Textilforschung

Wie aus Bettwäsche textiles Viagra werden soll

Nanokapseln in Textilien sollen gegen Cellulitis helfen oder die Bettwäsche erotisch duften lassen. Die Technik ist raffiniert – und birgt Risiken.

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Verdutzte Blicke sind dieser Bettwäsche gewiss: Ab Herbst will die französische Einzelhandelskette Carrefour einen erotisierenden Baumwollbezug ins Sortiment bringen. Ein textiles Viagra gewissermaßen. Ätherische Öle und anregende Gewürzdüfte sorgen für intensiveren Sex, behauptet Technologiemanager Raymond Mathis vom Chemieunternehmen Cognis in Monheim. Aus seinem Betrieb stammen Duftmischung und Technik, die die Laken in ein Erlebnis verwandeln sollen.

Die Bettwäsche ist der neueste Schrei der Kosmetotextilindustrie, die Kleidung und Kosmetik kombiniert. Etwa in nach Vanille duftenden Unterhosen, Anti-Cellulitis-Jeans oder kühlenden Sportshirts.

Für die Verbraucher ist dies ein undurchsichtiger Markt. Er wächst langsam, aber sicher - obwohl niemand wirklich weiß, ob die Produkte ihre Versprechen halten. "Kosmetik ist bei unseren Socken und Strumpfhosen inzwischen Standard", sagt Sprecherin Cornelia Kirchhelle vom Unternehmen Kunert. Geforscht wird in Immenstadt am Anti-Cellulitis-Beinkleid und an der textilen Fußpflege für den Mann. Die Kunden erwarten dies, sagt Kirchhelle.

Meeresalgen, Vitamin E, Aprikosenöl und Shea-Butter streichen die Strumpfhosen des Konkurrenten "Nur Die" den Damen auf die Beine. Grapefruitduft im Nylon sollen erfrischen, Silberionen und andere antibakterielle Zutaten unterdrückten den Schweißgeruch, sagt Marketingleiterin Sandra Riße.

Doch kosmetische Zusatzstoffe sind nicht unumstritten: Für Nanosilber in Konsumerprodukten, wozu auch Socken zählen, forderte das Bundesinstitut für Risikobewertung jüngst einen Verzicht der Hersteller. Gesundheitliche Risiken könnten nicht ausgeschlossen werden. Denn die winzigen Partikel gelangen von der Kleidung auf die Haut - und dann in die Zellen. Wie sie sich darin verhalten, ist unklar. Doch die Kennzeichnung auf den Kosmetotextilien ist durchweg zurückhaltend. Wer Etikett oder Verpackung nicht aufmerksam studiert, bemerkt den unsichtbaren Inhalt womöglich gar nicht.

Wohin die Branche strebt, demonstriert der französische Hersteller Lytess, der seit 2003 sein Geld nur mit Kosmetotextilien verdient. 2007 meldete Lytess einen Umsatz von knapp fünf Millionen Euro. Leggins, Korsagen und Pantys sollen cremen, liften, schlank machen. "Am gefragtesten sind zurzeit Produkte gegen Orangenhaut", sagt Mathis. "Wenn man sich den Po und den Oberschenkel jeden Morgen eincremt, ist man eine Weile beschäftigt. Kosmetotextilien machen nicht so viel Arbeit. Einfach anziehen, fertig."

Die Wirkstoffe sind im Stoff dieselben wie in der Tube: Coffein, Retinol und Algenextrakte sollen die Hautdellen glätten. Das Eincremen wird durch permanentes Reiben und Komprimieren des Textils ersetzt. Mikrokapseln auf dem Stoff platzen und geben die Wirkstoffe frei, erklärt Textilchemiker Jan Beringer von den Hohenstein Instituten in Bönnigheim. "Die Kapseln gehen Schritt für Schritt kaputt." Nach sechs Woche in einer Anti-Cellulite-Strumpfhose hätten die Frauen durchschnittlich acht Millimeter Oberschenkelumfang verloren, sagt Mathis. "Ob das viel ist oder nicht, ist eine andere Frage."

Unabhängige Studien, die einen Hauch von Wirkung belegen, gibt es allerdings nicht. Sie werden durchweg von den Herstellern in Auftrag gegeben. "Ich glaube eher nicht an eine Wirkung", sagt Chemiker Detlef Kusche von der Umweltanalytik- und Forschungs GmbH, der Muster der Branche auf Inhaltsstoffe untersucht. Genauso wenig wie normale Kosmetik Orangenhaut vertreibt, werde auch die neuartige Kleidercreme keine Wunder vollbringen.

Und noch einen Unterschied gibt es zwischen Kosmetik aus der Tube und der aus dem Textil: Die Kleidung verliert mit jedem Waschgang ihre Pflegeprodukte, sie entleert sich - und der Kunde bekommt das nicht mit. Besonders leicht werden Substanzen wie Jojobaöl ausgewaschen, die im Tauchverfahren auf die Fasern aufgezogen wurden. Kosmetika, die als Mikrokapseln im Gewebe fixiert sind, halten etwas länger: Nach zehn Wäschen sei noch ein Drittel der ursprünglichen Menge im Textil, erklärt Mathis. Theoretisch kann man die Pflegestoffe zwar durch Aufsprühen nachladen, aber Nachfüllpackungen sind bislang ausgesprochen selten im Handel zu finden.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Kosmetika gelten für die Wirkstoffe in Bekleidung keine speziellen Verbote oder Auflagen. "Werden die Werbeaussagen nicht erfüllt, können die Produkte nicht aufgrund der irreführenden Angaben beanstandet werden", schreibt das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf seiner Internetseite.

Bis 2005 untersuchte die Behörde Kosmetotextilien und stellte fest, dass die Duftstoffe bei manchen Personen zu Allergien führen können. Mittlerweile wurden die Analysen allerdings eingestellt und an das Landeslabor Berlin-Brandenburg übergeben. Dort liegen aber noch keine Ergebnisse vor.

Beruhigend ist das für den Verbraucher nicht. Keiner weiß, ob von der Dauercremekur aus Socke oder Unterhose Risiken ausgehen. Hersteller wiegeln ab. "Es sind derzeit keine Risiken bekannt", schreibt "Nur Die". Die kosmetischen Pflegestoffe würden dermatologisch getestet. Bei Kunert räumt man ein, dass es grundsätzlich Allergien gegen Jojobaöle, Ginkgoextrakte und Aloe Vera geben könne.

Mathis setzt sich deshalb dafür ein, dass für die Textilien die EU-Kosmetikrichtlinie gelten soll und Verträglichkeitsstudien durchgeführt werden. Die Substanzen sollen wie auf Tiegel und Tube in absteigender Reihenfolge ihres Gehaltes mit vollem Namen auf dem Etikett oder der Verpackung stehen. "Wir wollen uns abgrenzen von unseriösen Krautern", sagt Mathis. "Es dürfen keine Gifte im Textil sein."

Gesetz ist das aber nicht. Und so brüten kreative Köpfe über immer neuen, verrückten Produkten. Einen Sonnenschutz zum Anziehen haben Forscher an den Hohenstein Instituten entwickelt. Titandioxidpartikel werden mit Polyurethan oder Acrylaten als Kleber auf Blusen und Hemden aufgetragen. Wie kleine Spiegel reflektieren sie das UV-Licht. Für ein anderes Produkt hat das Institut noch keinen Partner gefunden: Ein Pyjama soll die Haut auf das Sonnenbaden vorbereiten und nachher dann entspannen. Wenn dieser Schlafanzug nur ja nicht die Wirkung der Erotikbettwäsche zunichtemacht.

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