Darmkeim

Was von EHEC übrig blieb

| Lesedauer: 11 Minuten
Ulrich Exner

Foto: Roland Magunia

Ein Keim sorgte vor sechs Monaten für Aufsehen - 53 Menschen starben. Seinen Anfang hatte die Krankheit im Norden Deutschlands genommen, Sprossen waren die Überträger. Morgenpost Online hat sich auf eine Spurensuche in Norddeutschland begeben.

Maximilian und Johannes. Zwei Brüder, die fröhlich machen. Die herumtollen im Hoisdorfer Herbstlaub und auch ihre Mutter Stephanie wieder richtig ärgern können. Die hatte sich sehr große Sorgen gemacht um ihre damals zwölf- und 13-jährigen Söhne. Wie zwei Häufchen Elend lagen die beiden wochenlang auf der Kinderstation, mit dem HU-Syndrom (HUS), der schweren Verlaufsform der EHEC-Erkrankung. Sie hatten sich auf einer Konfirmationsfeier in Cuxhaven infiziert. Pastete mit Sprossen obendrauf. „Iss, die sind gesund“, hatte die Mutter noch empfohlen. Ihr ist das heute noch unangenehm.

Erst ganz Hamburg, dann ganz Deutschland bangte mit ihren beiden Kindern. Maximilian (14) und Johannes (heute 13), in ihren Krankenbetten im Hamburger Uniklinikum, Schläuche, Infusionsbeutel, ein paar Comics; genervt, zuletzt auch zermürbt von der Krankheit, vom ständigen Durchfall. Bei Johannes fürchteten die Ärzte, dass bald die Nieren versagen würden. Dialyse. Das Bild der beiden kleinen Patienten ging um die Welt. Wenn man so will, wurde die Öffentlichkeit durch dieses Bild erst aufmerksam auf die Gefahr, die der EHEC-Keim nach Norddeutschland brachte.

Alle drei Monate müssen sie jetzt noch ins UKE zur Nachsorge, zur Kontrolle. Um sicherzustellen, dass der Keim nicht Spätfolgen hervorbringt. Einen Keim, den man in Hamburg schließlich nicht mehr mit Blutwäsche und Plasmatausch bekämpft hat, sondern mit einem künstlich generierten Antikörper namens Eculizumab. Der hat den beiden, das kann man nicht anders vermuten, sehr geholfen beim Wiedergesundwerden. Und das ist nun auch so eine Geschichte, die man kaum glauben kann.

Hamburg: der Nierenspezialist

Professor Rolf Stahl sitzt in seinem winzigen Professorenzimmer in der Hamburger Uniklinik vor dem Computer. Auf dem Bildschirm sind ein paar Grafiken zu sehen, die eine kleine Sensation spiegeln: das Ergebnis einer Studie, in das die Krankheitsverläufe von 150 HUS-Patienten eingeflossen sind. Die Lage der Erkrankten hatte sich seit dem Einsatz des Antikörpers Eculizumab dramatisch verbessert. Im Nachhinein ein kaum zu fassender Glücksfall.

Eculizumab, ein bei erwachsenen Patienten bis dahin nicht ein einziges Mal erprobtes Medikament, war so etwas wie Rolf Stahls letzte Hoffnung. Die einzige verbliebene Chance für jene EHEC-Patienten, bei denen sich partout keine Besserung einstellen wollte. Im Gegenteil. Die Lage war dramatisch an jenem letzten Maiwochenende, an dem sich Rolf Stahl entschied, Eculizumab einzusetzen. Das hieß ja gleichzeitig, das bisherige Mittel der Wahl, den Plasmaaustausch, einzustellen. Also alles auf eine Karte zu setzen. Aber das ahnte außerhalb der Kliniken niemand. Was das für ein Alles-oder-nichts-Spiel war, das die Mediziner da gerade betrieben. 96 Stunden würde es dauern, bis man erkennen konnte, ob dieses Manöver erfolgreich sein könnte. Vier Tage, die für Professor Stahl, die für das ganze UKE-Team „die schlimmsten“ waren. Man kann sich die Erleichterung der Mediziner vorstellen, als das Medikament dann sogar etwas früher als erwartet anschlug. Die Zahl der lebensgefährlich Erkrankten sank von da an rapide.

