Darmkeim

Behörden wollen sich auf EHEC-Rückkehr vorbereiten

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Silvia von der Weiden

Bis eine Infektion beim Robert-Koch-Institut gemeldet wird, können schon mal zwei Wochen vergehen: Wichtige Nachrichten werden nämlich per Post ausgetauscht. Das soll anders werden.

Langsam ebbt die EHEC-Seuche ab. Ihre Nachwirkungen werden Verbraucher, Forscher und Behörden noch lange beschäftigen: Wie lassen sich Gefahrenquellen künftig schneller erkennen und Risiken besser minimieren? Klar ist: Verbannen lässt sich der aggressive Keim nicht. Wir müssen auf seine Rückkehr vorbereitet sein.

Seit Anfang Mai sind bundesweit mehr als 3000 Menschen an EHEC erkrankt . Rund 850 von ihnen entwickelten das Hämolytisch Urämische Syndrom (HUS), das bei mindestens 48 Patienten zum Tode führte.

Die europäische Seuchenkontrollbehörde ECDC stuft die Infektionswelle ein als „einen der weltweit schwersten Ausbrüche solcher EHEC-Varianten, die HUS auslösen.“ Mehr Betroffene gab es in einem Industrieland bislang nur in Japan, wo 1996 rund um die Stadt Osaka über zehntausend Menschen erkrankten. Damals wie heute galten roh verzehrte, mit dem Erreger verunreinigte Keimsprossen als Auslöser der Infektionen, bewiesen wurde das aber nie.

Dass Behörden auch trotz intensiver Suche nach der Quelle für die Infektionen im Dunkeln tappen, ist kein Einzelfall. „In Deutschland ereigneten sich in den vergangenen Jahren mehrfach größere Häufungen von HUS-Erkrankungen, ohne dass bislang eine Infektionsursache ermittelt werden konnte“, stellt das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin fest.

Zwar sind EHEC-Fälle meldepflichtig, doch das Infektionsschutzgesetz sieht dabei keine Eile vor. Bis zu zwei Wochen darf es dauern, bis eine Meldung, die ihren Weg vom Arzt über das kommunale Gesundheitsamt und die Landesbehörde nimmt, schließlich beim RKI landet. Dort werden die Erkenntnisse analysiert und bewertet.

Das dem Bundesgesundheitsministerium unterstehende RKI darf indes nur Empfehlungen aussprechen. Die praktische Umsetzung ist Sache der Bundesländer. Experten fordern schon seit Jahren eine Instanz, die im Seuchenfall über die Zuständigkeiten von Bundesländern, -ämtern, -Instituten und -ministerien hinweg, schnell handeln kann.

Bislang tauschen die Behörden wichtige Nachrichten immer noch per Postbrief aus. Das soll künftig schneller gehen, beschlossen die Gesundheitsminister bei ihrem Treffen Ende vergangener Woche. „Das Meldeverfahren muss an die modernen Kommunikationsmöglichkeiten angepasst werden, damit die Informationen darüber, wie sich die Zahlen der Erkrankten entwickeln, schneller verfügbar sind“, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.

Wie so etwas geht, machen die USA vor. Dort analysieren Seuchenexperten im Center for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta täglich die von Praxen und Kliniken elektronisch gemeldeten Befunde. Häufen sich bestimmte Infektionen, wird das sofort erkannt.

Die Behörde weist dann mikrobiologische Labors an, Blut- oder Stuhlproben der Patienten umgehend auf Erreger zu untersuchen. Auf diese Weise kamen 1981 US-Forscher erstmals der Aids-Erkrankung auf die Spur. Der Vizedirektor der Abteilung für Lebensmittelinfektionen, Bakterien- und Pilzerkrankungen am CDC Robert Tauxe rät, ein ähnliches System nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa einzuführen.

Wie wertvoll eine gute Vernetzung ist, demonstrierte die Wissenschaft. Bereits eine Woche nach Eintreffen der ersten Stuhlproben im Referenzlabor des Instituts für Hygiene der Universitätsklinik Münster präsentierte das Team um den Mikrobiologen Helge Karch den genetischen Steckbrief des Erregers. Die Forscher hatten einen molekularen Test entwickelt, der diesen Erregertyps innerhalb von Stunden nachweisen kann.

