Die privaten Krankenversicherungen (PKV) debattieren monatelang die negativen Konsequenzen der Gesundheitsreform. Es ist von höheren Prämien die Rede, von einem starken Rückgang des Neugeschäfts und von Auswirkungen ungeahnten Ausmaßes.
Umso erstaunlicher, dass die Ratingagentur Fitch den privaten Krankenversicherern nun einen stabilen Ausblick für die kommenden zwölf bis 18 Monate attestiert. "Die Auswirkungen des Wettbewerbsstärkungsgesetzes sind nicht signifikant genug als dass diese einen negativen Ausblick rechtfertigen würden", sagte Axel Großpietsch, Analyst bei Fitch, bei der Präsentation der Studie. Die Ratingagentur vergibt gleich an fünf Versicherungsgesellschaften, die Allianz, Axa, Central, DBV Winterthur und die DKV, ein AA – das zweitbeste möglich zu erreichende Ergebnis. "Die Mehrzahl der Unternehmen steht gut da. Wir gehen trotz Gesundheitsreform nicht von einer Abwärtsspirale aus", sagte Großpietsch.
Auch wenn entscheidende Änderungen erst mit dem Jahreswechsel eingeführt werden. Ab Januar müssen die privaten Krankenversicherer einen Basistarif anbieten, der in etwa die Leistungen der gesetzlichen Kassen umfasst. Hinzu kommt: Altkunden werden in den ersten sechs Monaten des kommenden Jahres die Möglichkeit bekommen, ihre Versicherungsgesellschaft zu wechseln.
"Dann können die Versicherten auch einen Teil der Alterungsrückstellungen mitnehmen - zumindest in Höhe des Basistarifs", sagt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Doch noch ist unklar, ob Kunden, die ihre Versicherungsgesellschaft wechseln, zunächst im Basistarif verharren müssen. Oder ob sie – etwa nach einer logischen Sekunde – direkt in einen höherwertigen Tarif weiterwechseln können.
Dieser Punkt ist im Gesetz nicht geregelt und sorgt hinter den Kulissen für reichlich Diskussionsstoff. Der Verband der privaten Krankenversicherung fordert nach einem Wechsel eine Mindestverweildauer von 24 Monaten im Basistarif. Andererseits – so argumentiert der Verband – würde es zu einer "Risikoentmischung" in bestehenden Versichertenkollektiven kommen.
Schließlich könnten nur Junge und Gesunde in höherwertige Tarife des neuen Unternehmens wechseln. "Nur wenn Versicherte nicht einige Monate oder Jahre im Basistarif verharren müssen, wird es im ersten Halbjahr 2009 richtigen Wettbewerb geben", prognostiziert Analyst Großpietsch.
Mehr Wettbewerb könnte nicht nur aus den eigenen Reihen, sondern auch vonseiten der gesetzlichen Kassen drohen. Etliche Kassen bieten inzwischen Wahltarife an. Vorreiter auf diesem Feld ist die AOK Rheinland-Hamburg. Sie bietet Auslandskranken- und Krankenhaustagegeldpolicen, Zahnzusatztarife sowie Absicherungen für eine Krankenhausunterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer an - und betritt damit ein Feld, das bislang den privaten Krankenversicherern vorbehalten war. Diese wehren sich nun mit einer Klage. "Sollte das Gericht für die AOK urteilen, ist von mehr Angeboten auch anderer gesetzlicher Kassen auszugehen", prognostiziert Fitch.
Doch nicht nur der drohende Wettbewerb, auch höhere Hürden für Neueinsteiger machen den privaten Versicherern das Leben schwer. Denn wer nun in die private Vollversicherung wechseln möchte, muss einen Verdienst von jährlich mehr als 48.150 Euro vorweisen – und das über einen Zeitraum von drei Jahren. Die Konsequenzen für das Neugeschäft der PKV sind unverkennbar: 2007 zählte die PKV nur 59.000 Neukunden – so wenig wie zuletzt 1996. Im Jahr 2006 lag die Zahl der Neuzugänge noch bei 116.000.
Kaum Sorgen sollte der neue Basistarif den Gesellschaften bereiten. Viele Versicherer haben gegen den Basistarif Verfassungsbeschwerde eingelegt. Ganz gleich, wie Karlsruhe urteilt: Der Basistarif wird von einer verschwindend kleinen Zahl von Verbrauchern genutzt werden, prognostiziert Fitch und verweist darauf, dass heute gerade einmal 3300 der rund 8,5 Mio. Privatversicherten im Standardtarif versichert sind.


