Schweissgeruch

Hightech-Textilien als Geheimwaffe gegen Stinkefüße

Innovation in der Kleidungsindustrie: Neue Hightech-Textilien töten Keime ab. Dadurch verhindern sie sogar Schweißgeruch – dennoch sind sie umstritten.

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Keimtötende Socken, Hemden und Hosen haben Konjunktur: Die Angst vor Krankheitserregern, Keimen und auch Körpergeruch bereitet Produkten aus antimikrobiellen Textilien den Boden. Im medizinischen Bereich ist ihr Einsatz, etwa bei Neurodermitis-Patienten oder auch zur Infektionsprophylaxe, relativ unumstritten.

Die Kleidung soll aber auch ein ganz triviales Problem angehen: den lästigen Schweißgeruch. Immer mehr Sportartikel mit „Anti-Smell-Ausrüstung“ drängen auf den Markt. Sie sollen die Vermehrung jener Bakterien verhindern, deren Stoffwechselprodukte den unangenehmen Schweißgeruch erzeugen. Und während viele Verbraucher die Innovation begeistert annehmen, haben andere Bedenken, dass die Textilien auf Dauer der Haut schaden könnten.

Die Verfahren der Hersteller sind unterschiedlich. Einige nutzen chemische Zusätze wie sogenannte quartäre Ammoniumsalze, verschiedene Varianten des Biopolymers Chitosan, Isothiazoline oder das Desinfektions- und Konservierungsmittel Triclosan.

Letzteres wird mittlerweile allerdings aufgrund möglicher - wenn auch nicht nachgewiesener - gesundheitsschädlicher Auswirkungen praktisch nicht mehr eingesetzt: „Triclosan ist seit etwa fünf bis sechs Jahren mehr oder weniger vom Markt verschwunden“, erklärt Dirk Höfer von den Hohenstein Instituten, einem internationalen Textilforschungszentrum im baden-württembergischen Bönnigheim.

Ohnehin setzen nicht mehr viele Hersteller auf die chemische Ausrüstung. Stattdessen statten sie ihre Hightech-Textilien mit dem Edelmetall Silber aus. Etwa 90 Prozent aller antimikrobiellen Kleidungsstücke sind nach Schätzung von Höfer damit behandelt.

Es wird entweder in Form von feinen Fäden in die Textilien eingewebt oder aber die Fasern werden mit Silberpartikeln durchsetzt. Das Wirkprinzip ist das gleiche: „Silberionen wirken auf dreifache Weise“, erklärt Höfer. Erstens greifen sie das Erbgut der Bakterien an, zum zweiten blockieren sie wichtige Enzyme in den Mikroben und drittens durchstoßen sie die bakterielle Außenhülle.

Silber sei sehr wirkungsvoll, bestätigt auch Martin Mempel, leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Georg-August-Universität in Göttingen. Bei Neurodermitis kann das bakterientötende Edelmetall nahezu Wunder wirken, wie mehrere Studien zeigten.

„Durch das Tragen antimikrobieller Kleidung verbessert sich das Hautbild der Patienten schon binnen weniger Wochen“, berichtet Mempel. Der Grund: Die Silberionen greifen Staphylococcus aureus an, einen Keim, der bei der Hauterkrankung typischerweise zu finden ist.

Ob sie gleichzeitig auch der natürlichen Hautflora zu schaffen machen, ist dagegen bislang unklar. „Das spielt aber in der akuten Phase keine entscheidende Rolle“, meint der Dermatologe. „In erster Linie geht es darum, diese krankmachenden Keime abzutöten, damit sich die normale Hautflora wieder ausbreiten kann.“

Bei Gesunden ist es dagegen nicht unwichtig, ob die natürliche Hautflora durch das keimhemmende Silber in der Sportkleidung beeinträchtigt wird oder nicht. Denn die Milliarden von Bakterien und Pilzen auf der Haut spielen eine wichtige Rolle in der körpereigenen Infektabwehrmaschinerie und halten potenziell krankmachende Keime unter Kontrolle. Doch obwohl die Kleidung schon seit Jahren auf dem Markt ist, gibt es bisher kaum Untersuchungen zu ihren Einfluss auf die mikrobiellen Untermieter.

Eine der wenigen Studien hat Dirk Höfer erst kürzlich abgeschlossen: Insgesamt 60 Probanden trugen darin über einen Zeitraum von vier Wochen mindestens acht Stunden täglich speziell gefertigte T-Shirts, die auf der einen Seite mit antimikrobiellen Silberfasern durchsetzt waren, während die andere Seite unbehandelt blieb.

Woche für Woche untersuchten die Forscher die Mikroorganismen auf der Haut sowie deren Mikroklima - die dünne Schicht zwischen Hautoberfläche und Textil, in der sich ein charakteristischer Feuchtigkeitsgehalt sowie eine bestimmte Luftströmung und Temperatur einstellen.

Den Wissenschaftlern zufolge gab es zwischen den beiden Shirt-Hälften keinen Unterschied: Sowohl Hautflora als auch Mikroklima blieben unter dem silberhaltigen Stoff unverändert. Die Forscher sehen daher keine Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen durch die antimikrobielle Kleidung.

Eine andere Frage können sie dagegen noch nicht beantworten - und zwar die nach der Resistenzbildung. Viele Bakterien lernen nach regelmäßigem Kontakt mit für sie eigentlich tödlichen Substanzen, diese zu entschärfen. Ob auch Silber solche Resistenzen hervorrufen kann, ist bisher nicht klar. Höfer hält das allerdings für eher unwahrscheinlich: „Schließlich leben unter einer Silberbrosche auch Tausende von Bakterien, die direkten Kontakt mit dem Edelmetall haben und keine Resistenzen entwickeln.“

„Das Problem ist, dass die Produkte auf den Markt gebracht und erst später Studien hinterhergeschoben werden, die klären sollen, ob es vielleicht doch gesundheitsschädigende Wirkungen gibt“, moniert Armin Schuster vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg.

Das liegt womöglich auch daran, dass es in Deutschland zwar prinzipiell eine Zulassungspflicht für bakterienabtötende Substanzen gibt, die für die Ausrüstung antimikrobieller Materialien verwendet werden. Doch Produkte, die alte Wirkstoffe wie Silber oder Triclosan enthalten, fallen noch unter eine Übergangsregelung, nach der eine Meldung ausreicht.

„Die Produkte müssen gemeldet werden, aber das ersetzt keine Zulassung“, betont Gudrun Krömer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Derzeit arbeitet die Zulassungsbehörde an der Bewertung der einzelnen bioziden Wirkstoffe auf europäischer Ebene. Allerdings: „Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis alle Wirkstoffe geprüft sind“, sagt Krömer.

Die toxikologische Bewertung selbst übernimmt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Dessen Experten weisen ausdrücklich darauf hin, dass Nutzen und Risiken bei antimikrobieller Ausrüstung von Bekleidungstextilien sorgfältig gegeneinander abgewogen werden sollten. Und das ist bei der schlechten Datenlage im Moment nicht nur schwierig, es bleibt auch dem Verbraucher selbst überlassen, wie Krömer bemängelt.

Armin Schuster, der in Freiburg unter anderem für das Testen neuartiger Produkte zuständig ist, hält nach wie vor von den antimikrobiellen Textilien nichts: „Der angestrebte Effekt der antimikrobiellen Textilien ist verzichtbar - selbst wenn die Hautflora nicht beeinflusst wird“, sagt er. Für ihn ist die Hightech-Kleidung reine Ressourcenverschwendung.