Schlafforschung

Der ultimativen Wach-Droge auf der Spur

| Lesedauer: 2 Minuten
Elke Bodderas

Foto: PA

Die katastrophalen Fälle menschlichen Versagens haben oft eines gemeinsam: Sie passieren nachts. Der Tschernobyl-Reaktor explodierte um 1.30 Uhr, die Exxon Valdez lief um 0.30 Uhr auf Grund. Jetzt stellen Forscher eine Pille in Aussicht, die die Gefahr solcher Unfälle drastisch mindern könnte.

Schlafforscher kennen die Zeit, in der das menschliche Hirn in den Tiefschlaf fällt – und in der Schichtarbeiter zunehmend gegen die Leere im Kopf kämpfen müssen. Nachtarbeit bedeutet, mit einem Missverhältnis zwischen der eigenen inneren Uhr und dem speziell eingetakteten Arbeits-Schlaf-Rhythmus zurechtkommen zu müssen. Die Folgen: Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Orientierungslosigkeit, Depressionen, Reizbarkeit und stark verminderte Leistungsfähigkeit.

Den Grund für dieses Leistungsloch haben die Forscher der Universität Houston aufgedeckt: Demnach fällt die kritische Zeit mit einem Hoch des menschlichen Hormons Melatonin im Kopf zusammen. Melatonin ist bekannt als „Hormon der Dunkelheit“, es steuert bei vielen Lebewesen den Tag-Nacht-Rhythmus, ebenso wie beim Menschen. Melatonin ist aber viel mehr als nur ein natürliches Schlafmittel – das fand das Team um Gregg Roman heraus.

Das Dunkelheits-Hormon schläfert nicht nur ein, sondern blockiert auch die Gedächtnisbildung in unserem Gehirn. Dieser Prozess lässt sich durch verschiedene Substanzen leicht stören, wie die Biochemiker in der aktuellen Ausgabe von „Science“ beschreiben. „Wir blockierten den Melatonin-Rezeptor von Zebrafischen“ sagt Roman, „mit dem Effekt, dass wir das Lernvermögen der Fische deutlich steigern konnten – sowohl tags als auch nachts.“

In den USA wird Melatonin seit Jahren millionenfach als Schlafmittel eingenommen. In Deutschland ist Melatonin erst seit Juni dieses Jahres als Mittel gegen Schlafstörungen zugelassen. Das Hormon wird von der erbsengroßen Zirbeldrüse im Gehirn ausgeschüttet, sobald es abends dunkel wird.

Die Folge ist Müdigkeit. Fällt tagsüber Licht ins Auge, geben Sensoren in der Netzhaut der Drüse das Signal, den Melatoninspiegel im Blut wieder abzusenken. Werden die Nächte im Frühjahr kürzer, sinkt auch die Dauer des Melatonin-Signals. Weil bei Frühaufstehern der Melatoninspiegel früher am Abend ansteigt, fühlen sie sich bei der Umstellung auf die Sommerzeit fitter als Morgenmuffel.

Ebenso drastische Effekte wie hohe Konzentrationen von Melatonin ruft die Abwesenheit des Dornröschen-Hormons im Hirn hervor – das konnten Gregg Roman und sein Team zeigen. „Wir konnten die geistigen Fähigkeiten bei Nacht dramatisch verbessern“, schreibt Roman in seiner Studie, „die gleiche Substanz kann Nachtarbeitern helfen, viel weniger Fehler zu machen.“