Die genaue Kenntnis der genetischen Identität des Erregers ist Voraussetzung dafür, gezielt Medikamente einsetzen zu können. Antibiotika, die sonst gegen Bakterien zum Einsatz kommen, sind keine Waffe gegen EHEC-Erreger.

Diese werden zwar abgetötet, doch dabei wird das starke Toxin frei, dessen Bauplan die Mikroben bereits vor Jahrzehnten von Shiga-Bakterien übernommen haben. Aus dem Darm von Patienten gelangt das Shiga-Toxin in den Blutkreislauf und überschwemmt vor allem die Gefäße in Nieren und Gehirn. Für den Patienten besteht dann höchste Lebensgefahr durch mehrfaches Organversagen.

In höchster Not entschlossen sich Kliniken zu einem gewagten Schritt. Sie setzten das Antikörper-Medikament Eculizumab ein, das nicht für die Behandlung von EHEC-Infektionen zugelassen ist. Es dämmt die massiven Blutungen ein. Es war erst in Einzelfällen eingesetzt worden, um Patienten mit ähnlichen Symptomen zu retten.

Nachdem hierzulande erste Fälle von HUS-Erkankungen bekannt wurden, stellte das Fachblatt „New England Journal of Medicine“ die bei ihm eingereichten Studien umgehend online, so dass die Ärzte darauf zugreifen konnten.

Auch die Pharmaindustrie zog mit und stellte das Antikörper-Medikament kostenlos zur Verfügung. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie wurden damit 100 bis 150 Patienten behandelt. Der Hersteller, das US-Unternehmen Alexion, will nun eine Zulassung für die EHEC-Therapie beantragen.

Antikörper entwickelt

Auch ein deutsches Unternehmen hat ein Medikament gegen die Killerkeime entwickelt. Wie die Firma Biotest aus Dreieich bei Offenbach mitteilt, seien Studien mit dem Antikörper-Medikament Pentaglobin am Institut für Hygiene der Universitätsklinik Münster „hoffnungsvoll“ verlaufen.

Die Tests zeigten, dass die Antikörperlösung das gefährliche Shiga-Toxin bindet. Aufgrund der bisher nur vereinzelten Anwendung bei EHEC-Patienten gibt es noch keine abschließenden Ergebnisse. Es zeichnet sich gleichwohl ab, dass bald Medikamente zur Verfügung stehen werden.

Das entbindet jedoch nicht von der Ursachenforschung und der Prävention von EHEC-Infektionen. Der Fund von EHEC-Keimen in einem Frankfurter Bach zeigte, dass die Gefahr auch aus dem Wasser drohen kann.

Bei der Suche nach Verbreitungswegen sind auch Kläranlagen in Verdacht geraten. Sie leiten das vollständig gereinigte, oft jedoch noch nicht keimfreie Abwasser in Flüsse. Viele Städte in Flussnähe gewinnen jedoch ihr Trinkwasser aus dem Uferfiltrat. Abwasser enthalte immer auch Krankheitserreger, vor allem von solchen Krankheiten, die in der Bevölkerung gerade grassierten, kommentierte der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Jochen Flasbarth den Fund.

Bereits zuvor hatte sich der Vorsitzende der Trinkwasser-Kommission des UBA, Martin Exner, vor einer Gefahr durch eine mikrobiologische Belastung des Trinkwassers gewarnt. Nach der Tagung der Trinkwasserkommission am 22. Juni ruderte das UBA jedoch zurück: „Für eine Verbreitung von EHEC direkt mit dem Trinkwasser gibt es keine Anzeichen. Vielmehr ist Trinkwasser als Ursache unwahrscheinlich.“

Anders sieht das beim Baden in nicht ausgewiesenen Badegewässern aus. Darunter sind viele Flüsse, Teiche und Bäche, da sie nicht regelmäßig auf keimfreie Wasserqualität überprüft werden. Wer gern in der Natur badet, sollte sich vorher über die Qualität des Badegewässers informieren, rät das UBA.