während 2008 noch ein Wachstum von rund zwei Prozent denkbar sei, deute sich jedoch für das kommende Jahr eine „signifikante Abschwächung an“. Die Auftragsentwicklung in der Industrie sei zwar rückläufig, befinde sich aber „auf hohem Niveau“, so Schnappauf. Die Firmen spürten die nachlassende Exportdynamik, die der inländische Konsum nach wie vor nicht ausgleichen könnte.

Für Juni rechnen Ökonomen wieder mit einer leichten Erholung der Industrieproduktion. Auch hier sei das Ergebnis für Mai durch statistische Effekte beeinflusst gewesen. So fiel die Produktion an den Feiertagen zu Pfingsten und Fronleichnam sowie dem Brückentag nach dem 1. Mai geringer aus.

Trotz der schlechteren Auftragslage stellt die Industrie weiterhin neue Mitarbeiter ein. So stieg die Zahl der Beschäftigten im Mai in den größeren Betrieben um 143.200 auf rund 5,3 Millionen., meldete das Statistische Bundesamt am Montag. Das ist ein Plus von 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Vor allem der Maschinenbau sorgte mit einem Zuwachs von 5,9 Prozent für einen Großteil des Jobbooms. Die Metallproduzenten folgten mit 5,1 Prozent.