Es war ein schwacher Trost. Die Gaskunden sind auch bald dran, auf allen Titelseiten konnten sie es diese Woche lesen. Anja Ascheberg und ihr Mann hatten die Wahl, ihr Haus mit Öl oder Gas zu beheizen. Damals, 2003, als sie ihr kleines Reihenhäuschen am Stadtrand von Hamburg kauften, ahnten sie nicht, dass es ihnen im Rückblick wie die Wahl zwischen Pest und Cholera vorkommen würde. 100 Liter Heizöl kosteten am Freitag laut Branchendienst EID 98,25 Euro – so viel wie nie zuvor. Und das Gas, dessen Preis an den Ölpreis gekoppelt ist, folgt dieser Entwicklung nun.
Die Aschebergs entschieden sich für Öl. Nun ist der Tank fast leer, vielleicht sind noch 250 Liter drin. Und der Ölpreis notiert auf Rekordniveau. Anja Ascheberg weiß, dass die Zeit drängt. Vielleicht noch acht Wochen, dann bleibt die Dusche morgens kalt. Die Hamburgerin wird es nicht dazu kommen lassen, sie wird neues Heizöl bestellen. Aber nicht jetzt. Vielleicht fallen die Preise ja noch mal, wer weiß. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Anja Ascheberg, 38 und Mutter eines siebenjährigen Mädchens, macht sich Sorgen, große Sorgen. Und sie ist damit nicht allein. In Tausenden deutschen Familien ist das Thema Energie zurzeit ganz oben auf der Tagesordnung. Sie fragen sich entweder, wie sie die Preissteigerung beim Gas bezahlen sollen. Oder sie haben bedrohlich leere Öltanks im Keller. Früher wurden diese Behälter mit ihrem Fassungsvermögen von nicht selten 5000 Litern randvoll aufgefüllt, wenn das Öl zur Neige ging. Das macht inzwischen so gut wie niemand mehr. Denn heute kostet eine komplette Füllung fast 5000 Euro. Eine solche Summe haben die wenigsten mal eben so auf dem Girokonto. Der jüngste, dramatische Anstieg beim Ölpreis hat die Schmerzgrenze überschritten.
Die Bestellmengen bei Haushalten mit Öltanks fallen
"Die Bestellmengen der einzelnen Kunden fallen seit 2006 deutlich", sagt Klaus Bergmann vom Heizölportal www.esyoil.de. "Noch vor zwei Jahren lagen die monatlichen Durchschnittswerte zum Teil bei 3200 Litern. Für 2008 zeichnet sich ein Wert von nur noch 2000 Litern ab." Ein Drama auch für die Brennstoffhändler, bei denen nur die Masse für ein gutes Geschäft sorgt. Wenn momentan überhaupt jemand bestellt, dann oft die Mindestmenge von meist knapp unter 1000 Litern. Das lohnt oft kaum mehr den Aufwand - Anfahrt, Schlauch ausrollen und anschließen, Tank füllen, Rechnung schreiben und alles wieder abbauen. Der Druck in der Branche ist riesig. "Manche Händler bieten ihren Kunden an, jeden Preis mitzugehen", hat Bergmann beobachtet.
Hubertus Martini kann das bestätigen. Der 39-Jährige aus dem bayerischen Hilpoltstein hat sich bei seiner Bestellung für das Online-Pooling-System von EG-Oil entschieden. Über das Internet werden dort Bestellungen von Kunden aus der gleichen Gegend gebündelt, was den Einkaufspreis um ein paar Cent pro Liter reduziert. Aber natürlich hat er vorher verglichen. "Als ich mich umgehört habe, hat mir ein Händler zugesichert, mir jeden nachweisbaren Literpreis auch anzubieten", sagt der Familienvater, in dessen Haus drei Generationen unter einem Dach leben. Die Verbraucher profitieren vom gnadenlosen Wettkampf in der Branche. Viel haben sie davon jedoch nicht. "Ob ich 90 oder 95 Cent pro Liter zahle, macht nicht mehr den Unterschied", sagt Martini. Das Grundniveau sei zu hoch. Im Herbst hatte er zuletzt den Tankwagen vor der Tür. 800 Liter hat der geliefert, zu 70 Cent pro Liter. Das kam ihm damals teuer vor. Martini setzte auf das Frühjahr. Und hat mit Zitronen gehandelt.
Wenn er jetzt in den Heizungsraum geht, sieht er den Pegelstand der dunklen Flüssigkeit durch die Kunststoffbehälter. "Da ist Ebbe", sagt der gelernte Erzieher. Und weiß nicht, was er tun soll. Manches hat er schon getan. In seinem Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1973 hat er die Heizung vor zwei Jahren erneuern lassen. "7000 Euro hat das gekostet. Einsparungen haben wir nicht beobachtet." Dabei waren die beiden letzten Winter noch eher milde.
