Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt in ihrem neuen Europa-Gesundheitsbericht den Gesundheitsstatus der Europäer und formuliert Ziele. So sollen die Regierungen etwa sicherstellen, dass jeder Bürger gleichberechtigt Zugang zu medizinischer Versorgung bekommt. Es verändert sich aber mit der Zeit, welche Krankheiten in welchem Maß auftreten. Darüber sprach Wolfgang W. Merkel mit Jürgen Thelen von der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Berliner Robert-Koch-Instituts.

Berliner Morgenpost: Wird die Lebenserwartung weiter steigen?

Jürgen Thelen: Wir beobachten eine allgemeine Lebensverlängerung. Aber die Dynamik ist sehr unterschiedlich. In Westeuropa haben die Menschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten fünf bis sechs Lebensjahre hinzugewonnen, in Osteuropa waren es nur eineinhalb Jahre. Diese Unterschiede können sich aber auch innerhalb eines Landes oder sogar einer Gemeinde zeigen. Beispielsweise liegt die Lebenserwartung der Berliner in den sozial besser gestellten Bezirken rund drei Jahre über jener in den sozial schlechter gestellten. Es besteht also eine gesundheitliche Ungleichheit, die mit ungünstigen sozialen Bedingungen zu tun hat.

Wie kommt diese Ungleichheit zustande?

Die Berliner Gesundheitsberichterstattung zeigt, dass sich in Bezirken mit geringer Lebenserwartung die Risikofaktoren häufen. Es wird dort mehr geraucht und mehr Alkohol getrunken, und man bewegt sich dort weniger, so dass dort unter anderem Herz-Kreislauf-Leiden häufiger sind. Ein ungünstiges Gesundheitsverhalten ist aber nicht nur individuellen Verhaltensweisen zuzuschreiben, es sind auch die sozialen Lebensbedingungen, die zu diesem Verhalten beitragen. Ähnliches beobachten wir beim Vergleich von zentral- und osteuropäischen Ländern.

Sind Ereignisse denkbar, die den generellen Trend zu mehr Lebensjahren kippen könnten?

Solche Ereignisse wurden in der jüngeren Vergangenheit in Europa bisher nur in einigen osteuropäischen Staaten beobachtet. So ist zum Beispiel die Lebenserwartung in einigen osteuropäischen Staaten wegen der gravierenden gesellschaftlichen Umbrüche nach der Auflösung der Sowjetunion regelrecht eingebrochen.

Können Sie grob skizzieren, welche Krankheiten uns in den kommenden Jahren mehr beschäftigen werden?

Mit der Lebensverlängerung geht einher, dass die Alterskrankheiten zunehmen, vor allem Herz-Kreislaufleiden, Krebs und Demenzerkrankungen. Allerdings nimmt die Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs ab. Das heißt konkret: Die Deutschen müssen statistisch betrachtet damit rechnen, eher an Krebs zu erkranken, aber das Risiko, daran letztlich auch zu sterben, nimmt leicht ab. Auch andere Alterskrankheiten wie Diabetes werden häufiger sein. Allerdings gibt es große Länderunterschiede, bei dem was statistisch erfasst wird. Dort, wo das Versorgungssystem schlechter ist, beobachten wir teilweise sehr wenige Diabetesfälle, was nur zum Teil aus den Lebensumständen und der Krankheitsentstehung erklärbar ist. Das liegt daran, dass Diabetes dort unter Umständen gar nicht diagnostiziert wird. Die Menschen sterben dann an einer Diabetesfolge, aber es wird nirgendwo aktenkundig.

Ist die Zunahme der psychischen Erkrankungen real oder werden sie nur häufiger als früher diagnostiziert?

Das ist nicht zweifelsfrei geklärt, es gibt momentan jedenfalls keine eindeutigen Belege für einen tatsächlichen Anstieg. Wir beobachten, dass psychische Erkrankungen häufiger diagnostiziert werden, so dass der Eindruck entsteht, psychische Erkrankungen nähmen zu. Offensichtlich ist die heutige Gesellschaft für psychische Probleme sensibler geworden. Somit ist auch die Bereitschaft bei Patienten und Ärzten gewachsen, sich damit offen auseinanderzusetzen.

Welche Leiden treten in den Hintergrund?

Bei Infektionskrankheiten beobachten wir seit Jahrzehnten einen Rückgang. Sie werden als Todesursachen weiter abnehmen – außer vermutlich bei den Lungenentzündungen von älteren Menschen.

Müssen wir uns auf neue Infektionskrankheiten einstellen, vor allem solche, die aus dem Süden einwandern oder Tuberkulose aus Osteuropa?

Sollten sich Erreger aus wärmeren Regionen wegen des klimatischen Wandels in Deutschland etablieren, könnte daraus eine Gefahr entstehen. Darauf müssen wir reagieren, wir arbeiten daher an einer entsprechenden Strategie, aber im Moment ist es noch kein Problem. Das mögliche Einwandern von Tbc aus Osteuropa müssen wir ebenfalls beobachten. Das Problem ist die Resistenzentwicklung. In Osteuropa und anderen Ländern mit vielen Tbc-Erkrankten kann die Antibiotika-Therapie aus verschiedenen Gründen oft nicht so konsequent durchgezogen werden. Das kann dazu führen, dass die Patienten zu früh aus der Behandlung entlassen werden, so dass einige der Erreger davonkommen; die hatten dadurch Gelegenheit, sich an die Medikamente zu gewöhnen und entwickeln Resistenzen.

Ist Berlin bei Tbc besonders gefährdet?

Berlin ist durch die Zuwanderung aus Osteuropa exponiert. Verglichen mit dem bundesweiten Durchschnitt beobachten wir aber in vielen Ballungsräumen wie auch Hamburg oder dem Ruhrgebiet höhere Tbc-Neuerkrankungsraten. Es ist dabei so, dass ein höherer Migrantenanteil für die höheren Fallzahlen ausschlaggebend ist. Wir wissen aber auch, dass es nicht nur Migranten aus Osteuropa sind, die unter Tbc leiden, sondern auch solche aus südosteuropäischen und afrikanischen Ländern. Insofern teilt Berlin diese Problematik mit anderen Großstädten. Deutschlandweit gesehen hat die Zahl der pro Jahr registrierten Tbc-Erkrankten bis 2008 aber kontinuierlich abgenommen. Seitdem ist sie in etwa stabil geblieben.