Hannover: der Spürnasenminister

Noch einer, der nicht ganz unzufrieden ist. Gert Lindemann (64), Niedersachsens Landwirtschaftsminister. Erst Anfang des Jahres ins Amt gekommen, nach einer kurzen, wenig ministrablen Vorstellung seiner Vorgängerin, und so etwas wie der politische Held der EHEC-Krise. Nach wochenlangen Warnungen vor Gurke-Tomate-Salat als Quelle der Epidemie war es Lindemann, der mit seinen tierseuchenerprobten Lebensmittelkontrolleuren Sprossen als wortwörtlichen Keim des Übels identifizierte. Er hat für diesen Alleingang nicht ausschließlich Beifall bekommen, schon gar nicht aus Berlin, wo Gesundheitsminister und Verbraucherschutzministerin dumm dastanden.

Doch wenn man Lindemann fragt, was falsch gelaufen ist und was man anders machen sollte, wenn der nächste Keim die Republik in helle Aufregung versetzt, sagt er relativ zahme Sätze. Dass es vielleicht ein wenig zu lange gedauert habe, bis die Gesundheitsverwaltung mit dem Verbraucherschutz zusammengearbeitet hat. Dass sich das Robert-Koch-Institut vielleicht ein wenig zu lange auf Tomate-Gurke-Kopfsalat fixiert habe. Unterm Strich – aber den zieht natürlich nicht Lindemann – ist seine knappe Bilanz nicht zwingend dazu angetan, die jüngsten Forderungen des Bundesrechnungshofs nach mehr Kompetenzen ausgerechnet für den Bund zu unterstreichen. Sie gleicht eher einer Ohrfeige für das Berliner Gesundheitsministerium. Und für das zuständige Robert-Koch-Institut, das die Sprossen nach wenigen Tagen von der Verdachtsliste gestrichen hatte.

Bienenbüttel – der Gärtnerhof

Der Gärtnerhof in Bienenbüttel, nicht weit entfernt von Lüneburg. Menschenleere. Man drückt auf den Knopf einer Klingelanlage. Ein Anrufbeantworter springt an. Man öffnet die Pforte, geht vorsichtig auf das Grundstück. Ist da jemand? Man verlässt das Grundstück wieder. Dann kommt doch noch jemand. Frau K., die nicht möchte, dass ihr Name in der Zeitung steht. Sie wohnt seit Langem auf dem Gärtnerhof. Er ist ihr Leben.

Der Gärtnerhof war nie ein kommerzieller Betrieb, eher eine Lebensform. Man ernährt sich „vegan“, also streng ohne tierische Produkte, man unterstützt Karlheinz Böhms Stiftung Menschen für Menschen. Ein Idyll aus dem esoterischen Bilderbuch, das sich über biologische Landwirtschaft finanzierte, vor allem aber über den Anbau von Sprossen. Das war die Haupteinnahmequelle. Man muss sich also nicht wundern, dass Frau K. anfängt zu weinen, wenn sie über den EHEC-Ausbruch erzählt und darüber, dass es ausgerechnet der Gärtnerhof gewesen sein soll, von dem diese Epidemie ausging. Von hier aus sollen jene verunreinigten Bockshornkleesprossen in den Handel gelangt seien, die die Krankheitswelle ausgelöst haben. Die Behörden haben daran überhaupt keinen Zweifel mehr. Ermittlungen der Task Force EHEC, so steht es im Abschlussbericht des Robert-Koch-Instituts zu der Epidemie, ergaben, „dass 41 von 41 gut dokumentierten Lokalitäten, an denen jeweils mehrere Erkrankungsfälle exponiert waren, Sprossen des Betriebs ,A' in Niedersachsen bezogen hatten“. „A“ steht für den Gärtnerhof.

Die Leute dort mögen das immer noch nicht glauben. Sie haben einen Anwalt beauftragt, gegen diesen Verdacht anzugehen. Das Verwaltungsgericht in Lüneburg muss nun klären, ob die Sperre, die die Behörden im Juni für sechs Wochen über den Betrieb verhängt haben, rechtens war. Andersherum rechnet der Gärtnerhof mit Schadenersatzklagen gegen den Betrieb. Und erst letztens erhob ein Hygienefachmann den Vorwurf, Toiletten und Wasserbrunnen des Gärtnerhofes lägen zu dicht zusammen, dies sei wohl die Ursache der ganzen Epidemie. Man steht hier also immer noch mit dem Rücken zur Wand, elf von ehemals 15 Mitarbeitern haben keine Arbeit mehr. Sprossen werden hier wohl nie mehr gezogen. Immerhin: Der kleine Obst- und Gemüsestand wird jetzt wieder aufgebaut, in Lüneburg, neben dem Rathaus. Aber so wie früher wird es hier draußen nicht mehr.