Sicher, das Dach und die Fassade müssten erneuert und gedämmt werden. Aber wovon? Martini beobachtet schon jetzt, wie die steigenden Kosten insbesondere für Energie die Lebensqualität seiner Familie beeinträchtigen. "Ausflüge, die man früher wie selbstverständlich unternommen hat, fallen jetzt einfach mal weg", sagt er. An ein neues Auto ist schon gar nicht zu denken. Er hat an allen verfügbaren Stellschrauben für das Budget der Familie gedreht. "Teurer darf das Öl nicht werden."
1998: Ein voller Öltank kostete damals noch 2000 Mark
Das aber wird aller Voraussicht nach passieren. Fossile Brennstoffe sind endlich, und die weltweite Nachfrage nach dem schwarzen Gold steigt ständig. Erst diese Woche verkündete Alexei Miller, Chef des russischen Gazprom-Konzerns, er sehe den Ölpreis mittelfristig bei 250 Dollar. Das sind 115 Dollar mehr als jetzt. Und gut 20-mal so viel wie noch 1998. Andrea Wißkirchen aus München hat noch Rechnungen aus dieser Zeit. "Damals haben wir für 2000 Mark einen vollen Tank gehabt." Heute zahlt sie mit ihrer dreiköpfigen Familie für das Einfamilienhaus aus dem Jahr 1938, das sie seit 13 Jahren bewohnen, 1700 Euro Miete.
"Zusammen mit den Heizkosten und den Preissteigerungen in all den anderen Bereichen frisst uns das auf", sagt die 42-jährige Hausfrau. Urlaub? Letztes Jahr gab es zwei Wochen Toskana. Dieses Jahr: Fehlanzeige. Die Wißkirchens wollen nun mit den Vermietern sprechen, um für das schlecht gedämmte Objekt einen Nachlass bei der Miete herauszuhandeln. Ein fragliches Vorhaben angesichts des angespannten Münchener Immobilienmarktes. Wirklich genießen können sie ihr Häuschen im Grünen kaum noch. "Wir sprechen häufig darüber, ob wir umziehen müssen", sagt Andrea Wißkirchen.
Für Anja Ascheberg ist das keine Option. "Wir wollten etwas Eigenes mit einem großen Garten für unsere Tochter", sagt sie. Die Familie fühlt sich wohl in ihrem 86-Quadratmeter-Reihenendhaus, Baujahr 1962. 2000 Liter Heizöl brauchen sie jährlich. Über ihr Verhalten lässt sich dieser Verbrauch kaum noch optimieren. "Ich bin es seit meiner Kindheit gewohnt, Ressourcen zu schonen", sagt die kaufmännische Assistentin, die sich auch daheim um Wirtschaft und Finanzen kümmert. So wird seit jeher nicht übermäßig lange geduscht, Energie insgesamt mit Verstand genutzt. Den Verbrauch senken, das geht jetzt nur noch per Sanierung.
Das Energiespar-Potenzial bei älteren Häusern ist noch beträchtlich
Damit ist zwar noch manches drin. "Deutsche Haushalte verbrauchen jährlich im Schnitt 20 Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche", sagt Heizölexperte Bergmann. "Heute werden Häuser gebaut, die kommen mit zwei bis drei Litern aus." Und auch wenn Altbauten per Modernisierung nicht ganz diese Werte schaffen, ist das Potenzial noch beträchtlich.
"Nur bezahlen müsste man es können", sagt Anja Ascheberg. Ihr Mann Sven, Regionalleiter in der Hydraulikbranche mit handwerklichem Geschick, macht zwar am Haus vieles selber. Die Arbeitsleistung, die sie unter Umständen von der Steuer absetzen könnten, erbringen sie aber eh selbst. Die staatlichen Anreize laufen bei ihnen ins Leere. Bis sie mit ihrer Trippelschritt-Modernisierung beim wenig energieeffizienten Flachdach angelangt sind, wird dort im Winter noch viel Wärme hindurchströmen.
Und bares Geld in die Atmosphäre blasen, das anderswo besser angelegt wäre. In der eigenen Altersvorsorge, der Ausbildung ihrer Tochter - oder auch einfach im Konsum. Auch bei den Aschebergs wird am Urlaub gespart. Gerade waren sie in der Türkei. Eine Woche Entspannung, wo sie sich einst zwei geleistet haben. Darauf haben sie früher gespart. Heute sparen sie aufs Öl. Denn die prekäre Lage im Brennstoffhandel führt zu ungewöhnlichen Angeboten. "Wir können jetzt auf einen Liefertermin hin monatliche Raten bis zur Hälfte der gewünschten Bestellmenge bei unserem Händler ansparen. Die andere Hälfte zahlen wir danach, auch in Raten", sagt Anja Ascheberg. Bausparen war früher. Heute ist Heizsparen.



