Manfred Schell steht auf einer Bühne im westfälischen Borken und ist voll in seinem Element. Der langjährige Chef der Lokführergewerkschaft GDL spricht mit markigen Worten, um das zum Arbeitskampf bereite Publikum anzufeuern. „Barmherzigkeit gegen die Wölfe ist Ungerechtigkeit gegen die Schafe“, wettert Schell gestenreich wie zu Zeiten der großen Bahn-Streiks. Diesmal aber meint der streitbare Gewerkschafter nicht die Lokführer. Diesmal schreit Schell vor wütenden Milchbauern, die ihn vor den tagelangen Lieferboykotts als Einheizer verpflichtet hatten. Schon seit Jahren fühlen sich die Landwirte von Handel und Molkereien ungerecht behandelt.
Die 30.000 Mitglieder des Milchbauern-Verbands BDM haben sich schließlich mit ihren Boykott-Aktionen Gehör verschafft. Viele Handelsketten erhöhten den Preis für Milch und Butter, und Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) berief den Milchgipfel ein, bei dem Bauern, Industrie und Handel über den Milchpreis verhandeln.
Dieser überraschende Erfolg des kleinen BDM setzt nun den 380.000 Mitglieder starken Deutschen Bauernverband (DBV) und seinen Präsidenten Gerd Sonnleitner unter Druck. Der Dachverband widmet dem Thema Milch sogar ein eigenes Fachforum auf dem Deutschen Bauerntag, der am Montag und Dienstag in Berlin stattfinden wird. Einige Branchenexperten werten dies als Versuch, Fehler aus der Vergangenheit auszubügeln. „Der Deutsche Bauernverband hat die Milchbauern über Jahrzehnte vernachlässigt“, sagt etwa Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Indem sich die Milchviehhalter wirksam selbst organisieren, verliere der Bauernverband entgegen der eigenen Erwartung spürbar an Einfluss.
Tatsächlich ist der Ärger an der Basis groß, hat doch der BDM binnen kürzester Zeit mehr für die Milchbauern erreicht als der Bauernverband in mehreren Jahren. Zudem spricht der 1998 gegründete BDM mit seinen Forderungen den Bauern aus dem Herzen. „Der DBV beugt sich dagegen seit Jahren ohne großen Widerstand der Politik“, sagt ein BDM-Bauer aus dem hessischen Limburg. „Für die Milchbauern kann das nicht mehr die richtige Vertretung sein“.
Auch die Fleischerzeuger koppeln sich ab
Viele denken so, und das nicht nur im Lager der Milchbauern. „Der DBV hat offenbar bei der eigenen Klientel ein Wahrnehmungsproblem“, sagt Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrieverbands (MIV). So wurde vor einigen Jahren etwa die Interessengemeinschaft der Schweinehalter gegründet – sie hatte sich durch den Bauernverband nur noch unzureichend vertreten gefühlt. Und erst im April haben rund 350 Züchter und Mäster aus Bayern den Bundesverband Deutscher Fleischerzeuger gegründet. Nach dem Vorbild der Milchbauern soll der Verband höhere Preise durchsetzen, um die deutlich gestiegenen Erzeugerkosten auffangen zu können. Dem Bauernverband habe man dies nicht mehr zugetraut, hieß es auf der Gründungsversammlung.
Weitere Beispiele könnten folgen. Das zumindest glaubt Bärbel Höhn, Vize-Fraktionschefin der Grünen und früher Landwirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen. Höhn zufolge dominieren im Verband die Interessen der großen landwirtschaftlichen Betriebe und der Ernährungsindustrie. „Daher brodelt es gerade bei den kleinen Betrieben“, sagt die Politikerin. Sie sieht den Alleinvertretungsanspruch des Bauernverbandes bröckeln und Sonnleitner und Kollegen immer nervöser werden. Die sind freilich anderer Meinung. „Es gibt keine Teilung in der Vertretung der Landwirtschaft“, sagt Bauernverbands-Sprecherin Agnes Scharl. Man tausche sich stets über Positionen aus, auch wenn es inhaltliche Unterschiede gebe.
Beim Milchstreit hatte es noch bis zum vierten Streiktag verschiedene Positionen gegeben. Erst dann entschloss sich Sonnleitner auf massiven Druck hin, den Boykott zu billigen. Den späten Richtungswechsel erklärt Scharl so: „Wir sind das Sprachrohr der Bauern. Dementsprechend entscheidet unsere Basis über die Position des Verbandes. Diese große Solidarität mit den Streikenden hat sich erst nach einigen Tagen abgezeichnet. Und ab dann haben wir diesen Kurs unterstützt“.
Getreidebauern und Zuckerproduzenten unter einem Dach
Die Unterstützung des radikalen BDM-Kurses ist ungewöhnlich für den traditionsreichen Dachverband, der sowohl für die Milchbauern als auch für Viehzüchter, Getreidebauern und Zuckerproduzenten spricht. In den vergangenen Jahren hatte die Lobbyorganisation fast ausschließlich auf Diplomatie und eine Politik der ruhigen Hand gesetzt. Sonnleitner, selbst Mitglied in einigen Aufsichtsräten wie etwa bei der Messe Berlin, der Münchener&Magdeburger Agrarversicherung, der R+V Allgemeine Versicherung oder der Landwirtschaftlichen Rentenbank, hat dabei ein feines Netzwerk gespannt, auf das er sich offenbar verlassen kann.
Zumindest scheint die Lobbymaschine der Bauernschaft grundsätzlich gut zu funktionieren. Kaum eine Berufsgruppe hat eine derart starke Verankerung in Politik und Gesellschaft. Und für kaum eine andere Branche werden so selbstverständlich Subventionen akzeptiert.
„Das Image der Bauern ist hervorragend“, sagt Gudrun Mahlau, Professorin für Landwirtschaftliche Marktlehre und Agrarmarketing an der Hochschule Neubrandenburg. Selbst die zunehmende Professionalisierung weg vom kleinen Familienhof und hin zu großen Betrieben habe daran nichts geändert. Gerade erst hat eine Emnid-Umfrage ergeben: Für die Deutschen sind Bauern nach Ärzten und Lehrern die wichtigste Berufsgruppe. Den Grund sieht Mahlau in der Sorge um die Versorgungssicherheit: „Die Bauern sind die Ernährer des Volkes.“ Dass laute Aktionen wie der Lieferstreik dauerhaft erfolgreich sein werden, bezweifelt die Wissenschaftlerin. MIV-Geschäftsführer Brandl hofft, dass Mahlau Recht behält. Krawallpolitik habe noch nie langfristig geholfen, sagt der Funktionär.
Das weiß auch der BDM. Zumindest wollen sich die führenden Köpfe der Milchbauern-Vertretung nun wichtige Posten in den genossenschaftlichen und damit von den Bauern selbst kontrollierten Molkereien sichern, um auch gestalten und mitentscheiden zu können.
Der Bauernverband hat diese Sachlichkeit bereits gefunden – und will sich auch nach dem Streik nicht von diesem Kurs abbringen lassen. Sprecherin Scharl erinnert daran, dass der DBV am breitesten aufgestellt ist und sich auch um die großen Themen wie Steuern, Subventionen und soziale Sicherung kümmert – im Gegensatz zu kleinen Gruppen wie dem BDM. „Unser Plus ist die breite Verankerung in der Landwirtschaft“, sagt Scharl.