Lübeck – im „Kartoffelkeller“

In den Gewölben des historischen Heiligen-Geist-Hospitals ist man da schon etwas optimistischer. Mit dem „Kartoffelkeller“, in dem sich im Mai eine Reisegruppe mit dem gefährlichen Keim infiziert hatte, geht es ein halbes Jahr nach dem EHEC-Einbruch wieder bergauf. Man kann auch wieder Holsteiner Salat bestellen mit allem drum und dran. Nur die Sprossen fehlen. Aber dafür kommt man ja auch eigentlich nicht in ein Lokal, dessen Spezialität „Lübsches Gelage“ heißt und dessen Höhepunkt wiederum „Gewürzkrustenbraten von der Altländer Sau“ ist. Christian Berger, der Juniorchef, weiß zwar noch nicht genau, ob das nun an der Konjunktur liegt oder am nahenden Weihnachtsgeschäft, aber in dem rustikalen Restaurant in der Lübecker Altstadt brummt es wieder ordentlich. Nein, Angestellte habe man keine entlassen müssen. „Wir haben alle gehalten“, sagt Berger nicht ohne Stolz. Auch finanzielle Probleme habe es durch EHEC nicht wirklich gegeben, „weil die Hausbank die Füße stillgehalten“ habe.

Ratzeburg: Die glückliche Familie

Wenn man mal ein richtiges Happy End sehen möchte, mit Lebensglück und Freude, dann muss man nach Ratzeburg fahren in den Blumenladen Gänseblümchen. Drinnen, kurz nach Ladenschluss, warten sie schon. Manuela Wilke, ihr Lebensgefährte René und Clara-Marie im Maxi-Cosy, so glücklich. Nach alledem.

Im Mai, mitten in der Schwangerschaft, hatten sich die beiden den EHEC-Keim eingefangen. René Wilke steckte das schnell weg, bei seiner Lebensgefährtin wurden die Symptome immer schlimmer. Die Ärzte holten ihr Baby vier Wochen vor der Zeit auf die Welt, während sie mit dem HU-Syndrom rang. Blutwäschen, neurologische Anfälle, Manuela Wilke kämpfte und kämpfte. Wochenlang durfte sie ihr Baby wegen der Infektionsgefahr nicht in den Arm nehmen. Nicht anfassen, nicht küssen, gar nichts.

Inzwischen fühlt sich Clara-Marie sichtbar wohl in den Armen ihrer Mama. Drei Wochen hatte sich die kleine Familie nach Manuela Wilkes Entlassung erst einmal zu Hause verbarrikadiert, keinen reingelassen und sich selbst genossen. Inzwischen ist der Alltag zurückgekehrt. Clara-Marie ist ein braves Mädchen geworden, das seine Eltern sogar durchschlafen lässt. Na, meistens jedenfalls. Morgens begleitet es seine Mama regelmäßig auf den Blumengroßmarkt. Ihre Lieblingsfarben sind eindeutig Rot und Orange. Anfang Dezember wird sie dann Günther Jauch kennenlernen, in dessen Jahresrückblick (RTL, 4. Dezember, 20.15 Uhr). Er sollte, dieser Tipp mag erlaubt sein so unter Kollegen, ein paar frische Windeln parat halten.

EHEC Epidemie

Wie sie begann: Anfang Mai wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) die ersten schweren Darminfektionen gemeldet. Zunächst nicht ungewöhnlich, denn im Schnitt infizieren sich pro Jahr 1000 Menschen mit dem EHEC-Keim. Doch die Zahl stieg rasant an – vor allem in Norddeutschland.

Wie sie wirkte: Die Nieren der Betroffenen versagten. Krampfanfälle. Verwirrung. 3842 Menschen erkrankten, 855 litten am HU-Syndrom, 53 starben. Als Auslöser wurden erst Tomaten, Gurken und Salat verdächtigt. Bauern, Gemüsehändler, Restaurantbesitzer machten herbe Verluste.

Wie sie endete: Anfang Juni geraten Sprossen aus Niedersachsen in den Verdacht, den Keim verbreitet zu haben. Wenig später wird der Beweis erbracht. Die Warnung vor dem Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat wird aufgehoben. Im Juli erklärt das RKI die EHEC-Epidemie für beendet.

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