Medizin

Wie die Pille in fünf Jahrzehnten die Welt eroberte

Als die Antibaby-Pille vor 50 Jahren erstmals zugelassen wurde, ahnte man nicht, welche Folgen dies für die Gesellschaft haben wird. Das neue Verhütungsmittel sorgte für eine sexuelle Befreiung und auch für einen Geburtenknick. Frauen konnten nun selber entscheiden, wann und wieviele Kinder sie haben wollte.

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Für die Frauen war sie eine Revolution, die Moralwächter vor allem in der katholischen Kirche verteufelten sie hingegen: Vor 50 Jahren wurde in den USA erstmals die Antibaby-Pille zugelassen. In Deutschland kam die Pille ein Jahr später unter dem Namen Anovlar auf den Markt – und läutete damit die sexuelle Revolution ein.

Heute ist sie eines der am meisten genutzten Verhütungsmittel. Allein in Deutschland schützen sich mehr als sechs Millionen Frauen mit der Pille vor einer ungewollten Schwangerschaft. Mit der Pille konnten die Frauen erstmals selbst bestimmen, wann und wie viele Kinder sie bekommen wollten.

Paare mussten keine Angst mehr vor ungewollten Schwangerschaften haben und empfanden die Pille als sexuelle Befreiung. Die Antibabypille war so revolutionär, dass sie 1961 zunächst als Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen eingeführt und anfangs nur verheirateten Frauen verschrieben wurde. Konservative Moralhüter aus Kirche und Politik liefen Sturm und fürchteten um den Verlust von Sitte und Anstand. Auch deshalb wurde die Pille anfangs eher verhalten aufgenommen.

Doch der aufbegehrenden jungen Generation kam sie gerade recht. Immer mehr Frauen schluckten das kleine Dragee, was Anfang der 70er Jahre in Westdeutschland zum sogenannten Pillenknick führte. Die Zahl der Geburten brach deutlich ein, und stagniert bis heute auf diesem Niveau.

In der DDR sorgte die 1965 unter dem Namen Ovosiston eingeführte Pille, die als „Wunschkindpille“ propagiert wurde, für weit weniger Aufregung. Auch der Pillenknick blieb in Ostdeutschland aus, unter anderem weil der Staat mit Kinderkrippen vorsorgte.

Im Bunde mit der Emanzipation der Frau habe die Pille die „hervorstechendste Wandlung“ in der deutschen Gesellschaft verursacht, sagte Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einst in einem Interview. Die Folge seien nicht nur sinkende Geburtenraten gewesen, sondern auch eine „sehr schnelle Überalterung“ der Gesellschaft mit all ihren Konsequenzen für den Sozialstaat.

Die katholische Kirche blieb bis heute schärfster Widersacher der Pille. Im Jahre 1968 veröffentlichte der damalige Papst Paul VI. die Enzyklia „Humana Vitae“. Darin verbietet die katholische Kirche den Gläubigen jegliche Form von Verhütungsmitteln mit der Begründung, der sexuelle Akt sei nur dann sittlich gut, wenn er der Fortpflanzung diene. Auch Papst Benedikt XVI. hält daran fest.

Den Siegeszug der Pille konnte dies nicht aufhalten. Weltweit nehmen heute rund 60 Millionen Frauen die Pille. In Deutschland verhütet laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) von 2007 mehr als jede zweite Frau zwischen 20 und 44 Jahren mit dem Hormonpräparat.

Anders als die Pillen der ersten Generation, die noch ein hochdosierter „Hormon-Cocktail“ waren, sind die heutigen Präparate wesentlich niedriger dosiert und verträglicher. Ganz ohne Nebenwirkungen sind diese Medikamente aber nicht. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt die von Bayer-Schering vertriebenen Antibaby-Pillen Yaz und Yasmin, die mit Lungenembolien und Todesfällen junger Mädchen in Deutschland und der Schweiz in Verbindung gebracht werden.

Kritiker fordern daher einen Verkaufsstopp für diese Form der Antibaby-Pille. Tatsächlich kann es vor allem im ersten Jahr nach Beginn der Einnahme der Pille allgemein in seltenen Fällen zu Embolien kommen. In der Fachinformation für Yasmin wird auf dieses Risiko seit kurzem verstärkt hingewiesen.

Darüber hinaus macht Wissenschaftlern eine ganz andere Beobachtung Sorge: Zumindest bei Fischen konnten sie nachweisen, dass Hormonrückstände der Antibaby-Pille im Wasser Schaden anrichten können. Die künstlichen Hormone der Pille werden über Toiletten und Klärwerke hinaus in Gewässer geschwemmt – mit der Folge, dass manche männliche Fische weibliche Merkmale ausbilden.