Testverbot

EU verbietet Tierversuche für Kosmetik

Puder, Nagellack und Lippenstift: In Europa gilt ab sofort der endgültige Verkaufsstopp für Kosmetikprodukte aus der Herstellung mit Tierversuchen. Doch das Leiden der Tiere geht weiter.

Foto: Getty Images

Das kleine weiße Kaninchen kauert in der Ecke des metallenen Käfigs, seine Augen sind gerötet, die rosa Nase bewegt sich zitternd, wittert. Keinen Finger breit trennt das Tier von der Wand, gegen die es seine Flanke presst. Was man nicht sieht: Da wo flauschiges Fell sein sollte, ist nur noch ein roter Streifen Haut, verätzt durch ein noch nicht benanntes Mittel, das Europas Frauen womöglich einmal in Drogerien und Parfümerien kaufen werden: in Cremes und Lotionen.

Szenen wie diese sollen innerhalb der EU ab sofort der Vergangenheit angehören. Am Montag trat die letzte Stufe des Tierversuch-Verbotes für die Kosmetikbranche in Kraft. Laut des Gesetzes haben Kosmetikfirmen nun nicht mehr die Möglichkeit, ihre Produkte in bestimmten Fällen in einem Nicht-EU-Land an Tieren testen zu lassen. „Europa unterstützt verantwortungsvolle Innovationen“, kommentiert der EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg das Verbot. Er hoffe, dass sich andere Länder weltweit dem europäischen Beispiel anschlössen.

Laut der EU-Kommission werden global jährlich zwischen 15.000 und 27.000 Tiere zu Versuchsobjekten der Kosmetikindustrie. Meistens handelt es sich um Ratten, Mäuse, Meerschweinchen und Kaninchen. Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) begrüßte das EU-Verbot. „Das ist ein wichtiger Schritt für den Tierschutz, dafür haben wir lange gekämpft.“ In Deutschland sind Kosmetik-Tierversuche schon seit 1998 verboten.

Bereits seit 2004 Verbote für kosmetische Fertigprodukte

Auch hatte eine europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen mit einer Kampagne „Nein zu Tierqual-Kosmetik“ jahrzehntelang für das Verbot gekämpft. Schon im September 2004 wurden Tierversuche für kosmetische Fertigprodukte verboten. Seit März 2009 waren auch Tierversuche für kosmetische Inhaltsstoffe sowie die Vermarktung von an Tieren getesteten Kosmetikprodukten und -rohstoffen nicht mehr zulässig – bis auf wenige Ausnahmen, die jetzt auch weggefallen sind.

Für Tierschutzorganisationen in Europa ist das Verbot daher ein großer Erfolg, wurde es doch erstmals bereits 1993 in einer EU-Richtlinie angekündigt. Die Umsetzung dauerte jedoch: „Jetzt ist nach über 20 Jahren zähen Ringens auch die letzte Stufe des hart erkämpften Tierversuchsverbots Wirklichkeit“, erklärt Kristina Wagner von der Akademie für Tierschutz in München. „Das ist ein großer Sieg für alle Tierfreunde.“

Negative Konsequenzen für Unternehmen erwartet sie jedoch nicht. Viele Kosmetikfirmen seien selbst daran interessiert, Alternativen zu Tierversuchen zu finden. „Die Unternehmen wenden Tierversuche ja nicht an, weil sie wollen, sondern weil sie müssen.“ Bereits die ersten Stufen des Verbots seien eine Initialzündung für viele positive Entwicklungen gewesen. So seien mittlerweile für fast alle der früher üblichen Tiertests zur Kosmetikherstellung tierversuchsfreie Alternativen entwickelt worden.

Auswirkungen für neue Produkte

Allerdings warnt der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel, dass sich das Inkrafttreten des Verbots nachteilig auf die Entwicklung neuer Produkte der Kosmetikindustrie auswirken könne. Es könnte dazu führen, „dass innovative Produkte nur noch außerhalb der EU angeboten werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Auch lasse das Verbot eine wissenschaftliche Tatsache außer Acht: Noch längere Zeit würden „ für ein paar wenige, aber sehr wichtige Sicherheitsfragen keine alternativen Testmethoden vorliegen“. Dabei werden viele Tierversuche bereits heute durch alternative Methoden ersetzt. So führen die Forschungsabteilungen der Kosmetikunternehmen gegenwärtig Experimente an Zellkulturen durch.

Der weltweit größte Kosmetikhersteller L’Oréal entwickelte Ende der 80er-Jahre eine Alternative zum sogenannten Hautreizungstest. Dafür wurden ursprünglich geschorene Kaninchen verwendet, um auf den kahlen Hautstellen Chemikalien zu testen. In der Folge litten die Tiere durch schmerzhafte Hautreizungen und Entzündungen Höllenqualen. Die Kaninchen werden mittlerweile durch menschliche Hautmodelle ersetzt, die im Labor nachgezüchtet wurden. Auch mithilfe von Computersimulationen lassen sich Wirkweisen von Stoffen im Körper vorhersagen.

Dennoch werden auch in Zukunft Tiere in Versuchslaboren leiden. Zwar übt das EU-Verbot Druck auf Länder wie China aus, wo Tierversuche für Kosmetika vorgeschrieben sind. Jedoch müssen europäische Unternehmen weiterhin Tierversuche durchführen, wenn sie ihre Produkte auch außerhalb der EU vertreiben. „Das Verbot gilt nur EU-weit“, sagt die Sprecherin des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“, Diplom-Biologin Silke Bitz.

12 Millionen Tierversuche innerhalb der EU

Außerdem gelte das Testverbot nur für Inhaltsstoffe, die ausschließlich für Kosmetika verwendet würden. „Das bedeutet weiterhin reihenweise grausame Tierversuche.“ Auch machen die Tests in der Kosmetik nur einen Bruchteil aller Tierversuche aus. An den mehr als 12 Millionen Versuchen in der EU hätten die für Kosmetik nur einen Anteil von 0,02 Prozent.

Brüssel räumt denn auch ein, dass sich das Versuchsverbot für die Kosmetikbranche in der Realität nicht immer durchhalten lässt: Zahlreiche Substanzen werden nicht nur für Kosmetika, sondern zum Beispiel auch für Medikamente oder Lebensmittel verwendet. Für sie gelten entsprechend andere Regeln. Ein Verbot sämtlicher Tierversuche sei derzeit nicht geplant, da zu diesem Zweck noch weitere Forschung nötig sei, sagte ein Sprecher von EU-Kommissar Tonio Borg. Die EU wolle die Entwicklung von Alternativen aber weiter fördern.

Wirklich sicher, dass Produkte nicht an Tieren getestet wurden, können Verbraucher deswegen kaum sein. Zwar gibt es eine Unmenge von Siegeln, die sicherstellen sollen, dass es sich um Produkte ohne Tierversuche handelt, doch die Organisationen prüfen die Vorgaben kaum nach. Als streng kontrollierte Listen gilt unter anderem die Positivliste des Deutschen Tierschutzbundes.

Der Verein listet Unternehmen, die bereits seit 1979 auf Inhaltsstoffe und Produkte verzichten, die an Tieren getestet worden. Damit wird ausgeschlossen, dass zum Beispiel Cremes als solche nicht an Tieren ausprobiert werden, ihre Inhaltsstoffe aber möglicherweise doch. Kosmetika, die unter diesen strengen Vorgaben hergestellt werden, sind mit einem Logo gekennzeichnet: Es zeigt ein Häschen mit einer schützenden Hand darüber.

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