E-Mail-Handys

Blackberry-Kaufargument wird zum Boomerang

Blackberry-Handys sollen besonders abhörsicher sein. Doch das stört viele Regierungen – und kommt Hersteller RIM nun teuer zu stehen.

Von Viktoria Unterreiner

Nur zehn Menschen kennen die private Email-Adresse von Barack Obamas Blackberry. Dies gestand der US-Präsident kürzlich in einem TV-Interview. Nun könnte dies eigentlich Grund genug sein, um an die Datensicherheit des Geräts zu glauben. Zumal der Präsident seit langem bekennender Blackberry-Fan ist. Das Gerät sei an seiner Hand festgewachsen, scherzte Obama einmal.

Doch in diesen Tagen hilft dem kanadischen Hersteller Research in Motion (RIM) nicht einmal die Unterstützung seines bekanntesten und vor allem kostenlosen Werbeträgers weiter. Das Unternehmen gerät in immer mehr Streitereien über seinen Umgang mit der Datensicherheit. Den größten Ärger hat RIM dabei mit Ländern, die Freiheit im Netz etwas anders definieren als die meisten westlichen Staaten. So wird Saudi-Arabien an diesem Freitag sehr wahrscheinlich seine Drohung wahr machen und den beliebten Messenger-Dienst abstellen, mit dem Nachrichten zwischen Blackberrys in Echtzeit ausgetauscht werden können. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen im Oktober folgen. Indien will nachziehen und nun hat sich auch noch Indonesien der Liste aufmüpfiger Staaten angeschlossen.

Sie alle stört, dass RIM die Datenströme über eigene Rechenzentren in Kanada und Großbritannien laufen lässt und nicht über lokale Telefonanbieter. Auf diese Weise haben die Regierungen keine Kontrolle über die ausgetauschten Informationen. Blackberrys gelten gemeinhin als besonders sicher, da sie die Nachrichten direkt nach dem Versenden verschlüsseln und dadurch für Spione und Nachrichtendienste unlesbar machen. Dies ist für viele Nutzer auch eines der wichtigsten Kaufargumente. Allerdings bemängeln Kritiker, dass eventuell die Sicherheitsbehörden der beiden Länder, in denen die Server stehen, unbemerkt die Korrespondenz mitlesen könnten.

Somit werden hier zwei Probleme vermischt, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Das eine Problem geht in Wahrheit weit über die Belange des kanadischen Unternehmens RIM hinaus. Im Kern geht es um die Frage, wie viel Freiheit autoritär geführte Staaten ihren Bürgern im Netz zugestehen. Zu welchen Informationen sie ihnen Zugang gewähren und wie frei sich die Menschen untereinander austauschen dürfen. Aus diesem Grund sind vor einigen Monaten bereits der weltgrößte Suchmaschinenanbieter Google und die chinesische Regierung aneinander geraten.

Es mag daher auf den ersten Blick ehrenhaft von RIM sein, hier auf stur zu schalten. Hier ginge es nicht um Blackberry allein, sondern um das Internet an sich, sagte Co-Chef Michael Lazaridis in einem Interview. Im Internet sei alles verschlüsselt. „Wenn sie nicht mit dem Internet umgehen können, sollen sie es halt gleich abstellen“, so Lazaridis. Allerdings hat sich auch die Europäische Kommission angeblich unter anderem aus Sicherheitsgründen gegen Blackberrys für seine 32.000 Mitarbeiter entschieden und stattdessen bei Apple und HTC einen Großauftrag abgegeben. Dies wiederum ist das direkte Problem von RIM – egal ob die Aufträge nun wegen des Umgangs mit den Datenströmen wegfallen oder wegen des vergleichsweise langweiligen Designs. RIM war zwar einer der Pioniere auf dem Markt für Smartphones, die mehr können als nur telefonieren. Doch die Zeiten der unbeschwerten Marktführerschaft sind vorbei.

So kommt RIM auf dem wichtigen US-Markt mit 35 Prozent zwar nach wie vor auf den größten Marktanteil. Allerdings rückt Apple laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen mit 28 Prozent schon gefährlich dicht auf. Sogar der Neustarter Google kommt mit seinem Android-Handy bereits auf neun Prozent.

Apple holt auf

Laut Apple testen 80 Prozent der 100 größten US-Unternehmen das iPhone oder haben sich bereits für das Gerät entschieden. Zwar baut RIM seinen Marktanteil außerhalb der USA weiter aus. Allerdings gelten die amerikanischen Handynutzer generell als Vorreiter von Trends. Und demnach muss ein Handy künftig deutlich mehr können als nur Nachrichten verschicken. Hier hat Apple gegenüber RIM eindeutig die Nase vorn. So haben iPhone-Nutzer eine 30 Mal größere Auswahl an Apps, den Zusatzanwendungen, die vom Mondkalender über diverse Spiele bis hin zum Kochbuch reichen. Mit dem neuen Blackberry-Modell Torch wollte RIM nun eigentlich kontern. In ein paar Monaten soll mit dem „Blackpad“ sogar ein eigener Tablet-Computer folgen. Der Streit kommt für RIM daher zum schlechtest möglichen Zeitpunkt.

Geschäftsleute bevorzugen den Blackberry bislang vor allem aus zwei Gründen. Viele empfinden die Tastatur einfacher zu bedienen als beim iPhone. Zudem ist der Messenger-Dienst ein schneller und unkomplizierter Kommunikationsweg. Wenn nun einige Länder diesen Dienst abschalten, ist das ein großer Nachteil. Viele Geschäftsreisende auf dem Weg von Europa nach Asien machen beispielsweise Zwischenstopp in Dubai. Wer auf den Messenger-Dienst setzt, fühlt sich dann von der Kommunikation abgeschnitten. Auch haben einige deutsche Konzerne wie Siemens oder Daimler Niederlassungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deren Mitarbeiter dürften über diesen Schritt alles andere als erfreut sein.

Aber auch für die betroffenen Länder selbst ist das ein Risiko. Gerade Dubai will sich für die Zeit nach dem Erdöl rüsten und seine Wirtschaft breiter aufstellen. Auf diese Weise machen es sich die Scheichs nicht leichter. Zum einen präsentieren sie ihre Nationen damit nicht als freie und weltoffene Länder. Zum anderen erschweren sie den Unternehmen ihre Arbeit. Gerade im Fall von Dubai ist dies angesichts einer Staatsverschuldung in Höhe von 100 Mrd. Dollar der falsche Schritt, um ausländische Investoren anzuziehen.