Arbeitsmedizin

Wie Nachtarbeit etwas gesünder werden kann

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Marc Herwig

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Nachtarbeit kann der Gesundheit schaden. Mit Lichtduschen oder besseren Schichtplänen allein ist es da nicht getan.

Baden-Württemberg ist eine Hochburg der Nachtarbeit: Bei Autoherstellern, Zulieferern und im verarbeitenden Gewerbe stehen die Bänder selten still. 12,4 Prozent der Erwerbstätigen müssen im Südwesten nach Angaben des Statistischen Landesamts auch nachts in den Betrieb, bundesweit waren es 2009 nur 8,3 Prozent. Und es werden immer mehr.

Arbeitsmediziner beobachten diesen Trend sehr aufmerksam.Denn regelmäßige Nachtschichten lösen bei vielen Beschäftigen Schlafstörungen oder Herz- Kreislaufbeschwerden aus. Vor allem die Zeit zwischen 1 Uhr und 5 Uhr nachts ist problematisch. „Das sind Uhrzeiten, zu denen eigentlich kaum jemand wach wäre“, sagt Monika Rieger, Professorin für Arbeitsmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. „Junge Menschen können das meist noch ganz gut wegstecken. Aber mit zunehmendem Alter kann regelmäßige Nachtarbeit zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.“

Schlafstörungen sind die häufigste Folge, weil der Körper seinen Rhythmus nicht mehr findet. Etwa 16 Prozent der Menschen, die rund 40 Stunden pro Woche in unterschiedlichen Schichten arbeiten, leiden an Schlafstörungen. Bei den Beschäftigten, die nur tagsüber arbeiten, sind es lediglich 9 Prozent, rechnet Rieger vor. Besonders beliebt seien die Nachtschichten bei den Arbeitnehmern deshalb nicht, sagt Christoph Dreher, Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Ulm.

„Soziale Beziehungen werden durch die Nachtschichten schon ein Stück weit kaputt gemacht", so Dreher. "Wenn sich jemand in einem Verein engagieren oder abends Freunde treffen will, geht das durch den Schichtdienst oft nicht.“ Die Firmen müssten deshalb stark werben, um genügend Freiwillige zu bekommen.

Vor allem der finanzielle Zuschlag von 30 Prozent sei oft das entscheidende Argument für die Arbeiter. „Kaum jemand macht das, weil es ihm so wahnsinnig viel Spaß macht, nachts zu arbeiten.“ Gerade in kleineren Betrieben würden Mitarbeiter aber auch gegen ihren Willen zur Nachtarbeit verpflichtet, kritisierte Dreher. Allerdings haben auch die Unternehmen ein Interesse daran, dass ihre Mitarbeiter motiviert und gesund in die Nachtschicht gehen. In einigen Betrieben werde deshalb mit besonderen Lampen, sogenannten Lichtduschen, experimentiert, um die nächtliche Müdigkeit zu verringern.

Außerdem arbeiten Arbeitsmediziner an modernen Schichtplänen: „Niemand sollte mehr als zwei oder drei Nächte am Stück arbeiten, sonst gerät der Körper zu sehr aus dem Gleichgewicht“, sagt Rieger. Die Annahme, dass man sich nach einigen Tagen an den verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus gewöhne, sei längst widerlegt: „Der Körper richtet sich danach, wann es draußen hell ist.“

Aber auch die Arbeitnehmer können einiges tun, um möglichst gut mit Nachtschichten klar zu kommen. „Das fängt schon bei der Wohnungssuche an: Man muss ja tagsüber schlafen können. Deshalb braucht man eine Wohnung, die man abdunkeln kann, und in der es tagsüber ruhig ist“, sagt Arbeitsmedizinerin Rieger. Wichtig sei auch, dass man nicht morgens nach Feierabend einen Kaffee trinkt, sondern sich nach einer leichten Mahlzeit ins Bett legt.

Trotzdem: Ganz ausgleichen lässt sich der verschobene Tag-Nacht-Rhythmus nicht – denn kaum ein Mensch schläft tagsüber genauso gut wie in der Nacht, sagt die Professorin. „Und Vorschlafen ist auch kaum möglich. Das ist, wie wenn man Kinder an Silvester mittags ins Bett legt, damit sie am Abend wieder wach sind – das klappt ja auch nicht.“

( dpa )