Gamescom

EA-Manager sieht in Videospielen ein Kulturgut

Den deutsche Sonderweg im Umgang mit Computerspielen beklagt Electronic-Arts Spitzenmanager Gerhard Florin. Er will die Spiele als Kulturgut verstanden wissen und ärgert sich über Kritiker aus der Politik, die nur Studien aber keine Spiele kennen. Beim deutschen Jugendschutz teilt er richtig hart aus.

Foto: Hersteller / Promo

Morgenpost Online: Auf der Videospielmesse "GamesCom" halten Sie einen Vortrag über die kulturelle Akzeptanz von Spielen. Warum ist das immer noch ein Thema? Spiele sind offiziell Kulturgut, der Bundestag vergibt einen Förderpreis, und dennoch scheinen sie nicht vom schlechten Image loszukommen.

Gerhard Florin: Deutschland geht mit diesem Thema völlig anders um als die übrige westliche Welt und erst recht Asien. Wir fahren im hinteren Teil des Zuges. In Deutschland haben ein Viertel der Haushalte eine moderne Spielkonsole, in Frankreich aber fast 50 Prozent, in England, den USA und Japan sogar fast 100. In Deutschland macht die Videospielbranche 1,6 Milliarden Euro Umsatz, das sind 4 Prozent des Gesamtmarktes der Welt. England, das ja ein kleineres Land ist, erreicht das Doppelte. Videospiele sind eine moderne Industrie, und ein High-Tech-Land wie Deutschland ist nicht einmal annähernd vorn dabei, liegt eigentlich ganz weit hinten.

Morgenpost Online: Was bedeutet das kulturell?

Florin: Spiele sind in Deutschland nicht Mainstream, sie sind es aber längst in allen anderen großen Industrienationen.

Morgenpost Online: Warum werden Spiele hier nicht ernst genommen?

Florin: Die meinungsprägende Altersgruppe über 40 wird von Nichtspielern dominiert, und die setzt die Bedingungen unter der irrigen Annahme, dass alle Spieler Kinder seien.

Morgenpost Online: Sie sind internationaler Manager für über 30 Länder. Wollen Sie sagen, Deutschland habe eine Sonderstellung?

Florin: Ja. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Ablehnung in den großen Medien und eine solche Welle der Kritik, auf der einige Politiker reiten. Meine ausländischen Kollegen fragen mich immer wieder: Was ist eigentlich da los in Deutschland?

Morgenpost Online: Wie erklären Sie das?

Florin: Die Deutschen sind eigentlich nicht technikfeindlich, sie sind nur in dieser Sache sehr zögerlich. Ich habe zwei Söhne, die gehen auf deutsche Schulen im Ausland, wir waren schon in verschiedenen Ländern. Wenn ich mit anderen Eltern rede, mit Engländern oder Franzosen, und meinen Beruf erkläre, wird das als selbstverständlich akzeptiert. Rede ich mit deutschen Eltern, gibt es sofort Fragen und Vorbehalte.

Morgenpost Online: Sind die berechtigt? Sind Videospiele überhaupt eine Kunstform?

Florin: Selbstverständlich. Auch bei Musik oder Büchern würde man immer sagen, manches ist Kunst, anderes nicht. Das gleiche gilt für Spiele. Sie sind nicht nur Programme, sondern in ihnen steckt viel Kreativität, auch Musik oder filmische Elemente. Der Begriff Spielen steht uns etwas im Weg, das klingt für Deutsche nach Kinderkram.

Morgenpost Online: Sie fordern seit Jahren, dass die Bundeskanzlerin die große deutsche Videospielemesse eröffnen soll. Halten sie es für realistisch?

Florin: Nur, wenn immer mehr wahlmündige Bürger Spieler werden. Das dauert länger als in anderen Ländern. Bei uns geht ein Politiker lieber zur Buchmesse, die mit Sicherheit nicht größer ist. Auch die Buchindustrie nicht. Wer für junge Wähler attraktiv sein will, muss die kulturprägende Wirkung von Spielen akzeptieren, auch wenn er Spiele selbst nicht kennt.

Morgenpost Online: Der Jugendschutz ist das große Argument der Spielgegner. Sie wollen Kinder von dem Medium fernhalten.

Florin: Wenn ein Spiel gegen Gesetze verstößt, gehört es verboten, das finden auch wir als Hersteller. Aber praktisch kein Spiel tut das. Und auch eine "Ab 18"-Einstufung ist für uns kein Problem. In Deutschland gibt es aber die Besonderheit, dass die Prüfkommission USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, d. Red.) manchmal die Einstufung ganz verweigert. Dann hat das Spiel im Handel keine Chance, weil die großen Ketten es verweigern. Das ist faktische Zensur und muss aufhören. Es gibt das europäische System PEGI, das alle anderen Länder nutzen, nur wir haben ein eigenes. Unsinn - warum sollte ein deutscher Jugendlicher sich von einem englischen unterscheiden?

Morgenpost Online: Sie vertreten einen Konzern, der vor allem Verkaufsinteressen hat. Wie geht er mit der Lage um, verlegt Electronic Arts sich auf harmlose Spiele?

Florin: Das wäre nicht möglich. Wir brauchen Spiele für alle Altersgruppen, auch Shooter und Action, denn die Nachfrage ist ja stark. Kein Filmstudio würde auf Action verzichten, nur weil die irgendwo in einem Land umstritten ist.

Morgenpost Online: Suchen Sie den Dialog mit Politikern?

Florin: Natürlich. Ich würde aber behaupten, die scharfen Kritiker kennen die Sache nicht, von der sie reden. Die haben alle niemals ein Spiel gespielt. Sie sagen natürlich, ich habe alle Studien gelesen. Meistens suchen sie sich die heraus, die das belegen, was sie gerade brauchen.

Morgenpost Online: Die vertreten aber vielleicht eine Mehrheit der Deutschen.

Florin: Wenn so viele Leute so viel Zeit mit einem Medium verbringen, ist es kulturell prägend. Die Musikindustrie ist kleiner, die Filmindustrie ist kleiner. Jüngere Menschen sind heute mehr durch YouTube und durch Spiele geprägt als durch Spiegel, Stern oder die Tagesschau. Das akzeptieren die Macher der älteren Medien nicht. Dort heißt Kultur immer nur Klassik und Literatur, und dann muss man sich nicht wundern, dass die nachfolgende Generation kaum noch Zeitung liest.

Morgenpost Online: Auf der Messe wird "Heavy Rain" ihres Konkurrenten Sony erwartet, das die Erzählung je nach Spielerentscheidung ständig verändern soll. Es ist in diesem Jahr das einzige avantgardistische Konzept unter den großen Spielen. Ist das nicht eine traurige Bilanz?

Florin: Dieses Spiel soll Emotionen ansprechen, das fehlt in Computerspielen bisher. Ich sehe es aber als Beweis, dass die Szene viel breiter geworden ist. Wir wollen auch Frauen um die 40 ansprechen. Wir tun extrem viel im Online-Bereich, wollen Spieler verbinden. Viele Spiele werden nur die Organisation und Basis bieten, die Spieler erfinden sich ihr Spiel dann selbst. Das wird die Zukunft des Spielens.

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