Verhütung

Zweite Chance der "Pille" für den Mann

Schon einmal hat es eine bereits angekündigte Antibabyspritze für den Mann nicht auf den Markt geschafft: Einen neuen Anlauf wagen nun chinesische Forscher – die Zuverlässigkeit ihrer Spritze soll bei 99 Prozent liegen. Sie verhindert demnach Schwangerschaften genauso verlässlich wie die Antibabypille für Frauen.

Chinesische Ärzte haben eine neue Verhütungsmethode für Männer erfolgreich getestet: die Testosteronspritze ist so sicher wie ein Kondom oder eine Antibabypille für Frauen. Ihr Versuch, so hoffen die Forscher, könne das Interesse am Verhütungshormon für Männer zumindest in einigen Kulturkreisen wieder aufleben lassen.


Vor zwei Jahren hieß es noch, der Durchbruch stehe kurz bevor. Dann aber hat der Pharmakonzern Bayer-Schering die Sache kurzfristig abgeblasen. Medizinisch-pharmakologisch gab es dafür keinen Grund. Das Mittel – Implantat oder Pflaster plus Hormonspritze – wirkte zuverlässig befruchtungsverhütend und war physisch gut verträglich. Aber offenbar kam bei den damaligen Testläufen die männliche Menschheit seelisch mit dem neuen Präparat nicht zurande.


Als einziger Konzern hat Schering zusammen mit dem amerikanisch-niederländischen Konzern Oregon die Verhütungspille beim Mann empirisch erforscht. Mehr als 1500 Männer hatten bis dahin das Mittel getestet. Ergebnis: Fast alle Teilnehmer beklagten Stimmungsschwankungen, emotionale Hochs und Tiefs, die sie auf die angeblichen Hormongaben zurückführten. „Am meisten erstaunte uns“, sagt Professor Eberhard Nieschlag, Androloge vom Uni-Klinikum in Münster, „dass auch jene Männer Nebenwirkungen beklagten, die nur Placebos bekommen hatten.“ Die Teilnehmer berichten über zwei Gefühlszustände – Übersexualität und Untersexualität. Dazwischen hat sich nicht viel abgespielt. Und so lieferten die Studien, gleichsam als Nebenprodukt, eine wichtige Erkenntnis über das männliche Sexualtemperament: Auch Männer haben ihre Tage – ob mit Pille oder ohne. Diese irrationale Überempfindlichkeit der Männer ist einer der Gründe, warum das Mittel vor zwei Jahren scheiterte.

Die neuen Tests verlaufen nun vielversprechend – sie unterliegen aber auch der Kontrolle der chinesischen Behörden, welche die Gemütsverfassung ihrer Testkandidaten weitgehend außen vor gelassen hat: Die Forscher testeten Hormonspritzen zwei Jahre lang an 1045 chinesischen Männern. Die Probanden bekamen monatlich eine Spritze mit 500 Milligramm Testosteron-Undeconat in Teebaumöl. Das Ergebnis fasst Yi-Qun Gu vom Nationalen Forschungsinstitut für Familienplanung so zusammen: „Die Spritze könnte eine gute Alternative zum Kondom oder zur Sterilisation sein“, schreibt er im „Society's Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism“.

Alle Teilnehmer hatten in den zwei Jahren vor Studienbeginn bereits ein Kind gezeugt und lebten mit gesunden Partnerinnen im gebärfähigen Alter zusammen. Nach dem Absetzen waren die Männer wieder zeugungsfähig. Weitere Studien müssten nun die gesundheitliche Wirkung auf Herz und Prostata der Männer untersuchen, heißt es. Ist das geklärt, könnte diese Form der Verhütung in der chinesischen Ein-Kind-Kultur beliebt werden.

„Mit der Männer-Pille kehren sich die reproduktiven Machtverhältnisse um“, sagt Nieschlag, „vielleicht ist darum die Akzeptanz in einigen Kulturkreisen überraschend gut: Sogar in Macho-Ländern wie Brasilien haben die Männer nichts gegen die Spritzen einzuwenden.“ Bei der Männer-Pille gilt das Gleiche wie für Frauen, sagt Nieschlag: „Die Akzeptanz ist an den Bildungsstand gekoppelt, je mehr Frauen Abitur haben, desto mehr Pillen werden geschluckt.“